Wenn bei Hertha nichts mehr geht, gib' den Ball Ronny. Das scheint die neue Marschroute beim Bundesliga-Absteiger zu sein. 0:1 lagen die Berliner in einer hammerhart geführten Partie beim 1. FC Kaiserslautern zurück, als Ronny den Ball erhielt. In linker Position stehend zog der Brasilianer aus 24 Metern ab – unten rechts schlug es im Tor ein, es war der 1:1-Endstand im Topspiel der Zweiten Liga. Und nach sechs Runden führt Mittelfeldspieler Ronny überraschend die Berliner Torjägerliste mit nun vier Treffern an.
Es war eine intensiv geführte Begegnung der beiden Aufstiegsaspiranten vor 31.000 Zuschauern in hitziger Atmosphäre. Ein schwieriger Job für Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer, der viele Sachen richtig sah, aber in der Schlüsselszene daneben lag. Lauterns Mohammadou Idrissou lief in den Hertha-Strafraum und warf sich hin, der Pfiff ertönte, Elfmeter. „Das war nie ein Elfmeter“, war Trainer Jos Luhukay genervt. „Das ist eine Frechheit“, schimpfte Peer Kluge. Idrissou war das alles egal. Der FCK-Stürmer verwandelte, Torwart Thomas Kraft war ohne Chance, 0:1 (66.). Eine Führung, die ohne Schiedsrichter nicht zustande gekommen wäre.
Nach dem Spiel waren beide Trainer dabei, sich gegenseitig vorzurechnen, wo der Schiedsrichter das eigene Team benachteiligt hätte. „Idrissou hätte bereits vor seinem Tor mit Gelb-Rot vom Platz gemusst“, monierte Luhukay.
Luhukay ändert das System
Sein FCK-Kollege Franco Foda fand, „dass Peter Niemeyer in der ersten Hälfte vom Platz hätte gestellt werden müssen. Der Schiedsrichter hat auf beiden Seiten nicht immer ideal gepfiffen.“
Der Reihe nach: Auch am sechsten Spieltag war Trainer Luhukay für eine überraschende Aufstellung gut. Trotz zuvor drei Siegen in Folge änderte der Coach das System von 4-4-2 auf ein 4-2-3-1. Die Offensiven Wagner und Allagui mussten dafür auf die Bank, Kluge und Ben-Hatira kehrten in die Startelf zurück.
Hertha begann auf dem Betzenberg selbstbewusst. Ronny hämmerte zwei Distanzschüsse auf das Lauterer Tor, beim ersten bekam Torwart Tobias Sippel die Fäuste noch an den Ball (12.), sechs Minute später lenkte der FCK-Schlussmann das Spielgerät über die Latte.
Von Beginn ging es hart zur Sache. Florian Dick sah nach einem üblen Foul gegen Herthas Fabian Holland die erste von am Ende sieben Gelben Karten (5. Minute). Das Tempo war ordentlich, die Intensität enorm, aber die vielen Zweikämpfe sorgten dafür, dass nur wenig Zusammenhängendes zu sehen war. Den besten Spielzug legten die Gäste hin. Fabian Holland flankte in den Lauterer Strafraum, Adrian Ramos legte direkt vor, freistehend zog Änis Ben-Hatira ab, der Ball blieb aber zwischen den Beinen von Torwart Sippel stecken (23.). Die Hausherren vermochten sich kaum einmal gegen die kompakte Hertha-Defensive durchzusetzen. Lediglich Dick prüfte Torwart Thomas Kraft mit zwei Distanzschüssen (24./29.).
Dann begann die Zeit, in der die Entscheidungen des Unparteiischen die Partie begannen zu beeinflussen. Zunächst versuchte Kinhöfer das auf der Rasierklinge geführte Duell zwischen Maik Franz und Idrissou ohne Platzverweis hinzu bekommen (siehe Text rechts). Das gelang. Auswirkungen hatte aber seine Karten-Politik. Idrissou bekam nach dem vierten Foul Gelb (34.), Herthas Mittelfeldspieler Peter Niemeyer nach dem ersten (32.). Als wenig später ein Allerweltsfoul von Niemeyer gepfiffen, aber nicht mit der zweiten Gelben bedacht wurde, tobten der Betzenberg und die Lauterer Bank. Nun wurde es auch zwischen den Offiziellen aufgeregt. Auf dem Weg in die Pause lieferten sich Hertha-Trainer Luhukay und Lauterns Torwart-Trainer Gerald Ehrmann ein Wortgefecht im Spielertunnel. „Ich habe ihn nur gefragt, was er bei unseren Ersatzspielern will“, sagte Luhukay. Ehrmann spielte die Angelegenheit herunter: „Ach, das war nur eine kleine Diskussion.“
Zur Pause musste der Hertha-Trainer reagieren. Mittelfeld-Stratege Niemeyer, am Rande eines Platzverweises wandelnd, blieb in der Kabine, dafür kam Felix Bastians. „Das ist ärgerlich“, sagte Niemeyer, „die hatten leichte Fallsucht.“
Auch Durchgang zwei blieb hektisch. Foda nahm den ebenfalls Gelb-Rot gefährdeten Spielmacher Mimoun Azaouagh vom Platz. Warum Idrissou weitere Fouls begehen durfte, ohne seine zweite Karte zu erhalten, war das Geheimnis des Schiedsrichters. Das gepflegte Spiel war ganz in der Kabine geblieben. Die bis dahin größte Chance legte Bastians nach einem hanebüchenen Ballverlust unfreiwillig an der eigenen Mittellinie für Kaiserslautern auf. Idrissou steuerte allein auf das Hertha-Tor zu, schoss den Ball aber Thomas Kraft genau in die Arme (56.).
Mittwoch kommt Dresden
Es spricht für das mittlerweile erworbene Selbstbewusstsein, dass sich Hertha im Duell der Bundesliga-Absteiger auch von dem Elfmeter-Schock nicht aus der Bahn werfen ließ. Nur drei Minuten später sorgte Ronny für das 1:1 (69.). Nach 80 Minuten wirkten die Hausherren völlig platt. Die Berliner erarbeiteten sich durch Ndjeng eine letzte Chance, der Ball strich jedoch am linken Pfosten vorbei (90.).
„Unter dem Strich war das ein gerechtes Unentschieden“, sagte Lauterns Trainer Foda, „von der Intensität war das eine gute Partie, spielerisch können es aber beide Teams besser.“ Luhukay sagte nach dem zweiten Remis der Saison: „Wir haben ein sehr gutes Auswärtsspiel gemacht, weil wir über 90 Minuten das Spiel kontrolliert und kaum Torchancen zugelassen haben.“
Die nächste Station der Mission Wiederaufstieg steigt wegen der englischen Woche bereits an diesem Mittwoch. Hertha empfängt im Olympiastadion Dynamo Dresden (17.30 Uhr).





