Bundesliga

Die nächste Runde im Duell zwischen Hamburg und Berlin

In Sachen Olympia unterlag die Hauptstadt der Hansestadt. Im Fußball bleiben die Standorte Hamburg und Berlin hinter ihren Möglichkeiten zurück. Am Freitag empfängt der HSV Hertha und Union St. Pauli.

Foto: Warmuth / dpa

Kaum ist die eine große Auseinandersetzung beendet, folgen die nächsten. Anfang der Woche entschied sich der Deutsche Olympische Sportbund gegen Berlin und wird Hamburg als Kandidaten für die Olympischen Spiele 2024 ins internationale Rennen schicken.

Am heutigen Freitag folgen zwei weitere Runden im Duell zwischen Hamburg und Berlin. Ab 20.30 Uhr kämpfen der HSV und Hertha BSC um Bundesliga-Punkte (Volksparkstadion). Bereits um 18.30 Uhr wird in der Alten Försterei die Zweitliga-Partie zwischen dem 1. FC Union und dem FC St. Pauli angepfiffen.

Und siehe da, in Sachen Fußball-Standort zeigen die beiden größten Städte Deutschlands Ähnlichkeiten, die es europaweit nicht gibt. Ob Madrid mit Real und Atletico, Paris mit PSG, London mit dem FC Chelsea und FC Arsenal – normalerweise sind die Topteams einer Nation in der Hauptstadt zu Hause. Nicht so in Deutschland: Schaut man auf die vergangenen fünf Jahre, zeigt sich: Hertha BSC ist zuletzt zweimal abgestiegen und steckt aktuell schon wieder mitten im Kampf um den Klassenerhalt in der Bundesliga.

HSV durchgehend in der gefährdeten Zone

Auch beim HSV klaffen Anspruch und Wirklichkeit in der jüngeren Vergangenheit weit auseinander. 2012 wurde die Liga als Tabellen-15. so eben gehalten. Vergangene Saison retteten sich die Hanseaten in der Relegation ohne Sieg auf der letzten Rille ins Ziel (0:0, 1:1 gegen Greuther Fürth). Und in diesem Spieljahr stecken die Hamburger erneut durchgehend in der gefährdeten Zone.

„Es ist kurios, dass in fast allen Ligen Europas mindestens eine der beiden größten Städte in der Spitzengruppe ist, nur in Deutschland nicht“, sagt Dietmar Beiersdorfer, der Vorstandsvorsitzende des HSV und bekennt: „Eine richtige Erklärung habe ich nicht.“

Abkehr von der Lautsprecher-Ära der Nuller-Jahre

Durch die politische Teilung gehen Berlin und Hamburg mit grundsätzlich verschiedenen Voraussetzungen in den Wettbewerb. Sowohl Hertha als auch Union arbeiten noch daran, über den Bereich des ehemaligen Westteils der Stadt und über Köpenick hinaus Fans im gesamten Berlin zu erreichen. Im Vergleich dazu sind die Hamburger Klubs wesentlich tiefer in ihrer Region verwurzelt. Auch die Wirtschaftskraft in der Hansestadt liegt deutlich über der in Berlin und Brandenburg.

Längst vergangen ist bei den Erstligisten die Lautsprecher-Ära der Nuller-Jahre. Die Fahrt mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor, von der Ex-Manager Dieter Hoeneß geträumt hatte, ist bei Hertha nur noch ein Running-Gag. Ebenso wie das 4:4 des HSV in der Champions League gegen Juventus Turin eine immer blasser werdende Erinnerung an vergangene Erfolge ist.

Der Trainer-Stuhl als Schleudersitz

Stattdessen kämpfen Hertha und der HSV mit ganz profanen Problemen der Vereinsführung. Beiersdorfer formuliert den Anspruch: „Kontinuität in der Führung ist der wichtigste Schritt zum Erfolg.“

Die Realität: Seit Jahren ist der Trainer-Stuhl sowohl bei Hertha als auch beim Hamburger SV ein Schleudersitz. Ob Joe Zinnbauer in Hamburg oder Pal Dardai in Berlin, beide Übungsleiter haben erst im Lauf der Saison einen von ihnen nicht zusammengestellten Kader übernommen.

8,5 Millionen für Pierre-Michel Lasogga

In Berlin fand unter der Führung von Präsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz das Wort Demut Eingang in den Hertha-Wortschatz. Preetz formuliert für diese Saison vergleichsweise bescheidene Ziele: „Wir wollen uns im zweiten Jahr nach dem Aufstieg in der Bundesliga etablieren. Wenn wir am Ende der Saison auf Platz 15 oder besser einkommen, haben wir im dritten Jahr in Folge das Saisonziel erreicht. Nur darum geht es.“

Jahrelang war es so, dass bei Hertha ordentlich verdient, in Hamburg aber besser bezahlt wurde. Die teuren Transfers gingen stets in eine Richtung: Für Gojko Kacar überwies der HSV 5,5 Millionen Euro nach Berlin, für Pierre-Michel Lasogga 8,5 Millionen. Umgekehrt wechselten nach Berlin Profis wie Per Skjelbred oder Änis Ben-Hatira, die an der Elbe den Durchbruch nicht geschafft hatten.

Die vielen Medien: Fluch oder Segen?

In beiden Metropolen spielt die Öffentlichkeit eine größere Rolle als anderswo im Lande. „Hertha und der HSV werden in ihren Städten extrem wahrgenommen“, sagt Preetz. Das bringe viele Vorteile. „Aber es hat auch zur Folge, dass es in Phasen, in denen es sportlich schlecht läuft, darum geht, wie man den enormen Druck von der Mannschaft fernhalten kann. Das sind Probleme, die es in Standorten wie Augsburg, Mainz, Freiburg nicht gibt.“

Beiersdorfer findet, dass man diese Herausforderung offensiv angehen müsse: „Ja, wir wollen die mediale Aufmerksamkeit. Und ja, wir wollen den Druck. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es etwas Besonderes ist, in einer großen Stadt wie Hamburg oder Berlin zu arbeiten.“

Union und St. Pauli besetzen die Nischen

Beide Vereine sind gefordert, die Potenziale ihrer Stadt besser auszuschöpfen, wollen sie nicht untergehen im Wettbewerb mit jenen Vereinen, die in der Champions League starten sowie den Werksklubs wie Bayer Leverkusen oder dem VfL Wolfsburg (RB Leipzig und der FC Ingolstadt werden im Oberhaus erwartet). Der HSV hat eine fast zehnjährige Phase des Stillstandes im vergangenen Sommer aufgelöst durch die Initiative HSV plus. Die Profis sind nun in eine AG ausgegliedert, der Unternehmer Klaus-Michael Kühne hält 7,5 Prozent. Hertha hat im Januar 2014 insgesamt 61 Millionen Euro vom Finanz-Investor KKR (New York) erhalten und im Gegenzug u.a. 9,7 Prozent an Aktien abgegeben.

Der Profifußball verändert sich, viele Fans haben Schmerzen, wie weit sie ihrem Klub folgen wollen auf dem Weg der Professionalisierung. Anders als die Etablierten – das ist die Nische, in der sich Union und St. Pauli bewegen.

Die Nummer zwei als Markenkern

Doch auch die Lage des jeweils zweiten Fußball-Klubs der Stadt unterscheidet sich von dem, was sonst europaweit anzutreffen ist. In der Premier League tummeln sich gleich sechs Londoner Klubs: Chelsea, Arsenal, Tottenham, Crystal Palace, West Ham und Queens Park. In Barcelona, der zweitgrößten Stadt in Spanien, sind Barca und Espanyol seit Jahren internationale Größen.

Der 1. FC Union und der FC St. Pauli haben zwar einen klar identifizierbaren Markenkern, mäandern aber durch die Zweite Liga. „Der FC St. Pauli und Union gelten als eher alternative Klubs“, sagt Thomas Meggle, Sportdirektor des FC St. Pauli. „Beide nehmen gerne die Underdog-Rolle ein. Union war schon in der DDR kein Staatsklub, sondern eben der andere Klub.“

Zingler: Es stellt sich die Frage, wohin unser Weg führen soll

Union-Präsident Dirk Zingler verweist darauf, dass „wir in den letzten Jahren viel nachgeholt und Bedingungen geschaffen haben, die Profifußball überhaupt ermöglichen. Mit der Stadionsanierung und dem Tribünenneubau haben wir für unsere Verhältnisse riesige Kraftakte bewältigt. Wenn wir diese nachholende Entwicklung als weitgehend abgeschlossen betrachten, dann stellt sich natürlich die Frage, wohin der Weg nun führen soll.“

Die Richtung ist klar: Konkurrenten vom Schlage Fürth, Braunschweig, Paderborn oder in diesem Jahr Darmstadt zeigen, dass auch vermeintliche Außenseiter in die Bundesliga aufsteigen können.

Nur der kleinste Klub hat Planungssicherheit

Auch der HSV und Hertha sehen die laufende Saison als Durchgangsstation. „Wir haben verschiedene Hebel identifiziert, wie wir den Abstand zu den Topklubs der Liga verkürzen können“, sagte Hertha-Manager Preetz. Darüber zu sprechen mache aber erst Sinn, wenn der Klassenerhalt sichergestellt ist.

Kurios: Von den vier Vereinen hat nur einer Planungssicherheit, der kleinste: Lediglich der 1. FC Union weiß, dass er 2015/16 erneut in der Zweiten Liga spielen wird. Ob der HSV, Hertha oder St. Pauli, die anderen drei Klubs wissen noch längst nicht, in welcher Liga sie in der kommenden Saison antreten werden.