Es gibt eine Anekdote, die recht anschaulich die Unterschiede zwischen Maria Riesch (25) und ihrer Schwester Susanne (22) illustriert. Und die geht folgendermaßen: Als Teenager borgte sich die Jüngere der beiden Skirennläuferinnen öfters Kleidung von der Älteren, trug sie dann eine Weile – und legte sie anschließend heimlich mit Flecken zurück in den Schrank. Ganz schön böse.
Heute lacht Maria Riesch, wenn sie sich an damals erinnert: „Ich war schon froh, wenn sie sie mir überhaupt zurückgebracht hat.“ Sie sei das genaue Gegenteil von Susanne, sagt die Olympiasiegerin in der Superkombination: „Akkurat, ordentlich, total zuverlässig. Bei mir muss alles passen. In letzter Zeit hat sich Susanne aber zum Positiven verändert, nachdem sie lange der Chaostyp war.“
Doch so unterschiedlich die beiden Bayerinnen charakterlich auch sein mögen, sie halten stets zusammen – selbst wenn sie als sportliche Gegnerinnen aufeinander treffen wie am Freitag (22.30 Uhr) im olympischen Slalomrennen als Weltcuperste (Maria) und -sechste dieser Disziplin. Susanne sagt: „Ich werde wie immer einschlagen vorher mit Maria. Wir pushen uns gegenseitig.“ Seitdem die jüngere Riesch im Skiweltcup diesen Winter ihren ersten Podestplatz erobert hat, können sich beide auch sportlich auf gleich hohem Niveau kabbeln. „Ich bin sehr stolz, dass auch meine Schwester Susi in Whistler startet“, sagt Maria, und es klingt aufrichtig. Wenngleich es trotz der Familienbande auch großes Konkurrenzdenken zwischen den beiden gibt. „Interessant ist, wenn sie miteinander über Slalom reden, merkt man, dass keine irgendwie zurückzieht. Beide wissen voneinander, dass die eine die andere besiegen kann“, sagt Chefbundestrainer Mathias Berthold.
In dieser Saison schaffte es Susanne Riesch erstmals, nicht nur als Schwester des Superstars, sondern als eigene Sportlerpersönlichkeit wahrgenommen zu werden. „Susanne hat lange genug in meinem Schatten gestanden, und es war nicht immer einfach für sie“, sagt Maria Riesch. „Sie hat ihre eigene Persönlichkeit und will nicht immer nur in Verbindung mit mir genannt werden.“
In der Regel war Maria im Slalom besser, aber das eine oder andere Mal war auch schon „die Suse“, wie sie in der Familie genannt wird, schneller. Beim Weltcup in Zagreb stand sie gar auf dem Podest und die berühmte Schwester als Vierte nur daneben.
„Den großen Sprung hat Susi vom vergangenen Jahr auf dieses gemacht. Sie ist zum Profi geworden und arbeitet fleißig“, erklärt Berthold. Bei Maria Riesch, die in frühen Jahren nicht mit dem letzten Eifer beim Konditionstraining dabei war, sei das ähnlich gewesen. Allerdings sei ihr auch vieles leichter von der Hand gegangen. „Letztlich sind sie schwer zu vergleich, weil beide sehr unterschiedliche Typen sind“, sagt Berthold über die Vielfahrerin (Maria) und die Slalomspezialistin (Susanne).
Die Schwesternvergleiche, sagt Susanne, stören sie nur, wenn sie falsch sind. Sie sei nicht die Chaotin, als die sie im Vergleich zur wohlorganisierten Maria schon dargestellt wurde. „In meiner Wohnung ist es auch ordentlich“, sagt sie und betont nachdrücklich, sie möchte nicht nur als Anhängsel der Slalom-Weltmeisterin wahrgenommen werden. Aber die Schwester, mit der sie sich auch gern im Tennis misst, sei in Sachen Ordnung extrem. „Die stört es ja schon, wenn eine Jacke über dem Stuhl hängt“, sagt Susanne Riesch.
Sie und Maria sind nur eins von etwa 50 Geschwisterpaaren, die dem Slogan „Olympische Familie“ bei diesen Winterspielen eine tiefere Bedeutung geben. Eishockey spielende Schwestern sind unter den Teilnehmern wie die amerikanischen Zwillinge Jocelyne und Monique Lamoureux (20), Eis laufende Geschwister wie Christina (25) und William Beier (27) aus Berlin oder die Kombiniererbrüder wie Jan (26) und Tommy Schmid (21). Deren Eltern haben es besonders schwer – sie benötigen zum Anfeuern eine schweizerische und eine norwegische Flagge, seit Jan 2006 Nationalität und Skiverband gewechselt hat. Die Brüder fechten nun eigene Wettkämpfe im Wettkampf aus. „Auch wenn du nicht so gut bist, feierst du immer einen kleinen Sieg über deinen Bruder“, feixt Jan Schmid. Tommy auf der anderen Seite findet, Skifahren gegen seinen Bruder mache Spaß – „vor allem, wenn er hinter mir landet“.
Olympia wird oft dann zur Familiensache, wenn Nationen ohne große finanzielle Ressourcen ins Spiel kommen. Die Simari Birkners zum Beispiel stellen 50 Prozent der Nationalmannschaft Argentiniens. Sowohl Christian Javier (29) als auch seine Schwestern Macarena (25) und Maria Belen (27) treten in den alpinen Skiwettbewerben an, die beiden Frauen heute, ihr Bruder morgen im Slalom.
Noch mehr als Maria und Susanne Riesch sind während der Saison Roman (26) und Alexandra Zaretsky (22) gemeinsam unterwegs. Die Geschwister starteten in Vancouver für Israel im Eistanzen und belegten dort Rang zehn. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir gegenseitig des anderen ein bisschen müde werden könnten, weil wir immer miteinander zu tun haben“, sagt Alexandra Zaretsky. Aber die Tatsache, dass sie Olympia und „diese Erfahrung hier mit meine Bruder teile, ist das schönste Gefühl der Welt“.
Frag nach bei den Beckerts! Stephanie (21) und Patrick (19) – nur zwei von sechs sportlichen Geschwisterkindern aus Erfurt – sind in Vancouver für Deutschland als Eisschnellläufer gestartet, die Ältere gewann sensationell zweimal Silber. „Dass wir beide hier sind, ist das Beste, was uns passieren konnte“, sagt Stephanie Beckert: „Ich unterstütze ihn, und er unterstützt mich.“
Erfolgreich den engsten Kontakt aller Geschwisterpaare aber hatten in Whistler die rodelnden Österreicher Andreas und Wolfgang Linger. Als Doppelsitzer holten sie bei den Spielen wie schon vor vier Jahren Olympiagold, obwohl sie ihre Charaktere als durchaus verschieden beschreiben. Andreas, der ältere der Tiroler Brüder, gilt als selbstbewusster, detailversessener Tüftler, Hintermann Wolfgang ist für den Spaß zuständig.
Auf ihrer Homepage prangt ein Motto: „Wenn Brüder zusammenarbeiten, verwandeln sich Berge in Gold!“ Manchmal allerdings auch nur in Silber: Platz zwei bei den Doppelsitzern ging an die Letten Andris und Juris Sics.





