Hertha BSC hat neue Höhen erreicht – geografisch betrachtet. Am Sonntag hat der Berliner Bundesligist sein Quartier in Schladming in der Steiermark bezogen, 750 Meter über dem Meeresspiegel. Anders als im Konditions-Trainingslager in heimatnahen Flachland von Bad Saarow liegt der Fokus in Österreich auf Taktik, Technik und Spritzigkeit. Kurzum: Es geht an den Feinschliff.

„In Schladming haben wir optimale Voraussetzungen“, sagt Innenverteidiger Sebastian Langkamp, der im Vorjahr mit vor Ort war. „Wir haben ein schönes Hotel und gute Trainingsplätze.“ Herausforderungen gibt es für Dardai und seinen Co-Trainer Rainer Widmayer zur Genüge. Ein Überblick.

Spielkultur entwickel n. Dass Hertha in der vergangenen Saison die Klasse hielt, war zweifelsohne ein Verdienst Dardais. Der Ungar stabilisierte die wackelige Defensive – etliche Gegner bissen sich an der Berliner Abwehr die Zähne aus. Im Spiel nach vorne blieb Hertha indes farblos. Wie die Mannschaft ein Spiel aktiv gestalten möchte, war bis zum Saisonende bestenfalls zu erahnen. Dardai ist daraus kein Vorwurf zu machen, er übernahm das Team mitten in der Saison. Nun kann er die Mannschaft erstmals nach seinen Vorstellungen vorbereiten. Ob Dardai, der Retter, seiner Elf eine tragfähige Spielidee einimpfen kann, wird sich zeigen müssen.

Dass es Manager Michael Preetz gelungen ist, rechtzeitig zum Trainingslager den Mittelfeldspieler Vladimir Darida, 24, zu verpflichten, kommt Dardai mehr als gelegen. Der Tscheche soll im Spielaufbau die Lücke ausfüllen, die Fabian Lustenberger und Per Skjelbred in Abwesenheit des verletzten Tolga Cigerci nie schließen konnten. Darida, für 3,5 Millionen vom SC Freiburg geholt, betrieb beim ersten Training gleich Werbung in eigener Sache. „Ich bin sehr zufrieden“, sagte Trainer Pal Dardai danach. „Vladimir hatte keinen Ballverlust und ist sehr leichtfüßig. Das war so, wie wir uns das wünschen.“

Warten auf Baumjohann. Die Rückkehr von Spielmacher Alexander Baumjohann macht Hoffnung. Nach seinem zweiten Kreuzbandriss binnen zwei Jahren sammelte der 28-Jährige im Test gegen Rayo Vallecano erstmals Spielpraxis. Geht es nach Baumjohann, steht er zum Saisonauftakt in Augsburg auf dem Platz. Trainer Dardai rechnet jedoch damit, dass Baumjohann rund drei Monate benötigen wird, ehe er Bundesliga-Niveau ­erreichen wird.

Teamgeist stärken. Trotz Darida: Die individuelle Klasse im Kader bleibt überschaubar. Teams wie Freiburg, Mainz oder Augsburg haben in den vergangenen Jahren jedoch bewiesen, dass man die Liga auch ohne eine Ansammlung von Einzelkönnern aufmischen kann. Das Credo von Herthas Ex-Coach Jos Luhukay, „Mentalität schlägt individuelle Qualität“, gilt für die Berliner auch kommende Saison. Ein starker Teamspirit soll ein Trumpf a werden. Im Trainingslager, sagt Torwart Thomas Kraft, fände eine Mannschaft „als Gefüge enger zusammen“.

Peter Niemeyer und Sandro Wagner, für die der Trainer keine Verwendung mehr hat, wurden vorerst vom Team entfernt. Statt in Schladming trainieren sie in Berlin bei der U23. Ronny und Johannes van den Bergh, denen ebenfalls ein Vereinswechsel ans Herz gelegt wurde, sind in Österreich vor Ort. Signale, die unter den Profis durchaus für Irritation sorgen könnten. Kraft sieht die unklare Personalsituation pragmatisch. „Wir haben, Stand jetzt, einen Kader“, sagt der Keeper, „und damit können wir gut arbeiten.“

Stabile Achsen finden. Während Dardai im Abstiegskampf der Vorsaison einer Stammformation vertraute, werden die Karten nun neu gemischt. Das Problem: Noch ist der Kader nicht komplett. Weil John Brooks mit dem Nationalteam der USA um den Gold Cup spielt, steht Dardai mit Sebastian Langkamp derzeit nur ein gelernter Innenverteidiger zur Verfügung. Der Trainer wird daher auf Jens Hegeler und Fabian Lustenberger zurück­greifen. Letzterer ist jedoch auch für eine Rolle im defensiven Mittelfeld vorgesehen. Dort muss Dardai eine geeignete Ergänzung zu Darida finden. Der für 3,5 Millionen Euro vom SC Freiburg ausgelöste laufstarke Mittelfeldspieler, darf als gesetzt gelten. Neben Skjelbred zählen Hajime Hosogai und der junge Florian Kohls zu den Bewerbern – und eben Hegeler oder Lustenberger. Der rekonvaleszente Tolga Cigerci ist erst gar nicht mit nach Schladming gereist, er trainiert individuell in Berlin.

Die Suche nach einem Kapitän. Das Ergebnis dieses Konkurrenzkampfes wird die Kapitänsfrage beeinflussen. Als Kandidaten gelten der bisherige Spielführer Lustenberger, Skjelbred, Langkamp, Kraft und Rechtsverteidiger Peter Pekarik.

Dardai hat angekündigt, in den drei Tests gegen den österreichischen Erstligisten SV Gröding (Dienstag, 18 Uhr), den englischen Zweitligisten FC Fulham (Mittwoch) und den türkischen Erstligisten Belediyespor (Sonnabend) jeden Profi mindestens einmal 90 Minuten spielen zu lassen. Die elf Spieler, die gegen Belediyespor auflaufen, dürfen sich Hoffnungen machen, auch zum Saisonstart zu spielen. Ob Hertha nicht nur geografisch, sondern auch spielerisch neue Höhen erreicht, wird sich dann ebenfalls zeigen.