Der Rasensprenger auf der kleinen Grünfläche neben dem Schenkendorfplatz sprang an. Ziemlich genau dort, wo sich Adrian Ramos gerade platziert hatte, um nach dem Auslaufen am Montagmorgen mit Hilfe eines Übersetzers die Fragen der Journalisten artig zu beantworten.

Wie es sich denn so anfühle, nachdem Herthas bis dato Problemstürmer Nummer eins am Sonntag den spielentscheidenden Treffer zum 1:0 gegen den Zweitligaaufsteiger VfR Aalen (2:0) erzielt habe, wollte man wissen. Und es schien fast so, als sei der störrische Rasensprenger wirklich der einzige bei Hertha BSC, der es derzeit nicht auffällig gut meint mit dem Kolumbianer.

Fast schon überschwänglich hatten sich seine Mitspieler nach der zähen Partie gegen Aalen über den 22-maligen kolumbianischen Nationalspieler geäußert. „Ein Ausnahmespieler“ sei Ramos, sagte stellvertretend Kapitän Peter Niemeyer, und „ich bin froh, dass ich die letzten zwei Jahre mit ihm zusammenspielen durfte“.

Niemeyer war es auch, der nach Ramos" Kopfballtreffer (60. Minute) die Kollegen zum gemeinsamen Jubel mit dem 26-Jährigen animierte. Aus der Ostkurve waren deutlich „Adrian Ramos“-Sprechchöre zu vernehmen, und nach dem Spiel durfte sich der ansonsten schüchterne Offensivspieler dort auch noch einen Sonderapplaus abholen.

Ramos: „Das war eine Aussöhnung“

Noch vor wenigen Wochen war Adrian Ramos an gleicher Stelle ausgepfiffen worden. Er befand sich seit Monaten in einem Leistungstief, traf beim wichtigen Relegationsspiel gegen Fortuna Düsseldorf gar ins eigene Netz und zog zu allem Überfluss auch noch durch Wechselabsichten den Zorn der Hertha-Anhänger auf sich. Nach drei Jahren schien seine Zeit bei Hertha abgelaufen zu sein und die Fans ließen ihn das spüren.

Die Pfiffe gegen ihn hätten ihn getroffen, ließ Ramos nun also am Montag wissen – ohne übrigens den Rasensprenger eines Blickes zu würdigen. Dass ihn die Fans plötzlich wieder ausgelassen feierten, deutete der Kolumbianer als Schritt zu einem besseren Verhältnis: „Das war eine Aussöhnung und sehr wichtig für mich“, sagte Ramos, und man sah ihm an, wie viel Druck von seinem schmalen Schultern abgefallen war.

Nachdem sich Ramos" Wechsel (unter anderem soll Mainz 05 interessiert gewesen sein) bis zum Ende der Transferperiode Ende August zerschlagen hatte, bewies Herthas Trainer Jos Luhukay ein besonderes Händchen im Umgang mit sensiblen Profis. Er redete Ramos öffentlich stark und widmete sich ihm mit großer Zuneigung.

Ronny bislang gefährlichster Herthaner

In der Woche vor dem Aalen-Spiel zeigte der 49-Jährige ihm eine Zusammenstellung seiner besten Tore im Herthatrikot als Motivationshilfe, und Ramos dankte es seinem Coach mit seinem ersten Pflichtspieltreffer seit 176 Tagen. Es war erst das zweite Mal, dass Luhukay den Stürmer, der 2009 vom kolumbianischen Klub America de Cali nach Berlin kam, in dieser Zweitligasaison in die Startelf beordert.

Damit bewies der Niederländer ein ebenso hervorragendes Gespür wie bei einem zweiten Profi in den Hertha-Reihen, der lange Zeit als Problemfall galt: Ronny. Auch ihn stellte Luhukay gegen Aalen auf und konnte beobachten, wie der Brasilianer in der Nachspielzeit zum 2:0-Endstand traf und zuvor mit seiner Ballsicherheit die ein oder andere sehenswerte Aktion einleitete.

Bereits gegen Paderborn zum Saisonauftakt (2:2) hatte der 26-Jährige nach seiner Einwechslung mit einem Treffer und einer Vorlage das Spiel gedreht und – noch viel wichtiger – auch das Siegtor beim Derby gegen den 1. FC Union mit einem fulminanten Freistoß erzielt. In der aktuellen Spielzeit ist Ronny mit nun drei Toren und einem Assist der bislang gefährlichste Herthaner.

Luhukay trifft den richtigen Ton

Auch ihm hatte sich Luhukay zuletzt intensiver gewidmet. So nahm er sich den Brasilianer kürzlich beim Training zur Brust, um ihm deutlich zu machen, dass er mehr von ihm erwarte. „Es hilft mir immer, wenn der Trainer mit mir spricht“, sagte Ronny am Montag mit einem schelmischen Lächeln. „Und wenn er sagt: Du musst mehr abrufen! Dann muss ich eben mehr abrufen.“

Luhukay scheint also auch hier den richtigen Ton getroffen zu haben, denn erstmals seit seiner Verpflichtung zeigt der Brasilianer, der einst sechs Champions-League-Spiele für Sporting Lissabon bestritt, zunehmend sein Potenzial. Lange galt Ronny als schlampiges Genie, das gern Süßigkeiten nascht und bisweilen etwas pummelig daherkommt.

Doch seit dem Weggang seines älteren Bruders Raffael vor der Saison zu Dynamo Kiew ist Ronny auf dem besten Weg, aus dessen Schatten zu treten. Zwar tauchte er auch gegen Aalen im zentralen Mittelfeld neben Peter Niemeyer ein ums andere Mal ab, doch derzeit ist Ronny der Mann für die besonderen Momente bei Hertha. So blieb sein messerscharfer 30-Meter-Pass auf Adrian Ramos in der 68. Minute nur deswegen unvollendet, weil dessen Schuss am Pfosten landete.

„Es ist eine sehr gute Zeit für mich“, befand Ronny folgerichtig. Ob diese nach der Rückkehr des zuletzt angeschlagenen Peer Kluge gegen Kaiserslautern am kommenden Sonnabend mit einem erneuten Startelfeinsatz weitergeht, muss Luhukay entscheiden. Doch der Niederländer hatte zuletzt ja ein äußerst sicheres Händchen.