Lob für Hertha-Coach

Hertha-Trainer Luhukay drückt dem Team seinen Stempel auf

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Uwe Bremer

Auf den Spuren von Favre: Wie einst der Ex-Trainer aus der Schweiz lebt Luhukay den Berlinern die totale Identifikation mit dem Job vor.

Es geht auf der Autobahn A 40 schnurstracks nach Westen. Gerade 48 Minuten Fahrzeit weist das Navigationsgerät aus für die Strecke vom Stadion in Bochum bis zum Eigenheim der Familie Luhukay in Venlo. Bei der Ansetzung am Freitagabend hätte im Anschluss nichts näher gelegen als ein Besuch in der niederländischen Heimat. Zumal nach dem 2:0 in Bochum das nächste wichtige Training bei Hertha erst für Montagnachmittag angesetzt ist. Was macht Jos Luhukay (49)?

Der Trainer von Hertha BSC spendiert seinem Assistenten ein freies Wochenende. Markus Gellhaus, Vater eines kleinen Kindes, darf auf der Rückfahrt im ICE von Bochum nach Berlin in Bielefeld aus dem Zug steigen. Luhukay lädt Ehefrau Ingrid für das Wochenende nach Berlin ein. Am Sonnabend leitet der Chef das Auslaufen. Und sitzt am Sonntag mit seiner Gemahlin im Amateurstadion, wo Herthas U23 in der Regionalliga gegen den Torgelower SV Greif mit 4:1 (3:1) gewinnt.

Nun gehören Debatten über Heimflüge nach Kalifornien oder München seit Jürgen Klinsmann und Markus Babbel zur Fußball-Folklore. Über Luhukay, die Familie lebt seit Jahrzehnten in seinem Geburtsort Venlo, hat es diese Diskussion nie gegeben. Luhukay lebt mit seinem Trainer-Team vor, was er von den Spielern fordert: „Totale Identifikation mit dem Job.“

Nun garantiert Fleiß allein keinen Erfolg. Aber auf erstaunliche Weise ist nach zehn Runden in Liga zwei exakt das eingetreten, was der Coach vorhergesagt hat. Etwa, dass der Start für die neu zusammengestellte Mannschaft in der neuen Liga holprig werden werde. Dass die neue Hertha bis Mitte der Hinserie benötigen werde, um sich finden. Dass es dann aber schwer werde, sein Team zu bezwingen. Nach dem 2:0 in Bochum sagte Luhukay: „Wir hatten am zweiten Spieltag die bisher einzige Niederlage, sind seit acht Partien ungeschlagen, davon haben wir sechs gewonnen. Die Mannschaft ist als Kollektiv auf einem sehr guten Weg.“ Hertha reist selbstbewusst als Zweiter zum Topspiel zu Spitzenreiter Braunschweig. Wie sich doch die Zeiten ändern: Im Mai, bei der Luhukay-Vorstellung hatten die Skeptiker die Nase gerümpft: ein unglamouröser Arbeiter für die Hauptstadt, wie soll das gut gehen? Mittlerweile ernennt die „BZ“ den Trainer bereits zum „Luhukaiser“.

Beobachter beschreiben Luhukay als „total geerdet“ und „authentisch“. Erstmals seit der Zeit unter Lucien Favre verfügt Hertha über einen Trainer, dessen Handschrift klar erkennbar ist. In Bochum zeigten die Blau-Weißen mehrfach, was unter der Woche im Training geübt worden war: Wie man sich mit direktem Spiel aus der Defensive vom Druck des Gegners befreien kann. Dazu wurde eine anfängliche Schwäche weitgehend behoben. In Bochum gab es zum vierten Mal in den letzten sechs Partien ein ‚zu Null". Zuvor hatte der Klub in den ersten fünf Pflichtspielen neun Gegentreffer kassiert (das 1:2 im Pokal in Worms mitgerechnet).

Die Rückkehr von Thomas Kraft ins Tor ist ein Grund. Vor allem haben die Spieler das Credo des Trainers verinnerlicht: Jeder muss sich daran beteiligen, gegen den Ball zu arbeiten. Das lässt Luhukay wieder und wieder trainieren. Und trifft entsprechende Personalentscheidungen: Deshalb hat im Sturm Sandro Wagner Sami Allagui abgelöst. Deshalb spielt rechts im Mittelfeld Marcel Ndjeng (und nicht Ben Sahar). Mit John Brooks (19), Nico Schulz (19) und Fabian Holland (22) sind regelmäßig Talente im Einsatz. Die Botschaft an die Mannschaft: Es zählt die Leistung, nicht der Name.

Nun braucht jede Beziehung zwischen Trainer und Mannschaft Erfolgsmomente. So war Ende August das 2:1 gegen Regensburg ‚nur" ein Pflichtsieg. Das 2:1 im Derby bei Union hingegen war ein Schlüssel für das Vertrauen zwischen Team und Vorgesetztem. Das war die Partie, in der der Bundesliga-Absteiger die Härte der Zweiten Liga angenommen hat. Mit der kämpferischen Einstellung plus der Offensiv-Qualitäten ist Hertha sehr gut unterwegs.

Das ist die vielleicht schwierigste Aufgabe für Luhukay: die Zufriedenheit im Kader aufrecht zu erhalten. Derzeit sitzen mit Wagner und Allagui hoch veranlagte und sehr ehrgeizige Stürmer auf der Bank. Im Winter kehrt mit Pierre-Michel Lasogga ein Spieler des gleichen Schlages zurück. Luhukay kommuniziert intern viel. Und bringt es mit seiner Mischung aus ‚Fördern und Fordern" zu erstaunlichen Resultaten: So beweglich, so laufstark wie unter Luhukay war Ronny noch nie, seitdem der Brasilianer in Deutschland spielt.

Nun wissen alle, dass bisher nichts gewonnen ist, zwei Drittel der Saison stehen noch aus. Manager Michael Preetz, der sich bestätigt fühlen darf für die Verpflichtung von Luhukay im Sommer, sagt über den Trainer: „Wir sind sehr zufrieden.“ Und kündigt der Konkurrenz an: „Wenn Trainer und Mannschaft länger miteinander arbeiten, werden wir noch besser.“