Zweite Liga

Trainer Luhukay - „Hertha hat sich neuen Respekt verschafft“

Der Klub hat ein turbulentes Jahr erlebt. Umso erstaunlicher, dass Hertha die Zweite Liga anführt. Luhukay verrät, wie er das geschafft hat.

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Berliner Morgenpost: Herr Luhukay, zur Winterpause liegt Hertha zehn Punkte vor dem Dritten 1. FC Kaiserslautern. Überrascht?

Jos Luhukay: Eher nein, weil wir seit Monaten den Erfolg halten können. Unser Vorsprung hat sich vergrößert, weil es keine einzige Phase gab, wo wir über mehrere Spiele Punkte haben liegen lassen.

Berliner Morgenpost: Hertha lag nach den ersten fünf Monaten des Jahres am Boden. Was waren die größten Herausforderungen zu Beginn?

Jos Luhukay: Ich möchte helfen, Hertha dahin zu führen, wo der Verein hingehört: in die erste Liga. Der Verein hatte es sportlich und wirtschaftlich schwer. Ich will dem etwas Neues hinzufügen. Ich genieße hier die 100-prozentige Unterstützung von Präsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz. Nach einem halben Jahr haben wir einiges Positives bewegt.

Berliner Morgenpost: Was war die schwierigste Situation?

Jos Luhukay: Eines vorweg: Ich habe nie gezweifelt. Ich habe mich beim ersten Gespräch zu Hertha bekannt. Ich hätte es toll gefunden, wäre Hertha erstklassig geblieben. Habe aber ebenfalls gesagt: Ich komme auch, falls Hertha absteigt. Schwierig war die Vorbereitung. Wir hatten verletzte und gesperrte Spieler. Nach und nach kamen Neue dazu. Als der Kader stand, musste ich drei Spielern empfehlen, eine andere Perspektive anzunehmen, das war schwer. Was mich sportlich enttäuscht hat, war das Aus in der ersten Pokalrunde (1:2 bei Viertligist Wormatia Worms, d.Red.).

Berliner Morgenpost: War der vierte Spieltag, der Derby-Sieg gegen Union, mehr wert als drei Punkte?

Jos Luhukay: Ja. Ich habe in der Vorbereitung immer wieder appelliert: Es liegt an uns, Hertha positiv in der Öffentlichkeit darzustellen. Wir wollen uns Respekt und Anerkennung zurückerarbeiten. Das hat die Mannschaft schnell aufgenommen. Der Derby-Sieg war wichtig. Für uns, aber auch für die Fans. Wie Hertha bei Union aufgetreten ist, das war auch wichtig für das, was sich entwickelt hat an Zusammenhalt zwischen Mannschaft und Fans. Dort hat die Mannschaft zum ersten Mal bewiesen, was sie zuletzt gegen den FSV Frankfurt gezeigt hat: Dass sie die Mentalität hat, trotz schwieriger Situationen, Erfolg zu wollen. Ob gegen Union oder Frankfurt, wir haben in der Schlussviertelstunde 14 Tore erzielt. Das verlangt eine konditionell sehr gute Verfassung. Und zeigt Charakterstärke. Ich finde es beeindruckend, wie die Mannschaft das immer wieder hinbekommt. Deshalb fand ich das am Sonnabend mit den Fans schade.

Berliner Morgenpost: Im Olympiastadion war es gegen Frankfurt ungewohnt ruhig, weil Teile der Fans nicht einverstanden sind mit dem, was die Vereine mit der Deutschen Fußball Liga beschlossen haben.

Jos Luhukay: Aus sportlicher Sicht war das schwierig. Wir wollten einen guten Jahresabschluss haben, hatten erstmals Platz eins in Aussicht. Dann war das Spiel gegen Frankfurt schwierig. Ich fand es schade, dass im Stadion nicht die Atmosphäre war wie sonst. Aber ich respektiere die Fans. Dass sie der Meinung sind, dass in ganz Fußball-Deutschland die Situation nicht so ist, wie sie sich das wünschen.

Berliner Morgenpost: Welcher Moment hat Sie am meisten berührt?

Jos Luhukay: Der Schlusspfiff am Sonnabend. Weil wir zum ersten Mal Platz eins übernehmen konnten, mal sehen für wie lange. Das ist die Krönung gewesen nach fünf Monaten harter Arbeit von der Mannschaft, meinen Kollegen im Trainerteam und von der medizinischen Abteilung.

Berliner Morgenpost: Hertha BSC hat es in der ersten Hälfte des Jahres 2012 extrem an Zusammenhalt gefehlt. Eine Stärke des zweiten Halbjahres war der sehr gute Teamgeist. Wie kam es dazu?

Jos Luhukay: Mein Eindruck von außen über Herthas erstes Halbjahr war: Es ist schwer, ein Ziel zu erreichen, wenn es an Geschlossenheit fehlt. Deshalb habe ich vom ersten Tag an betont, dass es wichtig ist, dass die Mannschaft die Bereitschaft hat, alles für den Erfolg zu tun. Das hat sie rasch aufgegriffen. Ein großes Lob an alle.

Berliner Morgenpost: Die größte Überraschung ist Ronny.

Jos Luhukay: Ronny und ich hatten vom ersten Tag an ein positives Gespür füreinander. Ich habe ihn mal hart angefasst. Und in anderen Situation den Arm um ihn gelegt. Wir haben uns beide unglaublich geholfen. Dazu kommt, dass die Mannschaft Ronny geholfen hat. Und seit Monaten hilft Ronny der Mannschaft. Insgesamt geht es in einem Team um die richtige Balance. Im Mittelfeld ist es wichtig, dass Peer Kluge und Peter Niemeyer Ronny unterstützen. Dann profitieren am Ende alle von seinen individuellen Qualitäten. Das 2:1 gegen Frankfurt ist eine Konditionsfrage. Ronny ist so fit, dass er auch nach 85 Minuten noch in diese Position sprinten kann. Und über seine Qualitäten beim Abschluss brauchen wir nicht zu reden.

Berliner Morgenpost: Im Januar ist das Transferfenster geöffnet. Gibt es personelle Veränderungen?

Jos Luhukay: Wir werden keine neuen Spieler verpflichten. Ich freue mich, dass wir sehr viele Rückkehrer bekommen: Pierre-Michel Lasogga, Maik Franz, Peter Pekarik, Änis Ben-Hatira, Christoph Janker, nicht zu vergessen Levan Kobiashvili. Auf der Abgangsseite muss von uns aus niemand gehen. Aber es gab ein Gespräch mit Elias Kachunga. Er ist ein guter Kerl, er hat sich nie hängen lassen, obwohl es schwierig war. Er hat sich in Berlin mehr Einsatzzeit versprochen. Wenn er sich verändern möchte, werden wir ihm helfen.

Berliner Morgenpost: Hertha hat 42 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Welche Auswirkungen haben die finanziellen Zwänge auf Ihre Arbeit?

Jos Luhukay: Ich wusste vor meinem Amtsantritt, wie es aussieht. Ich arbeite mit dem, was möglich ist. Schaffen wir den Aufstieg, hoffe ich, dass es Hertha mit dem neuen Fernsehvertrag wirtschaftlich besser geht.

Berliner Morgenpost: Wie sehen Herthas Perspektiven aus?

Jos Luhukay: Das Ziel ist, Hertha dauerhaft in der Bundesliga zu etablieren, statt diesem Auf und Ab. Für das erste Ziel, den Aufstieg, sind wir auf gutem Wege. Aber noch ist nichts erreicht.

Berliner Morgenpost: Gegen Frankfurt haben Sie beim Stand von 0:1 den 17-jährigen Hany Mukhtar eingewechselt. Sie setzen oft auf Talente. Ist das auch in der Bundesliga möglich?

Jos Luhukay: Ich habe den Jungen vor der Saison gesagt: Dieses Jahr ist Eure Chance. Aber es reicht nicht, dabei zu sein. Damit wir Euch in die Bundesliga mitnehmen, müsst ihr Euch jetzt durchsetzen. Entscheidend ist, dass sie die Bereitschaft und den Charakter dafür haben. Ich bin riesig froh für Hertha und für die Stadt Berlin, dass so viele von den Jungs das angenommen haben. Fabian Holland, John Brooks, Niko Schulz, Hany Mukhtar und die anderen, es ist bemerkenswert, wie sie arbeiten. Wir müssen mit dem Personal kreativ sein. Unsere jungen Spieler sind ein Potenzial für die Zukunft von Hertha.

Berliner Morgenpost: Ihr Vertrag läuft bis Juni 2014. Können Sie sich vorstellen, länger zu bleiben?

Jos Luhukay: Um meine Situation mache ich mir keine Gedanken. Ich möchte, dass es Hertha wieder gut geht und dass die Fans stolz sind auf ihren Verein.