Zweite Liga

Hertha jagt den historischen Rekord und die Meisterschale

Die bereits als Bundesliga-Aufsteiger feststehenden Berliner spielen Sonntag beim FC St. Pauli. Zur Bestmarke von 75 Punkten fehlen Hertha BSC noch zehn Zähler - bei vier ausstehenden Begegnungen.

Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Fabian Lustenberger muss sich wie im falschen Film vorgekommen sein. Am Sonntag noch verteidigte er im Olympiastadion gegen Sandhausens Angreifer Juho Mäkelä, machte dort mit dem Team den Bundesliga-Aufstieg perfekt. Nur wenige Tage später wird er bei einer Autogrammstunde gefragt, wie er Bayerns Top-Stürmer Mario Mandzukic stoppen wolle. Die Situation zeigt, dass die ausstehenden letzten vier Spieltage ein wenig aus dem Fokus geraten sind. Deshalb versucht Trainer Jos Luhukay, vor der Partie beim FC St. Pauli neue Reizpunkte zu setzen (Sonntag, 13.30 Uhr).

„Sportlich haben wir ein Ziel vor Augen“, sagt der Niederländer. „Wir wollen am letzten Spieltag die Meisterschale nach Berlin holen.“ Damit versucht der Coach die Mannschaft aus der Feierlaune herauszuholen und die Konzentration auf die Begegnung bei den noch abstiegsbedrohten Hamburgern zu lenken.

Nicht das erste Mal in dieser Saison, dass Luhukay seine Profis mit Zwischenzielen zu motivieren versucht. Auf der Pressekonferenz vor dem Spiel in Hamburg war der Trainer mit seiner Strategie nicht erfolgreich. Ganz im Gegenteil, die meiste Zeit musste er sich über die Halbfinal-Siege in der Champions League der deutschen Top-Klubs FC Bayern und Dortmund äußern. Die Zweitliga-Partie am Millerntor interessierte nur beiläufig.

Platz eins als Motivation

Vize-Kapitän Peer Kluge (32) räumt ein, dass es nach dem geglückten Aufstieg schwer ist, die Spannung hochzuhalten: „Das ist nicht einfach. Das muss ich ehrlich sagen. Der ganz große Druck ist weg.“ Die Mannschaft hatte vor der Spielzeit genau einen Auftrag und der hieß Wiederaufstieg. Die Mission hat sie mit der bis jetzt besten Zweitliga-Saison in der Hertha-Geschichte erfüllt.

Kluge tut sich schwer, offen Parolen zur Eroberung der Meisterschaft auszugeben. Vorsichtig sagt er: „Platz eins motiviert schon. Wir sind doch Sportler und wollen immer das Bestmögliche erreichen. Dafür müssen wir noch ein paar Punkte holen.“ Der Mittelfeldspieler weiß, dass schon im Sommer niemand mehr nachfragt, ob Hertha auf Platz eins oder zwei direkt in die Bundesliga aufgestiegen ist. Hauptsache oben wieder dabei.

Kapitän Peter Niemeyer kämpft um die Rückkehr

Auch Jos Luhukay weiß um die Schwierigkeit, nach erreichtem Ziel noch einmal die Kräfte zu mobilisieren. Deshalb versucht er die Mannschaft, deren großer Trumpf in dieser Saison der Zusammenhalt war, emotional anzusprechen. Sie soll die umgangssprachlich als „Felge“ bezeichnete Meisterschafts-Trophäe der Zweiten Liga für den verletzten Peter Niemeyer holen, der beim 3:0 gegen Braunschweig vor zwei Wochen eine schwere Gehirnerschütterung erlitt.

„Ich wünsche mir, dass er dann als Kapitän auf dem Platz dabei sein kann. Er hat eine sehr starke Saison gespielt und musste leider unser Aufstiegsspiel verpassen“, sagte der Trainer. Der 29-Jährige, der gerade erst mit leichten Laufeinheiten begonnen hat, soll unbedingt am letzten Spieltag im Olympiastadion gegen Cottbus (19. Mai) die Meisterschale in den Himmel heben. Auch wenn sich Niemeyer selbst kein Ziel für seine Rückkehr gesetzt hat, gibt er zu: „Ich wäre schon gerne dabei.“

Liga-Rekord liegt bei 75 Punkten

Auf andere Reizpunkte verzichtet Jos Luhukay. Dabei hätte Hertha die Chance, zum besten Aufsteiger in der Historie des Unterhauses zu werden. Dazu benötigt die Mannschaft noch zehn Punkte aus den nächsten vier Spielen und würde dann Hannover 96 überholen, das 2001/02 mit 75 Zählern aufstieg. „An den Rekord habe ich bis jetzt noch gar nicht gedacht. Auch weil für St. Pauli, Aue und Köln die Zähler im Auf- und Abstiegskampf noch extrem wichtig sind. Da die volle Punktzahl zu holen, wäre wirklich schwierig.“

Verteidiger Lustenberger hat sich dafür entschieden, den Trubel nach dem gesichertem Aufstieg mit Humor abzuwehren. Deshalb lobte er auf der Autogrammstunde nicht die unbestrittene Klasse von Mario Mandzukic, sondern sagte nur lapidar: „Im Training habe ich ja Gegenspieler wie Sandro Wagner und Pierre-Michel Lasogga. Von daher bin ich vorbereitet.“