Nach dem Derby

Hertha BSC ist derzeit zu abhängig von zwei Spielern

Bei aller „Extraqualität“ von Ronny und Ramos hat das Derby gegen Union wieder gezeigt, dass Hertha besonders spielerisch noch Defizite hat.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Nach dem Derby kam die Leere. Peter Niemeyer saß am Tag nach dem mühsam erkämpften 2:2-Unentschieden im Stadtduell gegen den 1. FC Union erschöpft im Medienraum von Hertha BSC. „Ich bin froh, dass das Derby jetzt gespielt ist und dass sich nun alles wieder etwas beruhigt“, sagte der Kapitän der Blau-Weißen und wirkte dabei nachdenklich.

Nach so einer kräftezehrenden Partie, in deren Vorfeld die Erwartungshaltung in der Stadt und bei den Akteuren auf dem Platz kaum hätte größer sein können, falle man erst einmal in ein Loch.

Doch neben der Leere nach einem nicht immer hochklassigen, dafür aber stets spannenden Lokalderby vor beeindruckender Kulisse, „von der ich leider viel zu wenig genießen konnte“, zog Niemeyer auch seine Lehren aus der Partie, bei der Hertha noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen ist: „Jeder hat gesehen, dass wir nicht gut ins Spiel gefunden haben“, so der 29-Jährige.

Zwar überwiege bei ihm der Stolz auf die Mannschaft, nach einem 0:2-Rückstand noch einmal zurückgekommen zu sein, aber „wir müssen zusehen, dass wir dem Druck in den nächsten Spielen standhalten und wieder über 90 Minuten unsere Leistung abrufen können“, sagte der Kapitän.

In der Tat bedarf es zweier verschiedener Ansätze, um die Leistung der Herthaner gegen Union zu bewerten. Denn wieder einmal ist es dem Team von Cheftrainer Jos Luhukay gelungen, nach einer schwachen ersten Hälfte eine fast schon verloren geglaubte Partie noch zu drehen. Und wieder ist ein Spiel mehr in der mittlerweile immer imposanteren Serie von 19 Begegnungen ohne Niederlage dazu gekommen.

Darüber hinaus konnte der Abstand auf die Tabellenspitze durch das Remis bei zwei Zählern gehalten werden. All das ist positiv.

Allheilmittel Ronny und Ramos

„Entscheidend ist“, sagte Luhukay am Morgen danach, „dass die Mannschaft durch ihre Mentalität zurückgekommen ist. Wenn es fußballerisch nicht läuft, dann muss man eben andere Mittel finden.“ Diese anderen Mittel sind bei dem Tabellenzweiten in dieser Spielzeit vor allem zwei. Erstens: die starke konditionelle Verfassung. 60 Prozent aller Tore erzielte Hertha im letzten Spieldrittel (26 von 43 Treffern).

Kein Team ist in dieser Kategorie besser. Während der Stadtrivale aus Köpenick ab der 65. Minute zunehmend körperlich abbaute, konnte Luhukays Mannschaft das Tempo noch einmal erhöhen, was letztlich nicht nur für die Physis spricht, sondern auch für den Charakter der Mannschaft.

Das zweite Allheilmittel in Partien, bei denen sich Hertha in der laufenden Saison schwer tut, sind zwei Akteure, die Luhukay seine „Experten“ nennt: Knapp die Hälfte aller Treffer geht auf das Konto von Adrian Ramos (acht Tore) und Spielmacher Ronny (zwölf Tore).

„Adrian ist für uns so wichtig, weil er oft unser erstes Tor im Spiel erzielt“, lobte Luhukay den kolumbianischen Angreifer. Vor allem aber Ronny hat sich mittlerweile zu Herthas „Dosenöffner“ entwickelt. Als Experte für Standardsituationen bricht der Brasilianer immer dann den Bann, wenn die Partie wie schon im Hinspiel gegen Union (2:1), als er den Siegtreffer per direktem Freistoß erzielte, auf der Kippe steht.

So geschehen auch am Montagabend, als Ronny mit einer Ecke erst den Anschlusstreffer von Ramos vorbereitete und wiederum mit einem direktem Freistoß auch für den Ausgleich sorgte. Dank des 26-Jährigen ist Hertha bei ruhenden Bällen die beste Mannschaft der Liga (17 Tore nach Standards).

Doch bei aller „Extraqualität“ (O-Ton Luhukay), die Hertha mit Ronny und Ramos in den eigenen Reihen weiß, hat spätestens das Derby gegen Union offenbart, dass der Aufstiegsaspirant besonders spielerisch noch Defizite hat.

Und das ist der zweite der beiden Ansätze, mit der Herthas Leistung vom Montagabend zu bewerten ist. Denn die derzeitige Abhängigkeit von Ronny und Ramos bedeutet letztlich nichts anderes als die derzeitige Abhängigkeit von Standardsituationen. Schon beim Auftakt gegen Regensburg (5:1) resultierten die ersten drei Treffer aus Standardsituationen.

Auch dort zeigte sich vor allem im ersten Durchgang, dass Hertha noch nach der Leichtigkeit sucht, die zumindest phasenweise in der Hinrunde zu sehen war (besonders beim 3:0 gegen 1860 München). „Uns fehlt noch der Rhythmus. Wir sind noch nicht wieder so stark wie vor der Winterpause“, analysierte Niemeyer am Dienstag.

Die gewünschte Dominanz fehlt

Obwohl Luhukay im Trainingslager verstärkt am Kombinationsspiel in den letzten 30 Metern vor dem gegnerischen Tor gearbeitet hat, bleibt die gewünschte spielerische Dominanz noch aus. Und der Niederländer verschließt davor nicht die Augen: „Im Derby haben zu viele Spieler nicht ihr Toplevel erreicht“, sagte Luhukay. Sein Team habe keinen großartigen Fußball gespielt und müsse deshalb letztlich zufrieden sein mit dem einen Punkt.

Doch der 49-Jährige sieht deshalb keinen Grund für Pessimismus. Mit der Art und Weise, wie sein Team zuletzt aufgetreten ist, sei er zwar nicht zufrieden. „Aber das ist auch ein Jammern auf hohem Niveau. Wir brauchen uns jetzt nicht runterzuziehen, denn wir sind voll auf Aufstiegskurs“, so Luhukay. Und trotz der nicht ganz zufriedenstellenden Momentaufnahme sorgt ein Fakt ja schließlich auch für wohlige Gefühle bei Hertha: „Die Krone der Stadtmeisterschaft haben wir immer noch auf“, sagte Niemeyer und grinste.