Hertha-Zugang Ibisevic

Ein Sturm kündigt sich an

Vedad Ibisevic hat sein erstes Training bei Hertha absolviert. Schon jetzt deutet sich an: Gegen Stuttgart wird sein Pflichtspiel-Debüt folgen.

Der neue Stürmer Vedad Ibisevic, 31, bei seinem ersten Training mit den neuen Hertha-Kollegen am Dienstagvormittag. Der Bosnier hat in 202 Bundesligaspielen 82 Tore erzielt

Der neue Stürmer Vedad Ibisevic, 31, bei seinem ersten Training mit den neuen Hertha-Kollegen am Dienstagvormittag. Der Bosnier hat in 202 Bundesligaspielen 82 Tore erzielt

Foto: Ottmar Winter

Berlin.  Die Frage musste ja kommen, schließlich birgt das Treffen mit dem Ex ja immer eine gewisse Brisanz. Wenn er am Sonnabend (15.30 Uhr, Olympiastadion) tatsächlich schon spielen dürfte, wurde Herthas Zugang Vedad Ibisevic also gefragt, und ihm gegen seinen früheren Klub VfB Stuttgart womöglich auch noch ein Tor gelänge, wie würde er sich dann wohl verhalten?

Ibisevic, 31, erste graue Strähnchen und Fünf-Tage-Bart, hatte die Frage kommen sehen. Lust, darüber zu sprechen, hatte er trotzdem nicht. Also zog er die Augenbrauen hoch und holte einmal tief Luft. „Ich schiebe das zur Seite“, sagte er mit ernster Miene, „das werden wir sehen, wenn es dazu kommt.“

Auch wenn er sich am Dienstag alle Mühe gab, das Thema klein zu halten – das Wiedersehen mit den Schwaben lässt Ibisevic natürlich alles andere als kalt. Zu frostig ging die Trennung vonstatten, zu entschlossen wurde er vom neuen Trainer Alexander Zorniger aussortiert.

Nicht schnell genug für den Hochgeschwindigkeitsfußball

In dessen Hochgeschwindigkeitssystem war kein Platz mehr für Ibisevic. 82 Bundesligatore änderten daran genauso wenig wie die Erfahrung von 202 Erstligaspielen. Es reiche nicht mehr. Eine bittere Ansage für einen, der vier Jahre zuvor als Hoffnungsträger gekommen war.

Ibisevics neuer Chef Pal Dardai hat hingegen sehr wohl Verwendung für den Bosnier. Julian Schieber und Sami Allagui (beide Knorpelschaden) fallen auf unbestimmte Zeit aus, und dem einzigen nominellen Stürmer Salomon Kalou fehlt es an Spritzigkeit. „Ich bin happy, dass ich einen Mittelstürmer habe“, sagte Dardai dann auch, machte aber im selben Atemzug klar, was er von seinem neuen Schützling erwartet.

„Ich habe ihn gleich unter Druck gesetzt und ihm gesagt, dass er hier ist, um Tore zu machen.“ Attacke von Anfang an, dafür haben sie ihn zu Hertha geholt. Zwar hätten sich auch Dardai und Manager Michael Preetz einen schnelleren Spieler gewünscht. Doch anders als ihre Kollegen in Stuttgart können sie Ibisevics Bundesliga-Erfahrung einiges abgewinnen. Viel Zeit zur Eingewöhnung, so die Überzeugung, wird Ibisevic nicht brauchen.

Dass er sich schnell auf neue Bedingungen einstellen kann, hat der Angreifer zigfach bewiesen. Nach dem Bosnien-Krieg, Ibisevic ist gerade 16 Jahre alt, zieht seine Familie zunächst in die Schweiz und kurz darauf in die USA. Tore schießt das Talent überall.

Das Feuer lodert noch

Bei einem Nachwuchs-Länderspiel werden Talentscouts auf ihn Aufmerksam. 2004 wechselt er zu Paris St. Germain, wird jedoch in die Zweite Liga ausgeliehen. Dann ruft die Bundesliga. Nach einem Jahr bei Alemannia Aachen wechselt Ibisevic nach Hoffenheim und überrennt mit dem Aufsteiger in der Hinrunde 2008/09 die gesamte Liga.

18 Tore in 17 Spielen, Herbstmeister – ein Fußballtraum. Bis in einem Freundschaftsspiel das Kreuzband reißt. So treffsicher wie damals wird Ibisevic nie wieder. Sein letztes Tor schießt er im Januar 2014.

In Berlin will er noch mal angreifen. Warum Hertha? „Ich hatte gute Gespräche mit Trainer und Manager“, sagte Ibisevic. Wie eine Liebeserklärung klingt das nicht, eher reserviert. Fakt ist: In ihm lodert noch das Feuer. Angebote aus China hat er abgelehnt.

Körperlich, sagt Ibisevic, fühle er sich gut, allerdings fehle es ihm an Spielpraxis. Das letzte Mal, dass er in der Bundesliga über 90 Minuten zum Einsatz kam, liegt sieben Monate zurück. Am vergangenen Sonntag durfte er immerhin über die volle Distanz für Bosnien gegen Andorra spielen. Ein Erfolgserlebnis, auch wenn ihm ein Tor gegen den Fußballzwerg verwehrt blieb.

Hochmotivierter Konkurrent für Salomon Kalou

Für Dardai ist Ibisevic ohne Frage eine Alternative. Sicher, die Laufwege zu lernen, brauche Zeit, betonte der Ungar. Trotzdem habe Ibisevic „große Chancen“ gegen Stuttgart zu spielen, wenngleich Kalou wohl beginnen werde. Dardai, der Bauchmensch, weiß, dass keiner seiner Spieler am Sonnabend motivierter sein wird als sein neuer Stürmer.

Auch in seinem ersten Training ging Ibisevic schon beherzt zur Sache. Die Kommunikation mit seinen neuen Kollegen beschränkte sich zwar auf das Nötigste, an Einsatz mangelte es jedoch nicht. Salomon Kalou sei ohne Frage ein guter Spieler, sagte Ibisevic, „aber ich werde alles dafür geben, dass sich der Trainer für mich entscheidet.“ Der Konkurrenzkampf ist eröffnet.

Das mit dem Toreschießen klappte am Dienstag übrigens schon ganz gut. Seinen ersten Torschuss verwandelte der Rechtsfuß souverän. Bejubeln wollte er diesen gelungenen Einstand freilich noch nicht. Sollte er am Sonnabend gegen Stuttgart treffen, wird das wohl ganz anders aussehen.