Pal Dardai sagt, es mache doch Spaß, nach Dortmund zu fahren. Gute Stadt, gutes Stadion, gute Mannschaft. Wenn man aber weiß, dass Herthas Cheftrainer dort noch nie gewonnen hat – weder als Profi noch als Übungsleiter (seine Bilanz lautet drei Remis, sechs Niederlagen) –, und dass der ortsansässige Fußballklub Ballsportverein Borussia 09 e.V. gerade durch die Liga und Europa wirbelt, dann wirkt jener Satz vor Herthas Auswärtspartie gegen den BVB am Sonntag (15.30 Uhr, Sky) gelinde gesagt ziemlich kontraintuitiv.

Aber Pal Dardai scheint sich wirklich auf dieses Spiel beim aktuellen Bundesliga-Spitzenreiter zu freuen. So wie sich ein Junge freut, der mühsam mit Steinen einen Damm im Bach gebaut hat und nun gespannt darauf wartet, ob er auch tatsächlich hält. Geht der Plan auf oder nicht? „Dortmund ist gut drauf“, lautet die Analyse des Ungarn. „Aber wir haben zuletzt einen Riesenschritt gemacht, was unsere Spielanlage angeht. Jetzt will ich sehen, dass wir auch dort gut aussehen können.“

27 Tore in sieben Pflichtspielen

In dieser Woche vor der Begegnung gegen Borussia Dortmund musste Dardai nahezu täglich erklären, wie er denn gedenke, gegen diese neu belebte Offensivwucht des BVB zu bestehen. Hatte Dortmund in der vergangenen Saison unter Jürgen Klopp ziemlich ausgebrannt gewirkt, so erschuf dessen Nachfolger Thomas Tuchel daraus ein Tormonstrum, das sich am Donnerstag in der Europa-League-Qualifikation noch mit einem 7:2 gegen den norwegischen Erstligaklub Odds BK warm geschossen hat. Was hält man so einer Monstranz entgegen?

Es ist ja tatsächlich einigermaßen beängstigend, was sich dort in Dortmund mit Tuchels Ankunft aufgetürmt hat. In den bisherigen sieben Pflichtspielen schossen die Borussen 27 Tore (bei nur fünf Gegentoren) – fast vier pro Partie. Jedes dieser sieben Spiele gewann Tuchel zum Auftakt, was noch nie einem BVB-Trainer vor ihm gelungen war.

Bundesligarekord ist möglich

In der Bundesliga stehen beim BVB zwei 4:0-Siege zu Buche – gegen Gladbach und Ingolstadt. Null Gegentore. Das ist der beste Start eines neuen BVB-Coaches in Liga eins. Und wenn Hertha nicht aufpasst, könnte sogar der allerbeste Saisonstart der Dortmunder drin sein. Dafür müsste der BVB gegen die Berliner mit drei Toren Vorsprung gewinnen, was manch einen nicht einmal abwegig klingt.

Dardai hat sich die Fragen zur Dortmunder Angriffswut angehört, aber Antworten wollte er nicht geben. Er gefällt sich in der Außenseiterrolle und sagt: „Wir gehen auf ein schmutziges 0:0.“ Es ist ja nicht die allerschlechteste Idee, gegen einen Gegner, bei dem alles im Fluss zu sein scheint, einen Damm zu bauen – eine Wand aufzustellen, an der die Wucht abprallt. Aber wie das gelingen soll, sagt Dardai nicht: „Wenn ich alles verrate, ist es ja keine Überraschung mehr.“

Aber genau jene Überraschung plant Dardai: In den drei Pflichtspielen zuvor hatte Hertha in einem 4-1-4-1-Sytem agiert, sich um Ballbesitz und Spielkontrolle bemüht. Das war ein radikaler Umbruch im Vergleich zur rein destruktiven Strategie der vergangenen Rückrunde. Dardai will gegen Dortmund nicht komplett zurück zum Destruktiven. Aber er plant dennoch eine neue Defensivstrategie.

Brooks in der Startelf

John Brooks wird in die Startelf zurückkehren und den verletzten Jens Hegeler ersetzen – ein Innenverteidiger für einen Offensivspieler. Weil der BVB unter Tuchel mit besonders offensiven Außenverteidigern agiert, die defensiven Mittelfeldspieler der Berliner deshalb oft nach außen rücken müssen und so Raum entsteht, will Dardai im Zentrum mehr Spieler aufbieten. Denkbar ist, dass Dardai erstmals in seiner Zeit bei Hertha mit einer Dreierkette spielen lässt, die sich bei gegnerischem Ballbesitz zu einer Fünfer-Abwehrkette transformiert.

Brooks spielt auch deshalb, weil er der schnellste Verteidiger bei Hertha ist. „Jeder weiß, wie schnell Dortmund ist. Da müssen wir unsere Mittel entgegen setzen“, sagt Dardai. Der Cheftrainer setzt zudem auf Konter und lässt deshalb Genki Haraguchi statt Salomon Kalou auflaufen. Nun will er sehen, ob sein Plan aufgeht.