Thomas Kraft ist kein Mann für diplomatische Worte. Nein, Herthas Stammtorwart pflegt die Dinge lieber gerade heraus zu sagen, wie sie sind. Und deshalb kommt es für den 24-Jährigen auch nicht in Frage, vor dem Spitzenspiel der Zweiten Liga zwischen dem Tabellenführer Eintracht Braunschweig und seinem Arbeitgeber Hertha BSC am Sonnabend (13 Uhr/Sky), den eigenen Machtanspruch hinter blumigen Respektsbekundigungen für den Gegner zu verschleiern. Bei Kraft klingt es vielmehr so: „Wir fahren nach Braunschweig und wollen gewinnen. Aber ehrlich gesagt, müssen wir das auch.“ Schließlich sei man ein absolutes Spitzenteam in Liga zwei und als solches müsse man eben gegen Braunschweig siegen. Punkt.

Weil Krafts direkter Vorgesetzter, Herthas Trainer Jos Luhukay, eine weniger impulsive Natur hat, lobte der Niederländer am Donnerstag zu allererst einmal die Leistungen des Gegners aus Niedersachsen in der aktuellen Spielzeit. Völlig überraschend führt Eintracht Braunschweig nach zehn Spieltagen mit fünf Punkten Vorsprung vor den zweitplatzierten Berlinern die Zweite Liga an.

Das Team von Trainer Torsten Lieberknecht, das erst vor einem Jahr aufgestiegen war, hat noch kein einziges Spiel verloren und verfügt mit nur drei Gegentoren über die derzeit beste Abwehr der Liga. „Ich habe größten Respekt davor, wie Braunschweig seine Punkte erspielt hat“, sagte Luhukay. Das Defensivverhalten der Mannschaft sei überaus bemerkenswert, ebenso wie die Effizienz vor dem Tor, wo die Niedersachsen aus wenigen Chancen verhältnismäßig viele Treffer erzielen, so der 49-Jährige. Er freue sich sehr auf die Partie, die sicherlich ein „echtes Topspiel“ werde.

Ben-Hatira fällt verletzt aus

Die Anerkennung für die Leistung des Gegners gehört zum guten Ton in der Branche, und Luhukay ist ein höflicher Mann. Doch am Donnerstag war zu beobachten, wie sehr die zuletzt so erfolgreiche Serie der Herthaner mit 20 Punkten aus acht Spielen nach anfänglicher Schwächephase auch das Selbstbewusstsein des Trainers gestärkt hat.

Angesprochen auf das Kräfteverhältnis zwischen beiden Teams sagte er kämpferisch: „Das Spiel wird zeigen, wer die bessere Mannschaft ist.“ Braunschweigs Manager und Ex-Herthaner Marc Arnold hatte zuvor erklärt, dass eben jenes Duell am Sonnabend eine Partie auf Augenhöhe sein werde.

Dass man sich bei Hertha aber trotz der fünf Punkte Rückstand eigentlich als eine Nummer größer als der Überraschungstabellenführer wahrnimmt, macht nicht nur Krafts Kampfansage Richtung Braunschweig deutlich, auch Luhukay ließ daran keinen Zweifel: „Wir werden uns nicht dem Gegner anpassen und uns dort nicht verstecken“, versprach der Übungsleiter. Die Berliner wollen unbedingt gewinnen „und das müssen wir auch ausstrahlen“. Zwar hätten beide Vereine jeweils eine bisher gute Hinrunde gespielt, aber „vielleicht haben wir die bessere Qualität“. Er jedenfalls gehe mit sehr viel Vertrauen in das Spitzenspiel.

Wie viel Vertrauen Jos Luhukay mittlerweile tatsächlich in seine Mannschaft hat, lässt sich an einer Personalentscheidung illustrieren. Gegen Eintracht Braunschweig wird Mittelfeldspieler Änis Ben-Hatira wegen einer Sprunggelenksverletzung ausfallen. Der tunesische Nationalspieler, der zuletzt mit starken Leistungen maßgeblich am Aufwind der Berliner beteiligt war, brach am Mittwoch das Training ab und wird bis Anfang kommender Woche ausfallen.

Anstatt nun aber den Kolumbianer Adrian Ramos aus der Sturmspitze auf Ben-Hatiras Position im linken, offensiven Mittelfeld zu beordern, wie es beim 2:0-Erfolg gegen den VfR Aalen bereits funktioniert hatte, setzt Luhukay im bereits ausverkauften „Eintracht-Stadion“ auf den erst 19 Jahre alten Nico Schulz. Der gebürtige Berliner hatte zuletzt mehrfach als Einwechselspieler überzeugt und auch nach Ben-Hatiras verletzungsbedingten Auswechslung gegen den VfL Bochum vor einer Woche eine Halbzeit lang einen guten Eindruck hinterlassen. „Für Nico ist das eine neue Chance, die er sich erarbeitet hat. Immer wenn er reinkam, hat er nahtlos an die Leistung der Mannschaft anknüpfen können“, begründete Luhukay seine Entscheidung.

Wichtigstes Spiel der Saison

Die Variante mit Ramos auf der linken Seite wäre die konservativere gewesen. Denn sie hätte den Vorteil gehabt, dass einer der beiden namhaften Stürmer Sandro Wagner und Sami Allagui gegen die abwehrstarken Braunschweiger von Beginn an hätte mitwirken können. Doch wie schon mehrfach zuvor beweist Luhukay auch beim bisher wichtigsten Spiel der Saison Mut und setzt auf einen formstarken Youngster.

Darüber hinaus ist die Entscheidung für Schulz auch eine für Ramos als zentrale Sturmspitze. „Adrian macht seine Sache dort hervorragend“, sagte der Coach. Der schnelle und kopfballstarke Angreifer sei derzeit sehr nahe an seiner Topform und daher besser direkt vor dem Tor aufgehoben, befand Luhukay.

Mitarbeit ub