Mit den Klischees ist das so eine Sache. Einer der Mythen, die den 1. FC Kaiserslautern umgeben, berichtet von einer sagenhaften Heimstärke der Roten Teufel. Von der Hexenkessel-Atmosphäre, die im höchsten Stadion der Zweiten Liga herrsche. Von einer aggressiven Stimmung, die den Gästen das Leben schwer macht. Von der Festung Betzenberg, wo die Zuschauer so nah am Geschehen sitzen, dass emotionalisierte Rentner ihre Regenschirme schon mal durch das Gitter stecken, um gegnerische Stürmer zu Fall zu bringen. Von einer Heimstärke, die einst entnervte Weltmeister wie den damaligen Bayern-Star Paul Breitner zu der Aussage veranlasste: Wir können uns die Reisen hierher sparen und die Punkte per Post schicken.

Der Realitäts-Check jedoch sieht anders aus. Heute tritt Hertha BSC zum Zweitliga-Spitzenspiel in der Pfalz an. Kleinlaut vermeldet die Internetseite des 1. FC Kaiserslautern, dass Mannschaft und Trainer am vergangenen Wochenende heilfroh gewesen seien. Gegen den Liga-Letzten Duisburg gab es ein glückliches 2:1 es war der erste Heimsieg seit knapp einem Jahr. Zum Publikum der Lauterer erzählte Sandro Wagner, dass es extrem anspruchsvoll sei gegenüber dem eigenen Team. Und dass die Mannschaft ihre guten Vorstellungen meist auswärts zeige. Wagner weiß, wovon er redet. Der Stürmer, seit Saisonbeginn in Diensten von Hertha BSC, war von Januar bis Juni von Werder Bremen eben an den 1. FC Kaiserslautern ausgeliehen.

Bange machen gilt nicht

Bange machen gilt also nicht für die Berliner. Die Fans dürfen sich auf eine attraktive Begegnung freuen. Im Fritz-Walter-Stadion werden mehr als 30.000 Zuschauer erwartet, Hertha bringt 1305 Anhänger mit. Bundesliga-Absteiger trifft Bundesliga-Absteiger. Dem Selbstverständnis beider Klubs, den Fans und den Ansprüchen nach stehen sich damit automatisch zwei Aufstiegsaspiranten gegenüber.

Die Gäste aus der Hauptstadt sehen die Partie des sechsten Spieltages als Reifeprüfung. Nach zuletzt drei Siegen in Folge reist Hertha selbstbewusst und mit einem Stück Leichtigkeit an, wie es Jos Luhukay formuliert. Der Trainer lobt den Gegner: Kaiserslautern hat die höchste Qualität aller Gegner, die wir bis jetzt hatten. Wir nehmen das als Motivation. Er sieht den FCK als eine sehr gut besetzte Mannschaft mit einer guten Mischung zwischen erfahrenen und jungen Profis. Ich schätze sie als eine der besten Mannschaften der Zweiten Liga ein. Die Fallhöhe ist erheblich. Nur der Sieger dieser Partie hält Anschluss an das führende Überraschungstrio mit Braunschweig, Cottbus und dem FSV Frankfurt.

Wagner oder Ramos im Sturm

Beide Klubs haben nach der frustrierenden Vorsaison grundsätzlich umgebaut. In Kaiserslautern steht mit Franco Foda ein neuer Mann an der Seitenlinie, ebenso wie Luhukay bei Hertha. Der FCK hat mit Mimon Azaouagh (kam aus Bochum), Alexander Baumjohann (Schalke), Albert Bunjaku (Nürnberg) und Mohamadou Idrissou (Frankfurt) eine hochkarätige Offensive beisammen.

Allerdings liegen im Vorwärtsgang auch die Stärken der Berliner. Durch die positive Formentwicklung bei Wagner und Adrian Ramos muss der Trainer nun entscheiden, welchen Torjäger er zunächst auf die Bank setzt. Da auch Änis Ben-Hatira in der Startelf erwartet wird, ist es wahrscheinlich, dass auf dem Betzenberg Herthas Königstransfer Sami Allagui zuschauen wird. Sami ist neu bei uns. Er hat noch nicht die Form, die wir uns erhofft haben und die auch er selbst sich erhofft hat, sagte Trainer Luhukay, aber wir haben Geduld mit ihm. Er wird uns noch viel Freude machen.

So wichtig die Stürmer sind, zunächst werden die Gäste Wert auf eine stabile Defensive legen. Bei Hertha stand zwar am fünften Spieltag gegen Aalen erstmals hinten die Null (2:0). Allerdings, weil der VfR über weite Strecken ohne Stürmer agiert hatte. Das wird Kaiserslautern anders handhaben. Deshalb steht zu erwarten, dass Luhukay heute sein Experiment mit nur einem Manndecker aussetzen wird. Roman Hubnik kehrt (anstelle von Lustenberger) im Abwehrzentrum an die Seite von Maik Franz zurück.

Das Duo muss professionell genug sein, Missgeschicke aus der Vorsaison abzuhaken. Hubnik war auf dem Betzenberg im vergangenen Dezember ein spektakuläres Eigentor unterlaufen (Endstand 1:1), Franz hatte sich einen Kreuzbandriss zugezogen.

Mitarbeit: Jörn Meyn