Vancouver 2010

Andre Lange ist der Schumacher des Bobfahrens

Mit vier olympischen Goldmedaillen ist Andre Lange bereits jetzt der erfolgreichste Rodler der Sportgeschichte. Die Konkurrenz huldigt ihm, DOSB-Generaldirektor Michael Vesper fühlt sich bestätigt, ihn als Fahnenträger für die Eröffnungsfeier ausgewählt zu haben. Doch Lange hat in Vancouver noch Großes vor.

Thomas Florschütz (32) stand vor einem Rätsel. Da hatte der Pilot im Zweierbob gerade das Duell um Gold gegen André Lange (36) verloren, doch warum, darauf fand er keine Antwort. „Eigentlich haben wir alles richtig gemacht. Schwer zu sagen, warum André zwei Zehntelsekunden schneller war. Wenn ich’s wüsste, hätte ich Gold geholt.“

So ist das sehr oft mit dem Thüringer André Lange: Er siegt und lässt die Konkurrenz ratlos, zuweilen auch mutlos zurück, obwohl sie sich nicht aussichtslos wähnte. „Er ist ja nicht unschlagbar!“, insistierte Florschütz am Sonntagabend im Whistler Sliding Centre, nachdem er mit seinem Bremser Richard Adjej den drittplatzierten Russen Alexander Subkow souverän auf Distanz gehalten hatte.

Allgemein mag Florschütz’ These gelten. Nur bei Olympischen Spielen, da macht eben Lange die Gesetze. Der Olympiasieg war sein vierter in Folge nach 2002 (Vierer) und 2006 (Zweier und Vierer), stets kauerte als Bremser Kevin Kuske (31) hinter ihm.

„Es hat sich sehr gut angefühlt hinten“, feixte Kuske nach vier so rasanten wie abgeklärten Fahrten seines Piloten durch den ultraschnellen Eiskanal in Whistler. Am Sonnabend können er und Lange ein fünftes Mal gemeinsam Gold holen. Auch mit dem Viererbob sind sie klarer Favorit.

Werten im Sinne einer Rangfolge mochte Lange seine vier Olympiasiege nicht – nur so viel: „Dieser war der schwierigste, weil die Erwartungshaltung der ganzen Welt so hoch war. Und Erwartungen zu erfüllen, ist nicht immer ganz einfach.“ Selbst für einen wie ihn nicht, der von außen in diesen Tagen stets so wirkte, als ruhe er buddhaesk in sich selber.

„Es war definitiv mein letzter Zweier-Lauf. Jetzt kommt noch der Vierer, dann ist es vorbei“, sagte Andre Lange, und unter rosigen Wangen umspielte ein feines Lächeln seine Lippen. Lange sieht es angesichts des sich abzeichnenden Karriereendes pragmatisch wie fast alles: „Das ist dann eben so.“

Während der Olympiasieger von gar zu exzessiver Feierei vorerst absah („Ab Dienstag geht es im Training mit dem Vierer weiter“), huldigten dem erfolgreichsten deutschen Bobpiloten schon jetzt Weggefährten wie Ivo Rüegg. „Es ist eine Ehre, mit Andre zusammen gefahren zu sein“, sagte der Schweizer nicht ohne Pathos. Und Michael Vesper bescheinigte als Generaldirektor seinem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) flugs eine weise Entscheidung: „André Lange hat zu Recht unsere Fahne getragen. Er ist ein echtes Vorbild und eines der Gesichter dieser Spiele.“

Inwieweit Lange dem Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) erhalten bleiben wird, steht noch nicht endgültig fest. „Im Moment wagt sich noch keiner vorzustellen, was ist, wenn wir wieder in Deutschland sind“, sagt Bundestrainer Carsten Embach: „André hat aber schon signalisiert, dass er mit uns weiter arbeiten will. Vielleicht stehen wir dann bald gemeinsam neben dem Schlitten.“

Embach (41) kennt Lange schon eine kleine Ewigkeit. Als Anschieber gewann er mit dem Ausnahmepiloten 2002 Viererbob-Gold. Embach sagt: „André war schon als Junior sehr ruhig, sehr besonnen, auch was Materialfragen angeht. Er ist sehr, sehr penibel, kann sich jedes Detail vorstellen."

Lange – Spitzname „Bärchen“ – ist so etwas wie der Mustermann in einem Musterverband. Neun Medaillen steuerte die Kufenfraktion des DOSB bislang zur Gesamtauswertung bei, darunter drei goldene. Und die Entscheidungen im Frauen-Zweierbob und im Männer-Vierer folgen ja erst noch. „Dieser Verband“, schwärmt DOSB-General Vesper, „arbeitet mit einer beispielhaften Konsequenz auf Olympia hin.“

André Langes Wirken über die letzten beiden Olympiaden ist Beleg genug für diese These. Den Berufssoldaten aus Suhl zeichnet eine Akribie aus, wie sie an andere Große ihres Fachs erinnert. „André ist für mich der Michael Schumacher des Bobsports“, sagt etwa BSD-Vizepräsident Rainer Jacobus: „Es gibt keinen, der so gut ist wie er, der eine Bahn so lesen kann wie er. Ihm reicht niemand das Wasser.“

Dabei hielt das vergangene Jahr, man muss es so sagen, ziemlich viele lausige Phasen bereit mit schwachen Ergebnisse, Verletzungen und insbesondere dem Hickhack um den Bob des BSD-Hauslieferanten FES (Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten). Nachdem er mit technischen Tücken gehadert hatte, wäre Lange im Vierer frustriert fast zum Konkurrenten gewechselt. Das Ende ist bekannt: Das FES besserte unter Mithilfe von Bob-Idol Christoph Langen nach, in Whistler hat Lange nun schon im Zweier den Vorteil neuer Kufen aus Berlin ausgespielt.

Im Vierertraining ab heute und auch im Wettkampf wird Lange Anschieber René Hoppe wegen einer Wadenblessur fehlen. Alexander Rödiger, vorher für den dritten deutschen Piloten Karl Angerer (9. im Zweier) im Einsatz, soll Hoppe ersetzen. „Es wäre zwar vermessen zu sagen, dass Andre im Vierer nicht zu den Mitfavoriten zählen würde“, sagt Christoph Langen. Ein Selbstläufer jedoch werde die Konkurrenz im Großschlitten nicht werden. Dafür ist allein die Umstellung auf den schnelleren, deutlich schwereren Bob mit anderem Lenkverhalten und anderen Fliehkräften zu knifflig. Langen: „Die 630 Kilo verzeihen keinen Fehler. Und die Konkurrenz ist breiter, es gibt ausgesprochene Vierer-Spezialisten im Feld.“ André Lange soll es Recht sein – er liebt Herausforderungen.