Die eigene Lebenszeit als Maßstab: Rainer Widmayer, arbeitet seit 2000 als Co-Trainer, sagte: „Ich bin schon lange im Trainerjob dabei. Aber wenn man in München zu Null spielt, das ist außergewöhnlich.“ Ähnlich formulierte Fabian Lustenberger, seit 2007 in Berlin: „In den zehn Jahren, die ich bei Hertha bin, ist es das erste Mal, das wir aus München etwas mit nach Hause nehmen.“ Die Beteiligten wussten, dass Hertha BSC mit dem 0:0 beim FC Bayern etwas Besonderes gelungen war. Ein Punkt, der als gefühlter Sieg fürs Selbstbewusstsein gewertet wurde.
Abwehrchef Stark lobt die Offensivkollegen
Nach dem 2:2 in der Hinrunde im Olympiastadion stellt Hertha bisher das einzige Bundesliga-Team, das gegen den Titelverteidiger und haushohen Tabellenführer in beiden Saisonspielen keine Niederlage bezogen hat. Dabei wird es auch bleiben, nur Borussia Mönchengladbach (in der Hinrunde 2:1 gegen die Bayern) kann am 30. Spieltag Mitte April in München Hertha in dieser Rubrik überholen.
Die Freude war groß. „Das ist ein Bonuspunkt“, sagte Torwart Rune Jarstein, wieder einmal ein sicherer Rückhalt der Blau-Weißen. Was allerdings auffiel: Es gab bei Hertha keinen Spieler, der sensationelle Leistungen vollbrachte, auch der Torwart nicht. „Ich bin stolz auf die Mannschaft“, sagte Jarstein. „0:0 in München ist ein sehr gutes Ergebnis. Wir hatten den Glauben, dass wir hier etwas schaffen können.“ Den mannschaftlichen Zusammenhalt, den sprach auf dem Rückflug nach Tegel auch Abwehrchef Niklas Stark an: „Jeder hat jedem geholfen.“ Stark deutete auf die Offensivspieler Salomon Kalou und Mathew Leckie, die einige Reihen weiter vorn saßen: „Die Jungs haben super nach hinten gearbeitet, aber das war auch nötig.“
Auf den Spuren von 1977
Ohne Gegentor in München – ein seltenes Erlebnis für die Berliner: Zuletzt war das einer Hertha-Reisegruppe im Oktober 1977 gelungen (2:0 nach Toren von Gerhard Grau und Bernd Gersdorff). In der Gegenwart sagte Marvin Plattenhardt: „Wir wollten als Mannschaft ein Zeichen setzen und nach dem Mainz-Spiel eine gute Leistung zeigen.“ Hertha hatte 0:2 gegen Mainz verloren. Trotzdem warb der Nationalspieler für Bodenhaftung. „Wir brauchen jetzt nicht alles in den Himmel zu loben, die Bayern hatten genug Chancen.“
Vor allem Torjäger Robert Lewandowski legte sich ins Zeug: elf Torschüsse. Allerdings landete keiner im Netz der Berliner. Damit gelang es dem polnischen Nationalspieler nicht, den Uralt-Rekord seines Vorgesetzten Jupp Heynckes zu verbessern. Der hatte in der Saison 1972/73 für Mönchengladbach bei elf Heimspielen in Folge jeweils mindestens ein Tor erzielt, ebenso wie der aktuelle Torjäger der Bayern. Diese Lewandowski-Serie hat Hertha mit der Nullnummer nun gestoppt.
Trainer Dardai flachst im „Doppelpass“
Während die Hertha-Profis am Sonntag unter der Obhut von Co-Trainer Widmayer auf dem Schenckendorff-Platz ausliefen, stand Pal Dardai bei Sport1 im „Doppelpass“ Rede und Antwort. Dem Cheftrainer wurden grundlegende Fragen zum Bundesliga-Elften vorgelegt: Ob der solide Fußball, den Hertha spielt, nicht zu wenig sei für Berlin? Muss ein Hauptstadt-Klub nicht für mehr Spektakel stehen?
Dardai beschrieb den Weg mit vielen jungen Spielern, den Hertha geht, etwa mit Arne Maier, Jordan Torunarigha, Davie Selke, Valentino Lazaro, Mitchell Weiser oder Stark. „Ich träume davon, so etwas zu erreichen wie Ajax Amsterdam – einen eigenen Fußball mit selbst ausgebildeten Talenten“, sagte Dardai. Er spüre das Vertrauen von Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer für diesen Weg. „Wir haben eine Vision“, sagte Dardai, „aber das ist ein Prozess, der Zeit braucht.“
Job-Angebot für Robben und Ribéry
Es gab auch unbequeme Fragen: So redlich die Nullnummer in München erkämpft war, so wenig lief bei Hertha nach vorn. 30 Treffer in 24 Liga-Spielen sind keine besondere Ausbeute. „Warum schießt ihr so wenige Tore, Pal“, fragte Moderator Thomas Helmer, 1999 für eine Saison Teamkollege von Dardai bei Hertha. Dardai stimmte zu: „Was mit Torvorlagen und Torgefahr zu tun hat, da wackeln wir. Da müssen wir uns verbessern.“
Hertha verfügt aktuell mit Vedad Ibisevic, Salomon Kalou und Selke über torgefährliche Stürmer. Valentino Lazaro entwickelt sich, „aber uns fehlt es im Moment an den Vorlagen“, sagte Dardai. Hier dürfen sich Weiser und Marvin Plattenhardt angesprochen fühlen, die aus unterschiedlichen Gründen zuletzt kaum einmal in der Offensive überzeugten. Seinen Schalk hatte Dardai auch dabei. Als es um Arjen Robben (34) und Franck Ribéry (34) ging, die sich bei den Bayern künftig auf weniger Spielzeit einstellen müssen, flachste Dardai, eben noch Talente-Versteher: „Wir in Berlin haben weniger Geld, aber Stammplätze für sie. Ich glaube, der Manager ist nicht sauer, dass ich das jetzt hier angeboten habe.“





