Hertha BSC

Gegen Mainz schließt sich für Hertha-Coach Dardai der Kreis

Als Profi war er Teamplayer. Als Coach steht er im Zentrum. Er begann bei Hertha im Februar in Mainz. Nun schließt sich der Kreis.

Seit 1998 bei Hertha BSC unter Vertrag: Pal Dardai, Cheftrainer des Hauptstadt-Klubs

Seit 1998 bei Hertha BSC unter Vertrag: Pal Dardai, Cheftrainer des Hauptstadt-Klubs

Foto: Alexander Scheuber / Bongarts/Getty Images

Berlin.  Pal Dardai zuckte mit den Schultern: Was soll am Weihnachtsabend dieses Jahres anders sein als in der vergangenen Jahren, wo er doch nun Bundesliga-Trainer ist? „Ich sitze mit meinen drei Söhnen am Tisch, die alle Fußball spielen. Ihr Opa ist da, der Jahrzehnte Spieler und dann Trainer war. Weihnachten im Haus Dardai wird aussehen wie immer: Wir werden über Fußball reden.“

Die Frage, wie sich Dardai (39) verändert hat in jenen elf Monaten, die er nun Trainer der Fußball-Profis von Hertha BSC ist, ist einfach beantwortet. Im letzten Spiel des Jahres, wenn der Hauptstadt-Klub den FSV Mainz empfängt (15.30 Uhr Olympiastadion), schließt sich ein Kreis. Der hatte am 7. Februar begonnen, als Dardai, damals als Interimscoach die Nachfolge des beurlaubten Jos Luhukay angetreten hatte, ebenfalls gegen den FSV Mainz. Damals gewann Hertha mit 2:0.

13 Siege, sieben Remis, elf Niederlagen

Menschen, die Dardai schon lange begleiten, sagen auf die Frage, wie der Ungar sich verändert habe seit seinem Sprung vom U15-Nachwuchstrainer zum Bundesliga-Chefcoach: gar nicht.

31 Spiele hat er Hertha betreut (13 Siege, sieben Remis, elf Niederlagen). Im ersten Schritt wurde das Ziel Klassenerhalt erreicht. Und gleich um ­Verständnis für den unansehnlichen Fußball des Jahrgangs 2014/15 gebeten: Das sei nicht seine Art zu spielen, aber ­anders als mit reiner Defensive sei der Abstieg mit dieser verunsicherten Mannschaft nicht zu vermeiden.

Erstaunliche Wahrsager-Qualitäten

Eine der erstaunlichen Facetten an Dardai sind seine Qualitäten als Wahrsager. Im Sommer hatte Dardai, mittlerweile Cheftrainer, seiner Mannschaft vorhergesagt, in welchen Schritten sie sich entwickeln solle. Dass eine harte Vorbereitung den Spielern zu einer exzellenten Fitness verhelfen werde. Dass mit der Fitness die Sicherheit kommen werde. Die sei Voraussetzung für die spielerischen Fortschritte, die das Team machen werde. Für die Beziehung zwischen Spieler und Trainerstab ist es eine vertrauensbildende Maßnahme, wenn die Entwicklung dann genau so vonstatten geht.

Im Sommer hatten die Profis zudem erlebt, dass das Kumpelhafte an Dardai nur eine Seite ist. Eine andere ist Konsequenz. Rigoros setzte Dardai mit Manager Michael Preetz durch, dass jene Spieler, mit denen nicht geplant wurde, verabschiedet werden. John Heitinga, Peter Niemeyer, Sandro Wagner und Hajime Hosogai wissen, was gemeint ist.

Konsequent gegen Fan-Liebling Ben-Hatira

Aktuell ist Änis Ben-Hatira der Meinung, dass er nach überstandener Verletzung seinem Status als ­Fan-Liebling entsprechend regelmäßig ­spielen müsse. Dardai hat sich jedoch gemerkt, dass Ben-Hatira deshalb so lange verletzt war, weil er den Trainer-Wunsch beiseite wischte, Anfang April eine Länderspielreise mit Tunesien auszulassen. Prompt hatte sich Ben-Hatira in China eine Muskelverletzung zugezogen – und seither hat er keine Minute mehr bei den Profis gespielt.

In seiner aktiven Zeit war Dardai, Rekord-Bundesligaspieler von Hertha mit 286 Einsätzen, ein Teamplayer. Die Stars waren Michael Preetz, Alex Alves, Marcelinho oder Sebastian Deisler. Als Trainer ist Dardai nun der Star. Das mag er zwar nicht hören. Wenn er als „Trainer des Jahres“ in Berlin ausgezeichnet wird, bedankt er sich artig. Ehrungen dieser Art bedeuten Dardai aber nichts. Er möchte, dass seine Mannschaft begeistert.

Preetz über den Trainer: Ehrgeizig, emotional, unbequem

Was nichts daran ändert, dass Dardai die Herzen zufliegen. Ob Spieler oder Fans – die Maxime von Dardai kennen viele aus dem eigenen Alltag: Arbeit. Und Arbeit. Noch mehr Arbeit. Bei aller Disziplin weiß Dardai um die Zerbrechlichkeit des Lebens. Spätestens seit sein Bruder Balazs im Juli 2002 auf dem Fußballfeld in Ungarn nach einem Zusammenprall mit einem Gegenspieler verstorben war. Dardai schafft es immer wieder, eine positive Stimmung um sich herum zu schaffen und zu vermitteln: Das Leben ist auch zum Genießen da. Er hat sich in seinem Haus einen Rotwein-Keller einbauen lassen, den er allerdings eher selten besucht. Manager Preetz hat auf der Mitgliederversammlung sein Bild vom Trainer skizziert: „Hertha und Dardai, das passt. Er ist Autorität, kann seinen Spielern aber auch zuhören. Er ist ­zielstrebig und manchmal emotional. Er ist überraschend, auch unbequem.“

Vor allem staunen Beobachter, wie viele Widersprüche Dardai vereint. So entscheidet Dardai vieles aus dem Bauch heraus. Der Stempel des Traditionalisten, der gerade einen guten Lauf hat, passt dennoch nicht. Gleichzeitig spielt Hertha einen verdammt modernen Fußball. Die Trainingssteuerung war nie so wissenschaftlich wie unter Bauchmensch Dardai. Als Taktikhirn gilt Cotrainer Rainer Widmayer. „Wir werfen unsere Ideen zusammen und diskutieren, was zum Gegner passt“, erzählt Dardai. Alle sind wichtig: Cotrainer Admir Hamzagic, Torwarttrainer Zsolt Petry, die Athletiktrainer Henrik Kuchno, Hendrik Vieth.

Dardais Arbeitsvertrag einzigartig in der Liga

Einzigartig in der Liga ist die Vertragskonstellation. Dardai hat den kürzestmöglichen Trainer-Kontrakt – bis Saisonende. Und gleichzeitig einen unbefristeten Vertrag im Nachwuchs. Bei Hertha sind sie sich sicher, dass die treue Seele Dardai nur im Biotop Berlin funktioniert. Auf die Frage, ob er die Bayern trainieren möchte, sagt der Ungar: „Das brauche ich nicht.“ Doch nichts ist für die Ewigkeit, und die Lebenserfahrung sagt: Schau’n wir mal, über welchen Verein im Hause Dardai Weihnachten 2020 ­gesprochen wird.