Auf dem Papier sieht es gut aus. Sehr gut sogar. Mit Marvin Plattenhardt und Vladimir Darida verfügt Hertha über zwei Spieler, die dank ihrer guten Schusstechnik viel anzufangen wissen mit ruhenden Bällen, und an hochgewachsenen Abnehmern von Ecken und Freistößen mangelt es bekanntlich auch nicht. Vedad Ibisevic, John Brooks, Niklas Stark und Sebastian Langkamp, 1,90 Meter im Schnitt, zählen zu den kopfballstärksten Spielern der Bundesliga, doch wenn es um Standardsituationen geht, sind die Berliner bislang erstaunlich harmlos. „Nach Eckbällen ist uns in dieser Saison noch kein einziges Tor gelungen“, bemängelt Co-Trainer Admir Hamzagic, der Mann, der sich bei Hertha Gedanken um die Standards macht, „da müssen wir uns unbedingt verbessern.“
Gegner Bayer ist anfälliger als jeder andere Bundesligist
Im Trainingslager auf Mallorca durfte der 31-Jährige eine komplette Trainingseinheit für sein Spezialthema nutzen. Indirekte Freistöße und Ecken, mal mit Effet auf den langen Pfosten, mal scharf und kurz auf die Fünf-Meter-Linie, immer und immer wieder. Die Theorie hatte Hamzagic auf mehreren Din-A4-Seiten vorbereitet, jeden Laufweg am Computer sorgsam skizziert. Auch das sah auf dem Papier sehr gut aus. In der Praxis waren die Ambitionen immerhin klar zu erkennen.
Beim Jahresauftakt am Sonntag (15.30 Uhr) in Leverkusen wollen die Berliner ihr Ecken-Defizit endlich überwinden. Die Voraussetzungen dafür scheinen günstig. Kein Team ist in dieser Saison anfälliger bei Ecken als die Werkself. Nach jeder neunten landete der Ball im Bayer-Netz, insgesamt kassierte der Champions-League-Starter auf diesem Weg schon sieben Gegentore. Das ist auch Hamzagic nicht entgangen. „Ich versuche immer zu erkennen, wo der Gegner im Abwehrverhalten seine Schwächen hat“, sagt er. Inzwischen hat er mit der Mannschaft „drei, vier Varianten erarbeitet, die automatisiert sind“.
Wer blockt wann welchen Gegenspieler? Wer nimmt wann welchen Laufweg? Viel Zeit, um diese Mechanismen einzustudieren, bleibt im Alltag meist nicht. „Standards sind nur ein Part von vielen“, weiß Hamzagic, „und natürlich wollen wir in erster Linie über das Spielerische kommen.“ Klappt das nicht, müssen jedoch andere Mittel helfen. So wie im letzten Spiel 2016 gegen Darmstadt, als Plattenhardt der zähen Partie mit einem Bilderbuch-Freistoß die entscheidende Wendung verlieh. Kein Einzelfall. Bezieht man Elfmeter mit ein, fallen in der Bundesliga rund 30 Prozent der Tore nach Standards, ein Drittel davon nach Ecken. Eine Kennzahl, der sich Hertha gerne annähern würde. „Drei, vier Tore wollen wir so in der Rückrunde nachholen“, sagt Hamzagic.
Vorbilder Midtjylland und Freiburg
Noch schlummert viel Potenzial in der Spezialdisziplin. Sportwissenschaftler Hamzagic will diese Reserven ausschöpfen, mit viel Detailarbeit und einem Blick über den Tellerrand. Anregungen holt er sich etwa beim dänischen FC Midtjylland, einem Klub, dessen Philosophie auf strikter Datenanalyse fußt. Dass das Team 2015 erstmals Meister wurde, lag nicht zuletzt an seiner überragenden Quote bei Standards.
In Deutschland zählt der SC Freiburg zu den Vorbildern, der in der Aufstiegssaison 2015/16 jedes dritte Tor nach Freistößen oder Ecken erzielte – ein Resultat regelmäßiger Sondereinheiten. Trotzdem fristet das Einstudieren von Varianten, oft verlacht als die „Spielzüge des kleinen Mannes“, nach wie vor ein Schattendasein. Fußball-Ästhet Joachim Löw war nicht der Einzige, der sich jahrelang dagegen sträubte, seine kostbare Übungszeit mit derlei glanzlosem Handwerk zu vergeuden. Erst Co-Trainer Hansi Flick öffnete das Herz des DFB-Coaches vor der Weltmeisterschaft 2014 einen Spalt breit für Standards. Die Folge: In Brasilien fiel jedes dritte deutsche Tor nach einem ruhenden Ball.
Leverkusen als gutes Omen
Auch bei Herthas Cheftrainer Pal Dardai tauchen die Standards erst am unteren Ende der To-do-Liste auf. Lässt es die Zeit zu, gibt er Hamzagic jedoch gerne freie Hand. So wie auf Mallorca, als die Angreifer den Ernstfall gegen Verteidiger proben konnten, statt gegen Trainingsdummys. Eine Situation, von der beide Seiten profitieren sollen, denn bei gegnerischen Ecken hat Hertha schon drei Gegentore kassiert – mehr als der Durchschnitt. Auch hier will der Tabellendritte unbedingt zulegen.
„Ein bisschen Glück und Zufall gehören bei Eckbällen immer dazu“, sagt Herthas Kapitän Ibisevic, „aber man muss auf jeden Fall daran arbeiten.“ Das hat Hertha auf Mallorca getan – und will sich am Sonntag dafür belohnen. Der Gegner Leverkusen dürfte den Berlinern in diesem Zusammenhang Mut machen. Auch im Vorjahr gelang ihnen das erste Tor nach einer Ecke gegen Bayer, damals am 15. Spieltag. Hereingabe Plattenhardt, Kopfball Brooks – der Siegtreffer zum 2:1. Wenn das mal kein gutes Omen ist.


