Bundesliga

Hertha BSC zeigt endlich Zähne

Die Berliner finden gegen Dortmund den richtigen Mix aus taktischer Disziplin und Leidenschaft. Nur Stocker sorgt für ein Problem.

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Berlin.  Pal Dardai nahm die Schuld auf sich: „Das war mein Fehler“, sagte Herthas Trainer am Tag nach dem spektakulären 1:1 (0:0) bei Borussia Dortmund , „ich hätte Valentin auswechseln müssen – er hat schon fünf Minuten vor seinem Foul müde gewirkt.“ Stattdessen ließ er den Schweizer auf dem Feld und musste damit leben, dass dieser sich mit einer rüden Grätsche gegen Matthias Ginter eine Rote Karte einhandelte (89. Minute).

In einer emotionalen, überharten Schlussphase hatte Stocker, als Torschütze des 1:0 (51.) eigentlich einer der Besten auf dem Feld, die Kontrolle über seine Emotionen verloren.

Dabei war es gerade die richtige Balance aus kühlem Kopf und heißem Herz, die Hertha so stark gemacht hatte beim Champions-League-Teilnehmer. „Wir haben in der ersten Halbzeit alles umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben“, betonte Dardai, „wir waren gut organisiert.“

Torwart Jarstein steht für die neue Berliner Coolness

Den Ball überließen die Berliner bereitwillig den Gastgebern, jedoch ohne dabei viel zuzulassen. Im Gegenteil, die auf fünf Positionen veränderten Dortmunder taten sich schwer, eine Lücke zu finden im dicht gestaffelten Abwehrverbund. „Wir haben versucht, ihr Spiel zwischen den Linien zu unterbinden“, sagte Verteidiger Sebastian Langkamp , „das ist uns ganz gut gelungen.“

Auch wegen Stocker, der sich nicht zu schade war, sich bei gegnerischem Ballbesitz um Nationalspieler Julian Weigl zu kümmern – die Schaltzentrale des BVB. Das Lob des Abwehr-Experten ließ nicht lange auf sich warten: „Die Offensiv-Reihe musste viel Energie dafür aufwenden, um gegen den Ball zu arbeiten“, sagte Langkamp.

Die taktische Disziplin war das eine. Genauso wichtig aber war das nötige Maß an Aggressivität. In der vergangenen Saison sei seine Elf gegen Topteams noch „einen Tick zu brav“ gewesen, sagte Dardai.

Fünf Gelbe Karten, 22 Foulspiele

Nicht so in Dortmund. Anders als vor vier Wochen in München, als die Berliner nur acht Mal foulten, schmissen sie sich diesmal leidenschaftlich in die Zweikämpfe. Fünf Gelbe Karten bei insgesamt 22 Foulspielen kündeten davon, mit welcher Entschlossenheit und welchem Biss Hertha den BVB beackerte. Hart, ja, aber bis auf Stockers Aussetzer eben nicht kopflos. Hertha zeigte Zähne.

Derjenige, der in der Hitze des Gefechts am coolsten blieb, fand sich im Berliner Tor, wobei der äußere Eindruck vielleicht täuschte. Er brauche erstmal zwei Tage, um nach diesem Spiel wieder runterzukommen, meinte Rune Jarstein am Sonnabend, doch am Freitagabend dachte er selbst dann noch ganz klar, als die gefürchtete Gelbe Wand in seinen Nacken schrie, während vor ihm Pierre-Emerick Aubameyang auftauchte. „Er hat schon häufiger versucht, den Ball über den Torwart zu chippen“, sagte Jarstein über seine Heldentat in der 67. Minute, „deshalb habe ich gedacht, dass er es wieder versucht.“

So war es dann auch. Blitzartig riss Jarstein beim Lupfer seinen linken Arm in die Luft und lenkte den Ball so gegen den Pfosten, ehe er den Abpraller sicherte. Später parierte der Norweger dann noch einen Handelfmeter des Gabuners (77.). Das Zeugnis, das Dardai seiner Mannschaft ausstellte, galt deshalb besonders ihm: „Gegen diese Mannschaft und in diesem Stadion zu bestehen, ist ein echter Fortschritt für uns“, sagte der Coach, „und Rune hat sich eine glatte Eins verdient.“

Weiser und Kalou stehen als Stocker-Ersatz bereit

Am Sonnabend nutzten Trainer und Torwart die Gelegenheit, um die Anspannung aus den Beinen zu laufen, und auch Manager Michael Preetz drehte ein paar Runden auf dem Schenckendorffplatz. Zufrieden sahen die Hertha-Macher aus, als sie im Niesel­regen über den Rasen trabten, dabei muss sich Dardai für das Heimspiel gegen Köln schon wieder etwas einfallen lassen. Stocker ist schließlich gesperrt, Vladimir Darida verletzt und Ondrej Duda wird noch Wochen benötigen, um sich seinem Debüt zu nähern. Wer also rückt ins offensive Zentrum?

Dardai scheint diese Frage nicht sonderlich zu beunruhigen. Mitchell Weiser könne die Rolle übernehmen, weil mit Peter Pekarik wieder ein Rechtsverteidiger zur Verfügung stehe. Auch Salomon Kalou oder Sinan Kurt nannte der Ungar als Kandidaten. Der Name von Alexander Baumjohann, einem klassischen Zehner, fiel indes nicht.

Mehr beschäftigte den Trainer ein anderes Thema: die Fans. Am Beispiel BVB habe man gesehen, wie die eigenen Anhänger ein Team antreiben können, deshalb wünsche er sich gegen Köln und zwei Wochen später gegen Gladbach möglichst viele Zuschauer im Olympiastadion. „Wir können jetzt einen Riesenschritt machen“, gab er zu bedenken. Auf die richtige Mischung wird es auch dann wieder ankommen.