Wenn sich die Wege von Hertha BSC und Energie Cottbus kreuzen, gibt es traditionell Alles-oder-Nichts-Spiele. Heute stehen sich die Klubs zum 15. Mal seit dem Oktober 2000 im Berlin-Brandenburg-Derby gegenüber. Dabei gab es lediglich zwei Unentschieden. Und im Stadion der Freundschaft gab es nur Gewinner und Verlierer. Unvergessen Jürgen Röber, der im Februar 2002 nach einem 0:1 bei der Abfahrt kreidebleich in der ersten Reihe des Mannschaftsbusses saß. Einen Tag später war der Hertha-Trainer seinen Job los. Unvergessen die „Tanzbär“-Einlage des damaligen Managers Dieter Hoeneß vom März 2009, als Hertha nach einer Weltklasse-Leistung von Andrej Voronin 3:1 gewann und der Traum von der Meisterschaft geträumt werden durfte.

Am Montag (20.15 Uhr, Sport1) hängt es maßgeblich von zwei Spielern ab, ob die letzte Partie der Zweitliga-Hinrunde eine unvergessliche wird. Die Hausherren vermelden, dass der angeschlagene Torjäger Boubacar Sanogo fit ist und das Abschlusstraining absolviert hat. Der Stürmer der Elfenbeinküste führt mit neun Treffern die Torjägerliste an (gemeinsam mit Lauterns Mohamadou Idrissou).

Luhukay gerät ins Schwärmen

Bei Hertha ist Fabian Lustenberger (25) dafür zuständig, die Kreise von Sanogo einzuengen. Ausgerechnet der dienstälteste Herthaner, seit 2007 im Verein, ist die Entdeckung dieser Hinrunde. Beim obligatorischen Pressegespräch geriet der sonst so sachliche Jos Luhukay regelrecht ins Schwärmen. Der Trainer verriet, dass in der Saisonplanung Lustenberger als sogenannter Sechser im defensiven Mittelfeld vorgesehen war. Und als Ersatz für die Zehn, die Spielermacher-Position. Für Aufsehen jedoch sorgt Lustenberger nun auf der Vier, als Manndecker im Abwehrzentrum. „Fabian macht das fantastisch“, lobt Luhukay, „er ist charakterlich ein einwandfreier Junge, ein absoluter Teamspieler. Ich sehe auf seiner Position in der Liga keinen Spieler, der die Qualitäten von Fabian hat.“

Da gilt es kurz innezuhalten: Eigentlich heißt es, ein guter Innenverteidiger müsse Robustheit und Gardemaß mitbringen. So wie es bei Hertha Maik Franz (1,90 m/89 Kilo) mitbringt, oder Roman Hubnik (1,92/84) oder John Brooks (1,93/80). Lustenberger ist, verglichen mit den Kollegen eher ein Hänfling: 1,80 Meter klein und 70 Kilogramm leicht.

Ja, räumt sein Vorgesetzter ein. „Fabian ist nicht 1,90 Meter groß. Aber er verfügt über taktisches Vermögen, kann das Spiel sehr gut lesen. Er hat eine gesunde Aggressivität, eine gute Balleroberung und spielt fast nie Foul.“ Der Schweizer profitiert von einer Qualität, die von modernen Verteidigern erwartet wird: Dass sie nach gewonnenem Zweikampf das Tempo des Spiels bestimmen: Beschleunigen? Oder verlangsamen? Risikopass? Oder mehr auf Sicherheit spielen? „Seine Spieleröffnung ist richtig gut“, sagte Luhukay.

Bester Manndecker der Liga

Die Stabilität, die Lustenberger seinem Team verleiht, lässt sich belegen. Hertha hat mit ihm kein einziges Spiel verloren. Und die anfängliche Sorgenzone, die Defensive, wurde mit seiner Versetzung nach hinten zum Bollwerk. Der „Aushilfskellner“ entpuppte sich rasch als moderner Abwehrchef, der an seiner Seite Youngster Brooks (19) zu Sicherheit verhalf. Zur Halbserie lobte sein Trainer Lustenberger: „Ich finde, dass Fabian der beste Spieler auf dieser Position in der Liga ist.“ Und stutzt dann selbst über seine eigenen Worte: „Das ist irgendwie überraschend, weil dort eigentlich Franz und Hubnik hätten spielen sollen.“

Lustenberger erinnert hin und wieder daran, „dass ich mich nach wie vor als Mittelfeldspieler sehe“. Vor allem aber ist er heilfroh, über sechs Monate stabil Leistung bringen zu können. Seine Formentwicklung ist der Konkurrenz nicht entgangen. Nicht nur Ex-Trainer Lucien Favre (Borussia Mönchengladbach), auch andere Bundesligisten beobachten Lustenberger regelmäßig. Sein Vertrag in Berlin läuft bis 2014. Offiziell sagt Hertha-Manager Michael Preetz: „Wir brauchen die Bundesliga.“ Meint: Lustenberger ist nur zu halten, wenn die Rückkehr ins Oberhaus gelingt. Wie Morgenpost Online indessen erfuhr, hat Hertha bereits das Interesse an einer vorzeitigen Verlängerung bei der Lustenberger-Seite hinterlegt.

Im Topspiel der Liga haben die Berliner die Chance, Platz zwei zu festigen und mit einem Sieg den Abstand zu auf Platz vier liegenden Cottbusser auf acht Punkte zu vergrößern.

Cottbus ist zweitstärkste Heimmannschaft

Wie immer vor dem Prestige-Duell stichelt der Außenseiter aus der Lausitz gegen den Hauptstadt-Klub. „Wir müssen uns nicht verstecken“, sagte Energie-Trainer Rudi Bommer. „Das Ziel ist, unser Spiel auch gegen Hertha durchzubringen. Hertha hat einen Etat, der dreimal so groß ist wie unser. Und dreimal so viele Zuschauer. Aber die Berliner sind nicht dreimal besser als wir.“

Die Cottbusser haben für diese Saison einen Mini-Haushalt von 13 Millionen Euro angegeben, Hertha ist mit einem 45-Millionen-Budget unterwegs. Seine Qualitäten spielt der FC Energie in der Regel vor den eigenen Fans aus, Cottbus ist zweitstärkste Heimmannschaft der Liga. Allerdings tritt dort heute die auswärtsstärkste Gastmannschaft des Unterhauses an.