Auftaktpleite

Werders Doppeltorschütze Di Santo verschärft Herthas Krise

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Jörn Lange und Jörn Meyn

Foto: Stuart Franklin / Bongarts/Getty Images

Ideen- und mutlose Berliner verlieren zum Rückrundenstart durch Tore von Franco Di Santo mit 0:2 in Bremen und rutschen in den Tabellenkeller. Trainer Jos Luhukay muss sich Fragen gefallen lassen.

Es war nicht ganz klar, was oder wen Thomas Kraft mit seinen Aussagen meinte. Herthas Schlussmann wollte das auch nicht weiter ausführen, als er nach dem enttäuschenden 0:2 (0:1) zum Auftakt der Rückrunde am Sonntag bei Werder Bremen vor die Mikrofone trat. Kraft sagte: „Es geht einfach nicht, dass wir uns mit einem 0:5 gegen Hoffenheim in die Winterpause verabschieden und dann mit so einer Leistung wieder starten. Es funktioniert einfach nicht bei uns. Wie müssen uns hinterfragen. Mehr sage ich nicht.“ Dann stapfte der 26-Jährige davon.

Kraft war noch der beste Akteur in einer erschreckend schwachen Berliner Mannschaft, die mut- und ideenlos gegen forsche Bremer agierte und am Ende durch die beiden Treffer von Franco Di Santo (43. und 69. Minute) völlig verdient verlor. Hertha verpasst damit die Gelegenheit, sich Luft im Abstiegskampf zu verschaffen und verschärft die eigene Krise. Nur weil die direkte Konkurrenz aus Hamburg und Stuttgart ebenfalls verlor, rangiert der Hauptstadtklub weiterhin mit einem Zähler Vorsprung vor der Abstiegszone.

Experiment Dreierkette misslingt

„Am Ende haben wir uns diese Niederlage selbst zuzuschreiben“, analysierte Herthas Trainer Jos Luhukay. Man habe zwar versucht, schnell nach vorn zu spielen, „aber die letzte Genauigkeit vor dem Tor fehlte. Dann kann man auch keine Tore erzielen“. Luhukay jedoch muss sich die Frage gefallen lassen, ob er gegen die sehr junge Werder-Mannschaft den richtigen Matchplan gewählt hatte.

Erst zum zweiten Mal in dieser Saison baute der Niederländer sein gewohntes 4-3-3-System um und ließ in einer Dreierkette mit Kapitän Fabian Lustenberger, dem wiedergenesenen Sebastian Langkamp und John Brooks verteidigen, die sich bei gegnerischem Ballbesitz zu einer Fünferkette wandelte. Davor sollte Peter Niemeyer abräumen – Ronny, Valentin Stocker und Jens Hegeler sollten für Offensivdrang sorgen. Die Idee war, sich aus einer kompakten Abwehr heraus auf Konter zu verlegen.

Doch der Plan ging schief, weil Hertha fast das gesamte Spielfeld dem Gegner überließ – Bremen hatte zur Halbzeitpause 65 Prozent Ballbesitz – und die eigenen Chancen zu schnellen Gegenstößen fahrlässig verspielte. Trotz zahlreicher Konter brachten die Berliner in der gesamten Partie nur einen einzigen gefährlichen Torschuss zustande, als Stocker über die Querlatte schoss (17.). Werder dagegen kam immer wieder zu Abschlüssen. Kraft musste gegen Davie Selke retten (22.) sowie gegen Philipp Bargfrede (40.). Beim dritten guten Versuch war der Keeper noch dran, doch der Schuss von Di Santo fiel zum 0:1 ins Netz (43.). Nico Schulz hatte den Argentinier gewähren lassen.

Ronny enttäuscht als Gestalter

Zur Halbzeit reagierte Luhukay und nahm Schulz ebenso wie Niemeyer vom Feld, der zu Spielbeginn eine Kopfverletzung davongetragen hatte und mit Verdacht auf Gehirnerschütterung ins Krankenhaus fuhr. Luhukay kritisierte Schulz nach dem Spiel: Er habe ihn ausgewechselt, weil über seine Seite ständig Bremer Angriffe rollten. Dafür kamen Marcel Ndjeng und Johannes van den Bergh.

An der taktischen Formation änderte das nichts: Zwar versuchte Hertha mehr die Initiative zu ergreifen, doch das bot Werder auch Raum für Konter. Wieder war Kraft gegen Di Santo machtlos, als van den Bergh den eingewechselten Clemens Fritz flanken ließ und der Werder-Angreifer mit einem Seitfallzieher auf 0:2 erhöhte (69.).

Di Santo hatte vor der Partie eine freche Wette abgeschlossen: Würden ihm gegen Hertha sechs Tore gelingen, wollte er eine Stadionrunde Bier spendieren. Die meisten der 40.187 Zuschauer in der Arena hofften nun also auf ein Freigetränke, doch bevor das tatsächlich noch eintreffen konnte, nahm Werders Trainer Viktor Skripnik seinen Stürmer vom Feld.

Luhukays Antwort auf das 0:2 war, den schwachen Ronny auszuwechseln und Sandro Wagner zu bringen. Die schnellen Roy Beerens oder Genki Haraguchi, die zur Kontertaktik gepasst hätten, blieben draußen. Vor der Partie hatte Luhukay Mut gefordert. Aber er muss sich fragen, ob er die Seinen dafür nicht viel zu defensiv aufgestellt habe. Am Ende jedenfalls zählten die Statistiker 19:3 Torschüsse für Werder. Skripniks Team war darüber hinaus einfach auch die aktivere Mannschaft: 118 gelaufene Kilometer standen nur 112 auf Hertha-Seite gegenüber.

Trainer schließt Panikkäufe aus

Auf das neue Spielsystem angesprochen hatte Thomas Kraft noch gesagt: „Für mich ist es genauso frustrierend wie für alle anderen, wenn man von hinten nicht richtig nach vorne kommt.“ Das ließ Raum für Spekulationen, weil das System ja nun einmal vom Trainer stammt. Viel Zeit für Diskussionen bleibt Hertha aber nicht: Schon am Mittwoch kommt Bayer Leverkusen.

Die ersten Tage in der Rückrunde drohen also turbulente für Hertha zu werden. Ist die Mannschaft für den Abstiegskampf gewappnet? „Ich hoffe ja“, antwortete Lustenberger und ergänzte: „Ich denke, dass wir den Ernst der Lage erkannt haben.“ Andernfalls könnte es finster für Hertha werden.

Ob Hertha an diesem Montag, dem letzten Tag der Transferperiode, noch einen Neuen holen werde, wurde Luhukay gefragt. Der Trainer antwortete: „Das wäre jetzt eine Panikreaktion. Entscheidend ist, dass wir aus unseren Fehlern lernen.“