Am Ende ihres aufreibenden Arbeitstages sah Maria Riesch aus wie eine Ultramarathonläuferin, die sich so eben noch ins Ziel geschleppt hatte: Glücklich, aber völlig ausgepumpt. Matt reckte die Partenkirchenerin ihre Skier über den Kopf, als der größte Erfolg ihrer Karriere als alpine Rennläuferin unter Dach und Fach war. Die Slalom-Weltmeisterin Riesch ist seit nun auch Olympiasiegerin in der Super-Kombination, und es besteht kein Zweifel daran, dass sie sich diesen Triumph redlich verdient hat.

„Es ist eine großartige Leistung, denn die Erwartungen waren riesig“, ächzte Riesch glücklich: „Deshalb, ja, bin ich erleichtert. Olympiagold steht über allem. Es ist das Beste, was du kriegen kannst, das größte Ziel für jeden Athleten.“ Viele hätten die Möglichkeit, Medaillen zu gewinnen: „Aber wenn man dann da ist, muss man es erstmal schaffen.“

0,94 Sekunden hatte die Bayerin am Ende Vorsprung auf die wie am Vortag zweitplatzierte Amerikanerin Julia Mancuso, weitere 0,11 Sekunden hinter ihr folgte Anja Pärson aus Schweden. „Manchmal klappt es nicht, da kannst du tun, was du willst. Heute passte alles. Es war, wie ich es gesagt hatte: Um eine Medaille zu holen und obendrein Gold, muss alles perfekt sein.“

Das Ziel der Allrounderin war immer eine Olympiamedaille gewesen. 2006 jedoch fehlte sie verletzt bei den Spielen in Turin, vier Jahre zuvor war die heute 25-Jährige nicht qualifiziert. Die Einzeldisziplinen betrachtet, konnte Riesch dieses Mal getrost als Favoritin betrachtet werden. Im Slalom-Weltcup belegt sie derzeit wie schon zum Abschluss des Vorjahres Rang eins, im Abfahrts-Weltcup Platz zwei hinter Vonn.

Gleichwohl hatten die Spiele für die Perfektionistin alles andere als perfekt begonnen. Im Abfahrtslauf am Mittwoch fuhr Riesch beim Sieg der Amerikanerin Lindsey Vonn nur auf Rang acht, was durchaus Spuren hinterlassen hatte. „Eine kleine Welt“ sei danach zusammengebrochen, gestand sie. Ganz anders trat sie keine 24 Stunden später auf der anspruchsvollen Piste „Franz’s Run“ auf. Riesch: „Eine starke Wiederauferstehung. Ich habe gewusst, dass ich gut drauf bin, kein Vergleich zu gestern. Ich hatte eine innere Ruhe, weil ich wusste, dass mir der Lauf liegt, und dass ich eine Medaille gewinnen würde, wenn ich einfach nur fahre, was ich kann.“

Einfach nur fahren, was man kann – wenn es doch immer so einfach wäre. Lindsey Vonn etwa, die nach dem Abfahrtslauf noch mit 0,33 Sekunden vor Riesch geführt hatte, ist auch eine ausgewiesen gute Slalomfahrerin. Doch versagten ihr die Nerven. Sie schied im Stangenwald aus. „Ich wusste, dass Maria und Julia gute Läufe hatten, also musste ich alles geben – und im Slalom kann alles passieren“, sagte Vonn. Sie war dennoch „stolz“ auf ihre deutsche Freundin: „Ich weiß, dass Maria sehr nervös war, deswegen bin ich sehr happy darüber, was sie geschafft hat.“

Rieschs Fähigkeit, Enttäuschungen wie jene vom Tag zuvor in Motivation umzuwandeln, konnte nach dem ersten Olympiasieg einer deutschen alpinen Rennläuferin seit Hilde Gergs Slalomerfolg 1998 gar nicht genug gelobt werden. „Das ist eine großartige und positive Eigenschaft von Maria, dass sie Rückschläge so schnell wegstecken und umschalten kann“, urteilte der deutsche Alpindirektor Wolfgang Maier. Nicht nur er meint: „Wenn du Olympiasieger bist und Weltmeister, dann bist du in der Champions League!“

Hatte etwa eine Standpauke von Mathias Berthold den Star im Team wachgerüttelt? Eine „indiskutable Leistung“ soll er der Mitfavoritin nach der Abfahrt bescheinigt haben, und dass er von ihr ob ihrer Einstellung „enttäuscht“ sei. „Der Mathias ist immer mal ein bissl ranzig, er lebt es anders aus“, sagte Maier augenzwinkernd. „Natürlich ist es emotional. Du fährst zu Olympia mit hohen Erwartungen, und dann geht’s im ersten Rennen gleich daneben.“

Extremsituationen ist Riesch gewöhnt. Zu den Weltmeisterschaften vor genau einem Jahr in Val d’Isère etwa reiste sie als Favoritin an, fuhr Ihren Ansprüchen aber hinterher, stürzte obendrein im Training – und gewann dann im letzten Wettbewerb Gold. „Ich bin froh, dass ich eine solche Situation schon einmal erleben musste – oder durfte“, sagt Riesch. „Der Druck war groß, aber ich habe es am Ende im Slalom doch noch gut hin bekommen. Im Prinzip ist Olympia ja vergleichbar.“

Eine Sensation an diesem sonnig-kalten Vormittag in Whistler war aber auch, dass Anja Pärson (29) nicht nur tatsächlich an den Start ging, sondern auch noch Bronze holte. Schließlich steht zu vermuten, dass die Schwedin ihre Nationalfarben Blau-Gelb nach dem Abfahrtsrennen nicht nur auf dem Rennanzug, sondern auch am eigenen Leib trägt. Am Mittwoch war ihr halsbrecherischer Schlusssprung über etwa 60 Meter in einem Sturz auf den steilen Zielhang gemündet. „Wenn man den Crash sieht, ist es erstaunlich, dass sie überhaupt laufen kann“, sagte der Trainer der früheren Weltmeisterin, Ulf Emilsson. Nun hat Pärson bereits ihre sechste olympische Medaille gewonnen.

„Im Bett wusste ich gar nicht, auf welche Seite ich mich drehen soll. Ich war sehr nervös, dass ich hier vielleicht kein Rennen mehr bestreiten könnte“, sagte Pärson und fügte grinsend hinzu: „Ich habe überall Prellungen. Aber das größte Problem war, ehrlich gesagt, die Prellung am Po.“ Zeigen wollte die Schwedin sie aber nicht – „dafür bin ich zu schüchtern“.