Ingo Steuer (43) ist keiner, der lange um etwas herumredet. „Ja“, sagt er, „Platz zwei wäre eine Enttäuschung. Wir wollen Gold!“ Die anderen zwei Drittel des Wirs verziehen in diesem Moment keine Miene. Aljona Sawtschenko (26) und Robin Szolkowy (30) kennen die Ansprüche ihres Trainers. „Uns bringt nichts aus der Ruhe. Wir sind beide ganz relaxt“, sagt Szolkowy. Seine Partnerin, die auf dem Eis, lächelt tapfer dazu.

Stärke demonstrieren, das hat Steuer in den vergangenen acht Tagen seit der Ankunft in Vancouver immer wieder von Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy verlangt. Nach zwei Weltmeister- und drei Europameistertiteln sollen die beiden Chemnitzer die Nachfolge von Ria und Paul Falk antreten. Die wurden 1952 als bislang letzte deutsche Eiskunstläufer Olympiasieger bei den Paaren. Und deshalb dürfen sich Sawtschenko und Szolkowy in den letzten Stunden keine Blöße geben.

Zumal ein Faktor nach Steuers Meinung schon für genug Unsicherheit sorgt: Die Preisrichter. Denn in der Szene gibt es Gerüchte, die Medaillen könnten längst verteilt sein und die beiden im schlimmsten Fall komplett leer ausgehen. „Preisrichter sind wie Regen und Tod, die kann man nicht beeinflussen“, hat Steuer einmal gesagt. Die Verhältnisse aber haben sich gewandelt. Bei der Europameisterschaft in Tallinn, als sein Paar „nur“ Silber hinter den Russen Yuko Kawaguchi/Alexander Smirnow gewonnen hatte, „waren sie nicht auf unserer Seite“, wie Steuer bemerkt.

Dabei sollte ein neues digitales Wertungssystem seit 2004 den Spielraum der Punktrichter für Manipulationen gewaltig beschneiden. Eine technische Kommission überprüft jetzt jede einzelne Wertung. Das hat zwar für den Ausgang des Wettbewerbs keine Konsequenzen mehr, jedoch für die Punktrichter – Anstand und Gerechtigkeit kehrten zu einem hohen Maß zurück.

„Das neue Wertungssystem bietet aber immer noch Schlupflöcher“, glaubt Steuer. Welche, will er nicht sagen, „nicht jetzt“. Dabei ist es auch so offensichtlich: Zwei Möglichkeiten nutzen das mächtige, nur aus drei Personen bestehende, „Technical Panel“ und die neun Preisrichter. Den Preisrichtern bleiben nach dem neuen Wertungs-System nur die Komponenten, die „B-Note“, um wesentlich in die Wertung einzugreifen. Und diese Möglichkeit nutzen sie noch unverschämter, als das schon im alten Wertungs-System der Fall war.

Den Technischen Spezialisten ist es vorbehalten, den Schwierigkeitsgrad der einzelnen Elemente, das so genannte „Level“, zu bewerten. Das verändert sich im Laufe der Saison kaum, außer wenn ein Läufer ein Element bewusst verändert oder verpatzt. Beim deutschen Paar wurden bei der EM gleich fünf sauber vorgetragene Elemente mit einem niedrigeren Level bewertet als bei vorangegangenen Wettbewerben. „Da stimmt irgendwas nicht. Da steckt etwas anderes dahinter. Was, das kann man sich an allen zehn Fingern abzählen“, zürnte Steuer. Eine Generalprobe für Vancouver?

Auch der Kanadier Richard Pound, Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), hält Regelbeugungen weiter für möglich, sagte er im kanadischen Fernsehen. Der ehemalige US-Preisrichter Joe Inman beklagte jüngst in einer Rundmail, dass seine europäischen Kollegen die Kunst beim Eislaufen aus den Augen verloren hätten. Das würde gerade die Amerikaner benachteiligen – und speziell dem Russen Jewgenij Pluschenko in die Wertung spielen.

Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy lächeln zu diesen Diskussionen in Vancouver nur noch tapfer. „Wenn wir keine Fehler machen, gewinnen wir. Also konzentrieren wir uns voll auf uns“, sagt Szolkowy. Die größte Konkurrenz um Gold kommt ohnehin nicht aus den USA und Kanada, sondern aus China. Für die Experten des US-Magazins „Sports Illustrated“ sind die ehemaligen Weltmeister Shen Xue/Zhao Hongbo die Favoriten. „Die sind stark“, sagt Steuer, „doch wir sind stärker.“