Am Montag herrschte Ruhe in Westend. Die Profis von Hertha BSC hatten frei, starten erst am Mittwoch mit der Vorbereitung auf das nächste Auswärtsspiel am Sonntag in Nürnberg (13.30 Uhr, Sky). Und der Rest des Vereins? Der erholte sich von der Mitgliederversammlung, die den Berliner Fußball-Zweitligisten tags zuvor mal wieder ein bisschen durchgerüttelt hatte.

Sechs Stunden lang tagte der Hauptstadtklub, wählte mit Anne Noske, Ralf Thaeter und Saravanan Sundaram drei neue Präsidiumsmitglieder und verkündete die erfreuliche Mitgliederzahl von 49.440. Am 11. November, beim Heimspiel gegen den Karlsruher SC, will Hertha dann das 50.000. Vereinsmitglied begrüßen.

Hertha BSC: Fortschritt und Rücktritt
Hertha BSC: Fortschritt und Rückschritt

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    Hertha BSC mit Rekordminus von 99,1 Millionen Euro

    Sowieso präsentierte sich der Klub am Sonntag so geschlossen wie lange nicht. Die hitzige Atmosphäre der vergangenen Versammlungen? Passé. Und das trotz eines neuen Rekordminus von 99,1 Millionen Euro. Doch die wirtschaftliche Schieflage ist – wenige Monate nach dem Zittern um die Lizenz – nicht mehr nur Grund zur Sorge. Geschäftsführer Tom Herrich sieht Hertha auf dem richtigen Weg. Zumal die rigorosen Sanierungsmaßnahmen erst im kommenden Geschäftsjahr ersichtlich werden.

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    „Die Maßnahmen, die wir ergriffen haben, stimmen uns positiv. Die Einnahmen decken seit Jahren zum ersten Mal die Ausgaben. Wir werden 2024 ein ausgeglichenes Betriebsergebnis haben. Wichtig ist aber, dass wir auf diesem Weg bleiben“, mahnte der 59-Jährige. „Wir dürfen nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen.“

    Ein Satz, der auch für die Querelen in den Gremien gilt. Kurz vor der Mitgliederversammlung war ein Abwahlantrag gegen Klaus Brüggemann, den Aufsichtsratsvorsitzenden, eingereicht worden. Ein Mitglied warf dem 64-Jährigen vereinsschädigendes Verhalten vor. Reichlich Gegenwind, den Brüggemann allerdings schon kennt.

    Brüggemann tritt gegen Bernstein und Co. nach

    Diesmal aber ließ er es nicht auf eine Abstimmung ankommen – und trat schon vor Beginn der Versammlung in der Messe Berlin zurück. Mit ihm zusammen zog sich auch Renate Döhmer aus Herthas Kontrollgremium zurück. Drei Mitglieder sind im Aufsichtsrat nun noch übrig: Scott Körber, Andreas Schmidt und Torsten-Jörn Klein.

    Und weil es bei Hertha in diesem Jahr zur Tradition geworden ist, nicht zurückzutreten, ohne noch einmal nachzutreten (wie etwa Ingmar Pering im Frühjahr), hatte auch Brüggemann noch das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Er warf Präsident Kay Bernstein vor, vom Amt überfordert zu sein. Und seinem Aufsichtsratskollegen Klein, dass er ihm das Leben schwer gemacht habe.

    Im vergangenen Mai hatte sich Brüggemann zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats wählen lassen, diesen Posten von Klein, der seit 2004 dabei ist, übernommen. Von einer Kampfabstimmung ist immer wieder die Rede – nicht die besten Voraussetzungen, um hinterher konstruktiv zusammenzuarbeiten.

    Kein Aufsichtsratsmitglied stimmt gegen Gersbecks Begnadigung

    Und so inszeniert sich Brüggemann nun als Wohltäter, der nur den Verein im Sinn hat. Dass sein Rücktritt zuerst bei der „Bild“ und im „Kicker“ publik wurde, ehe die Mitglieder davon erfuhren, hinterlässt allerdings den Eindruck, dass auch Brüggemann gern mal Informationen durchgestochen hat.

    Mitentscheidend für die jüngsten Unstimmigkeiten soll auch die Causa Marius Gersbeck gewesen sein. Dass der Torhüter, der im Trainingslager in Zell am See einen Einheimischen ins Krankenhaus geprügelt hatte und mit einer Diversion nun glimpflich davonkam, begnadigt wurde, soll Brüggemann mit Verweis auf den Werte-Kodex des Vereins nicht gefallen haben.

    Fakt aber ist, dass kein Mitglied im Aufsichtsrat gegen eine Begnadigung des Keepers gestimmt hat. Es gab zwar umfangreiche Diskussionen, in denen jeder seinen Standpunkt erklären konnte. Am Ende aber gab es keine Stimme gegen die Rückkehr Gersbecks in den Profikader.

    Jetzt ist Brüggemann, der seit 23 Jahren immer wieder in Aufsichtsrat oder Präsidium saß, also Geschichte. Viele Mitglieder setzen darauf, dass mit dem Rückzug des Unternehmers Ruhe einkehrt.

    Aufsichtsrat berät sich in den kommenden Wochen

    Der Aufsichtsrat ist trotzdem weiter handlungsfähig. Die Satzung fordert drei Mitglieder. Die sind vorhanden – und werden sich in den kommenden Wochen zusammensetzen, um zu schauen, wie es nun weitergeht.

    Momentan steht Scott Körber als Stellvertreter Brüggemanns in der Verantwortung. Der Verwaltungsbeamte und Mitglied des Abgeordnetenhauses wirkte am Sonntag ebenso überrascht wie Herthas Mitglieder, als er den Bericht des Aufsichtsrats vortrug und zugeben musste, dass er ein wenig improvisieren müsse.

    Eine Kompetenz, die Hertha im vergangenen Jahr perfektioniert haben dürfte. Die Hoffnung ist groß, dass damit nun Schluss ist. Genau wie mit den internen Querelen.