Alkoholdramen treten nicht nur in dunklen Kneipen, Bars oder hinter verschlossenen Haustüren auf. Kürzlich offenbarte die Schauspielerin Jenny Elvers-Elbertzhagen ihre Trinksucht unfreiwillig in einer Fernsehsendung. Michel Mazingu-Dinzey, früher Bundesliga-Profi bei Hertha BSC, schaute aufmerksam zu. Vor vier Jahren outete er sich als Alkoholiker, seither kämpft er gegen dieses gesellschaftliche Problem an und engagiert sich für Kinder und Jugendliche. Mit Morgenpost Online-Redakteur Matthias Linnenbrügger sprach der 39-Jährige offen über Tabus.
Morgenpost Online: Herr Mazingu-Dinzey, was haben Sie empfunden, als Sie Jenny Elvers-Elbertzhagen in diesem Zustand im Fernsehstudio sahen?
Michel Mazingu-Dinzey: Mein erster Gedanke: typisch! Sie ist seit Jahren in der Partyszene unterwegs. Es ist wieder ein warnendes Beispiel. Im Verlauf der Zeit verstrickt man sich. Wenn man ständig auf Piste ist, trinkt man kein Wasser, sondern Champagner. Nun hat jeder das Ergebnis gesehen: Sie war in dieser Sendung, hatte sich nicht mehr unter Kontrolle, lallte sich durch das Gespräch – und nun ist es raus.
Morgenpost Online: Zunächst suchte Sie nach Ausreden, sprach von einer Fischvergiftung.
Michel Mazingu-Dinzey: Im Suff sagt man viele Sachen, die einem selbst schlüssig vorkommen, aber nach außen total wirr klingen. Einerseits ist es schlimm, dass es erst so weit kommen musste. Andererseits kommt es jetzt darauf an, was sie daraus macht. Vielleicht schafft sie es durch dieses öffentlich gewordene Negativerlebnis, vom Alkohol wegzukommen. Ich weiß mittlerweile, dass ich auch mit der Wasserflasche in der Hand Spaß haben kann. Diese Erkenntnis wünsche ich auch ihr. Aber vorher muss sie sich Hilfe suchen.
Morgenpost Online: Sie sind seit vielen Jahren trocken. Mit welchem Gefühl blicken Sie auf diese Lebensphase zurück?
Michel Mazingu-Dinzey: Das war nicht einfach, das war eine brutal harte Zeit. Ich habe sechs Jahre unter regelmäßigem Alkoholeinfluss trainiert. Dass es eine Sucht ist, wollte ich mir lange Zeit nicht eingestehen. Das war für mich ein ganz normaler Ablauf: Training oder Spiel, dann geht man mit Kollegen etwas trinken, das wurde dann immer mehr. Irgendwann hat man die Nächte eben einfach durchgemacht. Darunter hatte mein Körper sehr zu leiden, das wusste ich. Darüber habe ich mir in dieser Phase aber gar keinen Kopf gemacht. Vor allem in schwierigen Momenten im Verlauf meiner Karriere, als ich wenig spielte, habe ich Halt im Alkohol gesucht. Der war mein bester Freund.
Morgenpost Online: Wie ist es möglich, körperliche Höchstleistungen zu bringen, wenn man sich selbst dermaßen schwächt?
Michel Mazingu-Dinzey: Ich habe kein Bundesligaspiel alkoholisiert bestritten. Da wusste ich, dass das Risiko zu groß ist, dass ich auffliegen könnte. Ich erinnere mich an ein Training bei Hertha BSC, da war ich so betrunken, dass ich den Ball nicht mehr gesehen habe. Ich stand völlig neben mir. Es war für jeden offensichtlich, dass mit mir etwas nicht stimmt. Am Rand standen zwei Schulklassen, das war mir im Nachhinein ganz besonders peinlich.
Morgenpost Online: Wurden Sie nicht von Kollegen darauf an gesprochen?
Michel Mazingu-Dinzey: Wir sind immer mit ein paar Jungs losgezogen, haben uns in Kneipen getroffen, um zusammen Champions League im Fernsehen zu gucken. Der eine trinkt zwei oder drei Gläser Bier, der andere eben fünf oder sechs Gläser. Darauf achtet man ja nicht so genau.
Morgenpost Online: Warum haben Sie Ihre Krankheit nach dem Ende der Karriere öffentlich gemacht?
Michel Mazingu-Dinzey: Ich wollte darauf aufmerksam zu machen, dass Alkohol im Sport ein großes Problem ist, das jeden treffen kann. Es wird ja sogar verherrlicht, wenn ich sehe, dass nach Meisterschaften Spieler mit riesigen Biergläsern über den Rasen laufen. Es gibt auch in der Bundesliga einige Spieler, die saufen und rauchen, die in einer Situation stecken wie ich damals.
Morgenpost Online: Sind Sie enttäuscht, dass kaum ein anderer Betroffener Ihrem Beispiel gefolgt ist?
Michel Mazingu-Dinzey: Ich wollte mit mir ins Reine kommen. Mir war klar, dass ich für immer eine Kerbe im Holz haben würde, aber das war und ist mir egal. Ich erhielt fast ausschließlich positives Feedback und denke, für jeden ist ein Sprungbrett gegeben. Wenn jemand Hilfe braucht, der kann mich immer erreichen. Für mich war es eine Befreiung.
Morgenpost Online: Auch in der Fanszene gehört Alkohol zum Fußball.
Michel Mazingu-Dinzey: Es herrscht oft eine gewisse Gruppendynamik. Wenn Du kein Bier oder Hochprozentiges in der Hand hast, giltst Du als uncool. Da würde ich mir von den Vereinen mehr Hilfestellung wünschen. Es sollte von ihnen präventiv gearbeitet werden.
Morgenpost Online: Zuletzt wurde diskutiert, ob sich homosexuelle Fußballprofis outen sollten. Kanzlerin Merkel stellte fest, dass es keinen Grund gäbe, sich zu fürchten. Hat sie Recht?
Michel Mazingu-Dinzey: Ich bin anderer Meinung und würde es zumindest keinem raten. Denn der, der sich outet, ist das ärmste Schwein. Gerade, wenn er noch ein paar Profi-Jahre vor sich hat, wäre das für ihn ein Spießrutenlauf.
Morgenpost Online: Warum?
Michel Mazingu-Dinzey: Im eigenen Verein würde es vielleicht nicht so ein großes Problem geben. Aber Teile der gegnerischen Fans sind immer bereit, jede vermeintliche Schwäche auszuschlachten. Da würde dann jede Geste, jede Bewegung genau unter die Lupe genommen. Der nächste Schritt ist das Privatleben. Wenn du in der Öffentlichkeit stehst, wird immer mit dem Finger auf dich gezeigt. Da müsste man schon sehr stark sein, um das auszuhalten. Alles würde letztlich damit in Verbindung gesetzt. Wenn man nichts mehr vor hat im Fußball, dann kann man es machen.



