Nur 34 Minuten, dann war Schluss für Kevin Pezzoni. Sein Klub, der 1. FC Köln, lag 0:1 in Aue zurück und der Verteidiger wurde stark gelb-rot-gefährdet vorzeitig ausgewechselt. Es sollte das Ende seiner Karriere beim FC sein. Doch das wusste der 23-Jährige zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Wenn Kevin Pezzoni am Dienstagmorgen um 10 Uhr den Rasen des Schenckendorffplatzes im Berliner Olympiapark zum ersten Training mit der Mannschaft von Hertha BSC betritt, dann liegt diese 34. Minute genau 43 Tage zurück. 43 Tage zwischen Ende und Neuanfang, in denen der Fußballspieler Pezzoni fast vollständig hinter dem Mobbingopfer Pezzoni verschwunden war und sich nunmehr wieder selber freilegen will. Der derzeit vereinslose Profi bewirbt sich in den kommenden zehn Tagen um einen Vertrag bei dem Tabellenzweiten der Zweiten Liga.
Der gebürtige Frankfurter wird in der Länderspielpause bis zum Auswärtsspiel der Berliner in Bochum am 19. Oktober versuchen, Herthas Trainer Jos Luhukay davon zu überzeugen, ihn als Alternative für die durch zahlreiche Verletzungen (Maik Franz, Felix Bastians, Christoph Janker und Roman Hubnik) arg gebeutelte Innenverteidigung in den Hertha-Kader aufzunehmen. Ein „Kennenlernen“ sei das, hieß es von Seiten des Klubs und eine „Option“, die man prüfe. Für Pezzoni aber ist das Unterfangen bei den Berlinern eine zweite Chance – vielleicht sogar seine letzte, um in der aktuellen Saison noch Profifußball zu spielen.
Testlauf für zehn Tage
Dass er diese zweite Chance nun überhaupt benötigt, hat Pezzoni in erster Linie ein paar geistlosen Kölner Anhängern zu verdanken. Nachdem der FC in der Rückrunde vergangenen Bundesligasaison immer tiefer im Abstiegssumpf versank, hatten sie den Defensivallrounder, den Christoph Daum im Januar 2008 als 18-Jährigen vom englischen Klub Blackburn Rovers verpflichtete, als einen der Hauptschuldigen ausgemacht. Pezzoni sagte später, dass die Schmähungen gegen ihn schon zwei Jahre zuvor begonnen hatten, doch in der Rückrunde der vergangenen Spielzeit nahmen sie brutale Züge an. Auf einer Karnevalsfeier brach ihm ein FC-Fan mit einem Schlag ins Gesicht das Nasenbein.
Köln stieg ab und die Stimmung gegen Pezzoni verschärfte sich. Einen Tag nach seinem 34-Minuten-Einsatz Ende August in Aue, wo er von den eigenen Anhängern als „Missgeburt“ verhöhnt und angespuckt wurde, bedrohten ihn fünf mit Baseballschlägern bewaffneten Männer vor seiner Wohnung. An seinem Auto fand er einen Zettel: „Du Wichser, pass auf, wenn es dunkel wird!“ Drei Tage später erklärte der Klub, dass man sich im Einvernehmen mit dem Spieler auf eine Vertragsauflösung geeinigt habe. 300.000 Euro Entschädigung. Pezzoni sagte später, der FC hätte ihn im Stich gelassen.
Regeländerung macht es möglich
Doch all das will Kevin Pezzoni nun hinter sich lassen. In Berlin hofft der 1,93 Meter große Defensivspieler auf einen Neustart. Er freue sich darauf, „auf einen sehr hohem Niveau, unbelastet trainieren zu können“. Hertha sei „ein Topklub und eine sehr gute Perspektive“. Dabei hatte der ehemalige deutsche U21-Nationalspieler nach den dramatischen Erfahrungen in Köln zunächst ins Ausland wechseln wollen. „Ich bin als erste Reaktion aus Deutschland geflüchtet“, verriet Pezzoni der „Bild“. Das Ziel war zunächst England, wohin er bereits als Jugendspieler von seinem Ausbildungsverein Eintracht Frankfurt 2003 gewechselt war und wo er gute Erfahrungen gemacht hatte. Die beiden Zweitligaklubs Ipswich Town und Bristol City machten ihm Angebote, Pezzoni aber wollte, „als mein ganzer Ärger vorbei war“, doch lieber in Deutschland bleiben. Mental habe er die Mobbing-Attacken in Köln mit der Hilfe seiner Freundin Justin und der Familie gut verarbeitet. Und auch körperlich sei er „im Saft“. Er hielt sich bei den Amateuren von Eintracht Frankfurt fit und wartete auf seine Gelegenheit.
Dass Hertha ihn nun, da es durch die Verletzungsmisere eine Vakanz in der Innenverteidigung gibt, überhaupt verpflichten kann, hat Pezzoni einer Änderung der Lizenzspielerordnung zu verdanken. Zuvor musste ein Spieler spätestens seit dem 1. Juli vertraglos sein. Nun wurde das endgültige Datum auf den 31. August nach hinten verschoben – dem Tag der Vertragsauflösung Pezzonis in Köln. Sollte Hertha ihn verpflichten, muss sein Vertrag allerdings mindestens bis zum Abschluss der aktuellen Spielzeit laufen.
Doch bei aller Sympathie für den Neuanfang eines gebeutelten Profis muss die Frage erlaubt sein, ob Pezzoni Hertha BSC überhaupt weiterhelfen kann. Trotz seines jungen Alters kommt Pezzoni mit der Empfehlung aus 80 Bundesligaspielen nach Berlin. Das ist beachtlich. Doch darin liegt auch gleichermaßen das Problem: Denn nach anfänglichen Auftritten auf der Linksverteidigerposition hat er den Großteil seiner Einsätze im defensiven Mittelfeld absolviert und rückte nur aushilfsweise in die Innenverteidigung, wo er bisweilen Probleme bekam. Das aber ist die Position, für die er in der Hauptstadt zunächst vorgesehen wäre.
Er gilt als professionelle Arbeiter, der mit viel Herz und Einsatz agiert, aber auch etwas hölzern daherkommt und Probleme im Spielaufbau hat. Daher wird sich Herthas Trainer Jos Luhukay in den kommenden zehn Tagen genau ansehen, ob Pezzoni den nunmehr etwas dünnen Kader tatsächlich verstärken würde, und ob man mit einer Verpflichtung nicht dem zuletzt gegen 1860 München so überzeugenden John Anthony Brooks (19) eine Entwicklungsmöglichkeit nimmt. Eine zweite Chance aber hat Kevin Pezzoni in jedem Fall verdient.



