Ein dezentes Lächeln, mehr war im Gesicht von Salomon Kalou nicht zu erkennen. Sein Tor gegen Arminia Bielefeld schien Herthas Stürmer am vergangenen Montag nicht gerade in Euphorie zu versetzen, dabei hatte er doch so lange auf einen Treffer warten müssen. Elf Partien, um genau zu sein, 893 quälend lange Pflichtspielminuten.
Warum sich Kalou nicht so recht freuen mochte? Vielleicht, weil selbst minderbegabte Fußballer die gute Vorarbeit seines Kollegen Nico Schulz über die Linie gedrückt hätten; wahrscheinlicher jedoch, weil er weiß, dass er in der Bringschuld steht.
Die Beziehung zwischen Hertha und Kalou ist nach knapp einem Jahr komplizierter denn je. Hier der Star-Einkauf des vergangenen Sommers, der hochdekorierte Champions-League-Sieger, der zwar viele Hoffnungen weckte, aber nur wenige Tore schoss. Dort der Hauptstadt-Klub, der im Angriff gern auf Alternativen zurückgreifen würde, in deren Ermangelung aber auf Kalou angewiesen ist. Ob sie jemals so richtig zueinander finden werden?
Gute Erinnerungen an Augsburg
Aufschluss geben könnte Herthas erstes Saisonspiel beim FC Augsburg am heutigen Sonnabend (15.30 Uhr, Sky und im Liveticker auf immerhertha.de). „Es ist wichtig, einen guten Start zu erwischen“, meint Kalou. Er weiß: Einen viel besseren Zeitpunkt, um sein Potenzial abzurufen, wird es nicht mehr geben. Jetzt oder nie.
Mit Augsburg verbindet Kalou die vielleicht positivste Erinnerung an seine Zeit im Hertha-Trikot. Am 23. Spieltag, die Partie im Olympiastadion strebte beharrlich einem 0:0 entgegen, schoss er die Berliner zwei Minuten vor dem Ende aus dem Nichts zum Sieg. Es war Herthas erster Heimerfolg seit Mitte Dezember – ein Befreiungsschlag.
Für Dardai war es rückblickend vielleicht sogar mehr als das. Der Ungar, damals noch Trainer „bis auf Weiteres“, stand nach einem Sieg und zwei Niederlagen bereits mit dem Rücken zur Wand. Nach dem Spiel sinnierte er über den „Künstler“ Kalou, der seinetwegen nur drei Ballkontakte pro Spiel vorzuweisen braucht, solange er denn treffe. Das Problem: Für Kalou sollte es das letzte Tor der Saison bleiben.
Warum in dieser Saison alles besser wird
Argumente dafür, dass es in dieser Saison besser läuft, gibt es durchaus. So bleiben Kalou die Strapazen eines Afrika-Cups diesmal erspart. An die Eigenarten der Bundesliga, in der der Armeinsatz der Verteidiger im Vergleich zur Premier League weniger streng geahndet wird, kennt er inzwischen.
Und: Anders als im Vorjahr absolvierte er die gesamte Vorbereitung. Fitter ist er also geworden, nur leider nicht schneller. Als 30-Jähriger wird er an Spritzigkeit in diesem Leben nicht mehr zulegen.
Noch entscheidender als die Verfassung des Körpers scheint aber der Zustand des Geistes. Das weiß auch Dardai, der in den vergangenen Wochen verschiedene Ansätze ausprobierte. Zum Ende des Trainingslagers in Schladming zählte er seinen Stürmer in medienwirksamer Basta-Manier an. Zurück in Berlin setzte der Ungar wieder auf Streicheleinheiten. Aktuell scheint demonstratives Vertrauen besser zu wirken als Druck.
Kalou sichert zu wenige Bälle
Kalous Spielweise bleibt trotzdem umstritten. Technisch ist der 71-malige Nationalspieler zwar über jeden Zweifel erhaben. Ein Zielspieler, der Bälle sichert und dabei gelegentlich einen Freistoß herausholt, ist Kalou jedoch nicht. Der verletzte Julian Schieber kommt diesem Anforderungsprofil deutlich näher und erhielt auch deshalb unter Dardais Vorgänger Jos Luhukay den Vorzug. Kalou indes wirkte auch in der Vorbereitung so, als hätte er keine richtige Bindung zum Hertha-Spiel.
Nicht nur für Dardai, auch für Michael Preetz ist die Personalie Kalou schwierig. „Die gesamte Mannschaft ist gefragt, mehr Torchancen zu kreieren“, sagt der Manager, „dann können wir uns mit denen beschäftigen, die dafür zuständig sind, sie zu verwerten.“ Weil Schieber und Sami Allagui noch verletzt sind, werde er „die Entwicklung aber bis zum Ende der Transferperiode ganz genau beobachten“.
Transfers auf dem Prüfstand
In der Diskussion um Kalou geht es nicht nur um einen Stürmer mit Ladehemmung, sondern auch um Herthas Transferpolitik. Von den zehn Verpflichtungen des vergangenen Sommers erwies sich keine als Volltreffer. Weder Kalou (lediglich sechs Saisontore) und Roy Beerens (eine Torvorlage), noch Valentin Stocker oder Marvin Plattenhardt, die ihr Können erst im letzten Saisondrittel abrufen konnten. Hinzu kamen Pechvögel wie Schieber (Knorpelschaden) und Flops wie John Heitinga, der sich schlicht als zu langsam erwies – der Rest ließ sich irgendwo dazwischen einsortieren.
Nun, nach einem Jahr, sind sämtliche Eingewöhnungs-Boni aufgebraucht. Preetz muss sich an den Leistungen seiner Verpflichtungen messen lassen. Mehr als jeder andere Spieler entscheidet Kalou mit seinen Leistungen darüber, wie die Performance von Herthas Manager zu bewerten ist.
Beim FC Augsburg ist es Hertha in der Bundesliga noch nie gelungen, einen Treffer zu erzielen. Die Frage, wer das am Sonnabend ändern soll, scheint daher berechtigt. „Nach seinem Treffer im DFB-Pokal“, sagte Dardai, „erwarte ich, dass Salomon wieder trifft.“ Dabei lächelte er noch unmerklicher als Kalou nach seinem Tor in Bielefeld.




