Ob er seine Entscheidung bereut hat? So richtig glücklich wirkte Pal Dardai am Tag nach dem 1:3 in Leverkusen jedenfalls nicht mehr mit der Wahl seines Innenverteidiger-Duos. John Brooks habe bei seinem Foul vor dem 0:1 „sehr unglücklich ausgesehen“, befand Herthas Chef-Coach, zumal er, der „kleine ungarische Trainer“ schon lange vor der Partie auf die entscheidende Vokabel hingewiesen hatte: „Klären!!!“, hatte er seinen Spielern versucht einzubläuen, und zwar mit drei Ausrufezeichen. Mindestens.

Auch am Spieltag selbst sei dieses „einfache Wort bestimmt 100 Mal“ gefallen, doch statt den Ball resolut aus der Gefahrenzone zu dreschen, verhob sich Brooks nach gut zwölf Minuten an einem Dribbling und musste foulen. Der Rest ist Geschichte.

Dass ausgerechnet Brooks der Initiator des Rückstands war, warf nicht das beste Licht auf die Personalwahl des Trainers. Mit Sebastian Langkamp hatte er seinen zuverlässigsten Innenverteidiger auf der Bank gelassen und stattdessen auf Niklas Stark und eben Brooks gesetzt.

Dardai fordert böse Profis

Langkamp fehle es nach seiner Oberschenkelzerrung aus dem Dezember noch an Dynamik, begründete Dardai seine Entscheidung, dabei schien der 29-Jährige in der Vorbereitung fit und unumstritten. Anders Brooks. Der war im Dezember ebenfalls mit Oberschenkelproblemen ausgefallen, wurde im Trainingslager mitunter geschont und trug in der vergangenen Woche noch eine Bandage am lädierten Schenkel.

Nun hat Hertha natürlich nicht nur wegen Brooks’ Fauxpas verloren, aber besagte Szene stand stellvertretend für vieles, was Dardai am Sonntag vermisst hatte: Entschlossenheit und Cleverness etwa, Kompromisslosigkeit auch. „Einen Tick Naivität“, bemängelte der Trainer – in manchen Situationen sei sein Team immer noch zu nett.

Ein gewisser Groll gegenüber Schiedsrichter Tobias Stieler, der nicht nur beim Handelfmeter vor dem 0:2 falsch lag, schwang dabei durchaus mit. „Viele Dinge werden gegen uns gepfiffen, weil wir so nett sind“, meinte Dardai, „vielleicht müssen wir auch mal böse sein. Wir werden nicht mehr die nette Hertha sein“, kündigte er an, „auch nicht mehr der nette Trainer – dann muss der Schiedsrichter seine Hose ein bisschen besser anziehen.“ Eine fragwürdige These. Wie zu brave Schulkinder hatten seine Spieler nicht gewirkt.

Anfällig bei gegnerischen Standards

Unstrittig war hingegen ein anderes Berliner Manko: die Schwäche bei gegnerischen Standards. „Es kann nicht sein, dass immer der Gegner köpft“, ärgerte sich Dardai. Das 0:1 fiel zwar nicht per Kopf, aber Bayers Ömer Toprak (27. Minute) und Torjäger Chicharito (57.) kamen nach Ecken in der Luft zu besten Chancen. Dass jene ungenutzt blieben, war glücklich, dessen war sich Dardai bewusst. Einer der Trainingsschwerpunkte für diese Woche definierte sich somit von selbst: „Wir werden ein ganzes Training nur köpfen“, kündigte der Ungar an, und vielleicht werde der Trainer auch dabei „ein bisschen böse sein“.

Wenig freundlich war Dardai auch schon am Vorabend gewesen, als ein Journalist wissen wollte, ob denn nun ein erneuter Einbruch in der Rückrunde zu befürchten sei. Eine „Quatschfrage“, entgegnete Dardai gereizt, schließlich sei Hertha gegen „eine Topmannschaft nach dem 0:2 nicht eingebrochen, sondern habe die Ruhe bewahrt. Damit hatte er zwar Recht, doch der bleibende Eindruck von den Berlinern pendelte sich irgendwo zwischen „bemüht“ und „unglücklich“ ein.

Nur zwei Schüsse aufs Tor

Vor allem im Spiel nach vorne hakte es noch gewaltig. Lediglich zwei Schüsse aufs Tor brachte Hertha zustande – zu wenig. Im Spielaufbau gingen die Bälle zu schnell verloren, die einstudierten langen Pässe blieben aus. „Wir hätten uns mehr Chancen erspielen müssen, um etwas mitzunehmen“, meinte Joker Julian Schieber, einer der Zielspieler für weite Bälle.

Dardai sah es ähnlich. „Wir müssen öfter den gegnerischen Sechzehner erreichen“, forderte er, und lange Bälle seien keineswegs „unter unserem Niveau“. In der Praxis verhedderte sich Hertha jedoch im Kurzpassspiel. Die Offensive bleibt ohne Afrika-Cup-Starter Salomon Kalou und den verletzten Mitchell Weiser die größte Baustelle.

„Das erste Spiel nach so kurzer Vorbereitung ist nicht einfach“, sagte Bayer-Trainer Roger Schmidt. Ein Satz, der sich fast auf die gesamte Liga anwenden lässt – so auch auf Hertha. Dardai besinnt sich deshalb auf das Positive: Fitness und Wille stimmen, auch an der Zweikampfquote (51 Prozent) gab es wenig zu bemängeln. Dennoch wird sich Hertha am Sonntag steigern müssen in Freiburg, dort, wo sich zuletzt selbst der FC Bayern schwertat. Für Dardai kein Grund zur Beunruhigung. Er sagt: „Wenn das Team so weiterspielt, mache ich mir keine Sorgen.“