Olympiasportler sind keine Metropolentypen, jedenfalls oft nicht. Die Sportarten blühen im Verborgenen, in kleineren Städten und Dörfern, getragen von aufopferungsvollen und engagierten Amateuren. Mirko Englich stammt aus der Ringerhochburg Witten im Ruhrgebiet, er ist Feuerwehrmann. 2003 bis 2006 war er „Sportler des Jahres“ im Ennepe-Ruhr-Kreis, 2007 wurde er zur Wahl nicht nominiert, wohl, um auch anderen eine Chance zu lassen. Unterstützt wurde die Umfrage unter anderem von den Stadtsparkassen in Ennepetal-Breckerfeld, Gevelsberg, Sprockhövel und Witten. Gut möglich, dass Mirko Englich 2008 wieder im Ennepe-Ruhr-Kreis zum Sportler des Jahres gewählt wird, denn seit Donnerstagabend ist er Silbermedaillengewinner.
Klare Sache im Finale
Im Ringen im griechisch-römischen Stil der Klasse bis 96 Kilo verlor Englich im Finale gegen den Russen Aslanbek Chuschtow, einen alten Bekannten. Bei den Europameisterschaften im April in Finnland war Englich im Finale ebenfalls dem Mann unterlegen, der übrigens aus einem winzigen Dorf kommt, „nur 90 Haushalte“ brummte er. Auch diesmal eine deutliche Sache: Chuschtow gab im ganzen Turnier keinen einzigen Punkt ab.
In der zweiten Runde musste Englich 30 Sekunden ohne Punktverlust überstehen, um eine dritte, entscheidende Runde zu bekommen. Zwei Sekunden vor Schluss packte der Russe den Wittener und holte mit einem klassischen Überwurf den Sieg. Mit deutlichen Schrammen im Gesicht sagte Englich: „Eine Sekunde unaufmerksam. Das ist in unserem Sport entscheidend.“
Mirko Englich freut sich sehr über die Silbermedaille, keine Spur von Traurigkeit ist nach dem Kampf zu sehen, auch wenn er nach dem Wurf erst mal den Kopf senkt. Im Turnier hatte er sehr stark gekämpft, die Finalteilnahme kam doch überraschend. Vor vier Jahren in Athen war er noch Zwölfter. Im letzten Jahr blieb der Ringer in der Bundesliga unbesiegt, steigerte seine Leistung in diesem Jahr deutlich, trotz einer Verletzung, wie Bundestrainer Maik Bullmann erklärte, der 1992 in Barcelona die letzte deutsche Ringer-Medaille geholt hat. Für das Ringen ist die Silbermedaille ungemein wichtig, eine lange Durststrecke ist zu Ende, in den unteren Klassen waren die Deutschen am Mittwoch ziemlich baden gegangen.
Aus einer Ringer-Familie
Englich stammt aus einer Ringer-Familie. „Es gibt kaum Tage, wo wir nicht übers Ringen sprechen“, sagt er und strahlt dabei, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt. Sein Vater rang, seine Schwester Nina ringt – die Webseite heißt „englich-power.de“ –, viel Macht also vereint. Englichs Frau Yvonne war Junioren-Vizeweltmeisterin und ist immer noch amtierende Deutsche Meisterin. Sie stellte ihre Sportkarriere zurück, als sie die zwei Kinder bekam. Vorher, beim Familienrat, nahm sie dem Ehemann das Versprechen ab, bei Olympia eine Medaille zu holen. Mission erfüllt!
„Wenn es nicht geklappt hätte, hätte er sich eine neue Wohnung suchen müssen“, rief die strahlende Ehefrau. Natürlich saß der ganze Clan samt Eltern, Tante und Schwester anfeuernd und jubelnd im Publikum.
Den Kindern wird wohl nichts übrig bleiben, als auch Ringer zu werden. Will die Familie natürlich auch. Für Noah, 5, „ist Ringen das Größte“, sagt der stolze Vater, und die kleine Lotta, die bald zwei Jahre alt wird, übt jetzt schon Schulterwürfe mit den Puppen. Auch wenn der Papa mal vom Kämpfen und trainieren genug hat, kommt der Nachwuchs gerade recht. „Dann war ich glücklich, meiner Tochter mal die Windeln zu wechseln.“ Das sei wie Erholung.
Eklat eines Schweden
Der griechisch-römische Stil bedeutet, dass die Ringer sich nur von den Hüften an aufwärts anfassen dürfen. In den hohen Gewichtsklassen geht es ziemlich heftig zu, es dampft auf und an der Matte. Fleisch klatscht laut aufeinander. Die bärenstarken Kerle schenken sich nichts, und oft sind Schmerzen und Verletzungen die Folge. Ein türkischer Bronzegewinner hinkte mit verzerrtem Gesicht von der Matte, der schwedische Dritte in der 84-Kilo-Klasse warf nach der Siegerehrung aus Protest seine Medaille auf die Matte. „Das System ist korrupt. Die Medaille interessiert mich nicht. Das war mein letzter Kampf.“
Mirko Englich weiß noch nicht, ob und wie er weiter macht. In zwei Wochen wird er 30 Jahre alt, sein Trainer hatte vor dem Finale darauf hingewiesen, dass hier seine letzte Chance gekommen sei, nach zweiten Plätzen bei Welt- und Europameisterschaften auch einmal ganz oben zu stehen.
Seit 2007 lernt Englich an der Landesfeuerwehrschule in Eisenhüttenstadt in Brandenburg, das gibt ihm ausreichend Zeit für den Hochleistungssport. Seit Januar war er freigestellt, bis Mitte September hat der Ringer noch Urlaub. Er grinst. „Dann geht’s wieder an die Rohre.“ Klingt lustvoll nach harter Arbeit. Ringer mögen nun mal Kämpfe.
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