Kommentar

Sebastian Langkamp – Wenn ein Übeltäter zum Vorbild wird

Nach spektakulärem Umfaller sieht sein Gegenspieler Rot. Danach zeigt Herthas Spieler, wie Fair Play auch gehen kann, meint Jörn Meyn.

Die Szene des (An-)Stoßes: Sebastian Langkamp (2.v.r.) liegt nach einem Rempler auf dem Boden. „Übeltäter“

Die Szene des (An-)Stoßes: Sebastian Langkamp (2.v.r.) liegt nach einem Rempler auf dem Boden. „Übeltäter“

Foto: Lars Baron / Bongarts/Getty Images

Der Sportsoziologe Gunter Pilz hat Anfang der Nullerjahre 1000 Bezirksligaspieler zwischen zwölf und 14 Jahren nach ihrem Fairnessverständnis auf dem Rasen gefragt. Dabei kam heraus: Je länger ein Kind Fußball spielt, desto mehr versteht es unter Fairness, dass Regelverletzungen dazu gehören.

Je größer der Wettkampfcharakter des Fußballs, desto irrelevanter werden Fragen der Fairness, fand der Sportpsychologe Hartmut Gabler heraus. Es gibt im Fußball also eine erlernte Unfairness.

Deswegen war es auch nicht überraschend, als der 1,91 Meter große Sebastian Langkamp wie von einem Boxer k.o. geschlagen zusammenklappte, als der 1,68 Meter kleine Emre Mor ihn beim rassigen 1:1 zwischen Borussia Dortmund und Hertha BSC am Freitagabend schubste.

„Ich reagiere in der Hitze des Gefechts ein bisschen über. Es tut mir leid“

Rote Karte für Mor, Vorteil für Hertha. So ist das nun mal. Im Fußball erleben wir jede Woche, dass das Fairness-Argument immer nur dann rausgekramt wird, wenn es der eigenen Sache nützt – siehe die Kritik des BVB-Trainers Thomas Tuchels über zu viele Fouls gegen seine Mannschaft. Dabei müssen sich Härte und Fair Play keineswegs gegenseitig ausschließen.

Überraschend wohltuend dagegen war die Reaktion von Langkamp nach dem Spiel, als sich der Hertha-Verteidiger für seinen lächerlichen Umfaller entschuldigte: „Ich reagiere in der Hitze des Gefechts ein bisschen über. Es tut mir leid“, sagte der 28-Jährige.

Eigentlich hätte das keine Erwähnung verdient. Wer einen Fehler begeht, der muss dafür gerade stehen. So sollte es im Fußball wie im echten Leben sein. Doch das ist der Ideal- und nicht der Normalfall – vor allem im Fußball. Endlich hat sich auch mal jemand aus dieser notorisch abgehobenen Branche als Vorbild hervorgetan.

In Zeiten, in denen am Rande des Spielfelds genügend krumme Sachen laufen – siehe Fifa, Sommermärchen, Uefa –, muss Fair Play wieder stärker auf den Rasen zurückkehren. Und das schließt gesunde Härte nicht aus.