Es sind die Zahlen, die Jos Luhukay derzeit umtreiben. Eigentlich könnte sie Herthas Cheftrainer heranziehen, um zu belegen, wie sehr alles nach Plan läuft beim Berliner Zweitligaklub. Immerhin zehn Partien ist seine Mannschaft nach einer anfänglichen Schwächephase nunmehr ungeschlagen. Seit der überraschenden Niederlage beim FSV Frankfurt am zweiten Spieltag der aktuellen Saison hat sich der Bundesliga-Absteiger im Ligabetrieb keine Blöße mehr gegeben. Die zuvor wackelige Abwehr konnte sich enorm stabilisieren – nach fünf Gegentoren in den ersten beiden Begegnungen sind nur noch sechs weitere in den darauffolgenden zehn Spielen hinzugekommen. Nur Spitzenreiter Eintracht Braunschweig musste in der gleichen Zeit weniger Treffer hinnehmen. Vom Abstiegsplatz 16 ist Luhukays Team bis auf Tabellenrang drei vorgerückt, der zur Relegation um den Aufstieg berechtigt. Also eigentlich alles in bester Ordnung, sollte man meinen.

Aufwand und Ertrag stimmen bei Hertha nicht

Doch für Jos Luhukay ist derzeit gar nichts in bester Ordnung. Der Niederländer schimpfte unter der Woche beim Training lautstark über die mangelnde Konzentration seiner Profis, wie er es zuvor nur in besagter Schwächephase zu Saisonbeginn getan hatte. Immer wieder unterbrach er Übungen, forderte von seinen Spielern mehr Qualität und ließ sie zur Strafe Liegestütze machen. Ungewöhnlich deutlich kritisierte der 49-Jährige seine Mannschaft, die endlich auch „fußballerisch zulegen“, und „die Qualität im eigenen Spiel verbessern“ müsse.

Luhukays Unmut lässt sich erklären: Denn Zahlen sind es eben auch, die ihm im Moment Kopfzerbrechen bereiten. 35 und eins zum Beispiel. 35 Mal hat Hertha BSC in den vergangenen beiden Begegnungen gegen Braunschweig und Ingolstadt aufs Tor geschossen. Nur ein einziger Treffer kam dabei heraus. Deshalb spielten die Berliner zweimal nur unentschieden. 35:1 ist das Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag, an dem sich die Unzufriedenheit des Trainers trotz der ansonsten positiven Entwicklung seiner Mannschaft manifestiert. „Wir müssen nach vorne zwingender und zielstrebiger werden“, fordert Luhukay daher vor dem wichtigen Auswärtsspiel beim SV Sandhausen am Freitagabend (18 Uhr/Sky). Er appelliert an die Seinen, beim Aufsteiger und Tabellenvorletzten effektiver zu agieren. Nach zwei Remis in Folge und dem Verlust von Platz zwei an Kaiserslautern zähle nichts als ein Sieg in Sandhausen.

Herbst-Durststrecke unter Ex-Coach Babbel

Doch die seltsame Aufregung, die bei Hertha BSC vor der Partie in der badischen Provinz herrscht, hat noch eine tiefere Ursache. Sie geht zurück auf den Herbst 2010, als der aufstrebende Trainer Markus Babbel mit dem Hauptstadtklub auf dem besten Wege war, die Mission „direkter Wiederaufstieg“ zu erfüllen. Auch damals hatten die Berliner zehn Partien nicht verloren und stellten mit 26 Punkten sogar den Startrekord des 1. FC Nürnberg aus der Saison 2000/2001 ein. Alles lief wunderbar, doch dann kam der November und mit ihm eine unerwartete Durststrecke, die Markus Babbel beinahe den Job gekostet hätte.

Nachdem Hertha damals völlig überraschend gegen Paderborn verlor und sich beim darauffolgenden Heimsieg gegen Bochum wieder gefangen zu haben schien, reisten die Berliner am 13. Spieltag zum Aufsteiger Osnabrück. Dort verlor Babbels Team mit 0:2 und eine Woche später sollte die dritte Pleite im November folgen. Die schwarze Serie von vier Niederlagen aus fünf Partien reichte sogar herüber bis in den Dezember. Und so rutschte Hertha von Tabellenplatz eins ab bis auf Rang fünf. Das Ziel Wiederaufstieg war plötzlich in Gefahr und die Aufregung im Klub dementsprechend groß.

Im Herbst 2012 geht bei Hertha die Angst vor einer erneuten Depression um. Denn wieder steht der 13. Spieltag an, wieder geht es zu einem Aufsteiger.

Niemeyer ist der Hertha- Hoffnungsträger

Obwohl die Zahlen ein positives Gesamtbild entwerfen, hat Luhukay zuletzt die nötige Zielstrebigkeit bei seinem Team vermisst und einen leichten Schlendrian ausgemacht. Um aber nicht in einen ähnlichen Negativtrend wie 2010 zu geraten, müsse genau diese verfrühte Zufriedenheit vermieden werden, hatte Luhukay kürzlich im Morgenpost-Interview gesagt. Dennoch ließ Hertha gegen Braunschweig und Ingolstadt trotz eines deutlichen Chancenüberschusses vier Punkte liegen und hat vorerst den Anschluss zur Tabellenspitze verloren. Bei einer Niederlage in Sandhausen könnte der Abstand sogar auf zehn Punkte anwachsen.

Deshalb ist Luhukay unzufrieden und setzt sein Team unter Druck: „Wir wollen und müssen in Sandhausen gewinnen.“ Sein Schlüsselspieler Peter Niemeyer, der nach der abgesessenen Gelb-Sperre wieder in die Mannschaft zurückkehrt, sieht darin eine zusätzliche Motivation: „Ich denke, dass uns der Druck gut tut“, sagte der Kapitän. Besonders von Niemeyer erhofft sich Luhukay die fehlende Leidenschaft: „Er motiviert, korrigiert und zieht seine Mitspieler mit“, so der Coach.

Vor der Partie in Sandhausen treibt Luhukay übrigens noch ein weiteres Zahlenspiel um: Die drei Punkte benötige sein Team auch, um den bisherigen Schnitt von knapp zwei Zählern pro Partie halten zu können. Den nämlich, so Luhukay, „braucht man, um aufzusteigen.“