Acht Tage hat sich Hertha BSC im Trainingslager in Österreich mit einem ungewöhnlich großen Kader auf die Zweitliga-Saison vorbereitet. 28 Feldspieler plus drei Torhüter waren im Burgenland im Einsatz. Nach der Rückkehr aus Graz spielt Hertha am Sonnabend im Olympiastadion gegen Juventus Turin (15.15 Uhr), die Generalprobe für den Liga-Start am kommenden Freitag gegen Paderborn. Morgenpost Online hat alle Trainingseinheiten sowie Testspiele in Stegersbach verfolgt.

Zweikampf um das Tor

Auf dem Papier ist Hertha BSC hier sehr gut aufgestellt. Doch Thomas Kraft, mutmaßlich der beste Torwart der kommenden Zweitliga-Saison, ist nach den Vorkommnissen rund um das chaotische Relegationsrückspiel bei Fortuna Düsseldorf für die ersten vier Pflichtpartien gesperrt. Nun hofft Sascha Burchert (22) auf seine Chance. Der Schlussmann trainierte sehr ehrgeizig und macht vieles richtig. Er hatte aber in zwei Testspielen ein paar Wackler. Mit dem aus der A-Jugend gekommenen Philip Sprint (19) ist ihm ein echter Konkurrent erwachsen. Sprint wirkt etwas ruhiger, Burchert etwas dynamischer, aber das sind nur Nuancen. Trainer Jos Luhukay will sich partout nicht festlegen, wen er gegen Paderborn aufstellt. „Ich werde diese Frage erst am Morgen des Spieltages den Torhütern mitteilen.“ Tendenz: Burchert wird es.

Einsatzgarantie für Marcel Ndjeng

Nominell ebenfalls sehr gut besetzt, zeigt sich hier aber ein grundsätzliches Problem dieser Vorbereitung. Zuerst, beklagte Trainer Luhukay, sei die Trainingsgruppe zu klein gewesen, am Ende indessen zu groß. Dazu sind die einzelnen Verteidiger in sehr unterschiedlicher körperlicher Verfassung. So kommen die Rückkehrer Maik Franz und Christoph Janker für den Liga-Start beide nicht in Frage, nach ihren Verletzungen sind die Rückstände zu groß. Roman Hubnik ist als Innenverteidiger gesetzt. Der Tscheche hatte aber nach der Europameisterschaft Urlaub und am wenigsten Zeit von allen Profis für die Vorbereitung. Den zweiten Platz im Abwehrzentrum hat überraschend das Eigengewächs John Brooks erobert. Kopfballstark und sicher im Aufbau hat er Sebastian Neumann überholt. Für Neumann wird es eng, er ist einer der Kandidaten, denen Hertha bis zum Ende der Transferperiode am 31. August eventuell nahelegen wird, sich anderweitig zu orientieren. Als einziger Spieler im Kader hat Zugang Marcel Ndjeng vom Trainer bereits eine Einsatzgarantie erhalten. „Marcel wird uns hinten rechts helfen, da hatten wir ein Vakuum“, sagte Luhukay. Alfredo Morales spielte eine (zu) unauffällige Vorbereitung. Wie man es als Talent besser macht, zeigte Nico Schulz. Der verdrängte mit dynamischen Auftritten den bundesligaerfahrenen Felix Bastians von der Position des linken Außenverteidigers.

Vier Kandidaten fürs Kapitänsamt

Im Mittelfeld wird mit Peer Kluge ein weiterer Neuer den Takt des Hertha-Spiels angeben. Der Routinier spielt sachlich und wählt meist die richtige Lösung. Als „Aggressive Leader“ wird ihm Peter Niemeyer zur Seite stehen. Diese beiden Profis dürften neben Maik Franz und Thomas Kraft auch für das Amt des Kapitäns in Frage kommen. Offener ist das Rennen auf den Außenbahnen. Auf links hat sich mit Marvin Knoll erneut ein eigenes Talent stark präsentiert. Unbekümmert und mit Schwung drängt er in die Startelf. Allerdings hat sich auf den letzten Metern der Vorbereitung Adrian Ramos deutlich gesteigert. Der weiterhin wechselwillige Kolumbianer will nach der missratenen Vorsaison endlich zeigen, was er kann. Auf der rechten Seite hat Änis Ben-Hatira trotz seines späten Einstiegs in die Vorbereitung beste Chancen. Aber auch der junge Daniel Beichler zeigte sich sehr engagiert. Ben Sahar, ein weiterer Neuer, wird noch Zeit benötigen, bis er seinen Fitness-Rückstand aufgeholt hat. Das gleiche gilt für Nikita Rukavytsya, der das Trainingslager wegen einer Wadenverletzung verpasst hat.

Kachunga überzeugt

Da Trainer Luhukay im Rennen um den Aufstieg auf ein 4-4-2-System setzt, wird Hertha vor allem daheim mit zwei Stürmern spielen. Auf Anhieb überzeugte dort Elias Kachunga, der mit fünf Toren die meisten Treffer in der Vorbereitung erzielte. Der andere Platz im Angriff wird an Herthas Königstransfer gehen, an den für 1,5 Millionen Euro aus Mainz geholten Sami Allagui. Mit dem 1,94 Meter großen Sandro Wagner steht eine andere, sehr wuchtige Alternative bereit. Die Konkurrenz wird sich darauf einstellen müssen, dass Hertha in der Offensive über eine Vielfalt an Optionen verfügt.

Luhukay ist der Star

Nach dem Abgang von Raffael hat Hertha BSC auf dem Feld derzeit keinen Star. Dafür steht, und das war vorab nicht unbedingt zu erwarten, Trainer Luhukay im Mittelpunkt. Bei seiner Verpflichtung hatte der eine oder andere Kritiker moniert, der bringe zu wenig Glanz für die Hauptstadt mit. Das ist eine Kategorie, die dem Übungsleiter aus Holland schlicht egal ist. Und man sollte sich nicht von dem netten, etwas drögen Herrn Luhukay täuschen lassen, den er manchmal am TV-Mikrofon gibt. Der Trainer hat eine klare Idee, wie seine Mannschaft spielen soll. Die erklärt er täglich auf dem Platz. Und unterbricht, wenn etwas verkehrt läuft. Nach den ersten Übungen auf dem Trainingsplatz, wo Luhukay vormachte, warum seine Spieler so passen und sich so bewegen sollen, war die Autoritätsfrage für die Profis schnell geklärt: Tenor: Der Trainer hat Ahnung. Neben dem Fußballfachlichen hat Luhukay einen scharfen Blick für die Atmosphäre und die Dynamik in der Gruppe. Er greift durch, wenn jemand gegen die selbstauferlegten Regeln verstößt. Vor allem aber spricht Luhukay viel mit seinen Spielern, lobt und spornt an. Was er am liebsten befördern will ist Eigenverantwortung seiner Profis. „Ich hoffe, dass wir in der kommenden Saison ein viel stärkeres Kollektiv haben. Das ist mir extrem wichtig“, sagt Luhukay, der das Ziel eindeutig vorgibt: „Wir wollen aufsteigen.“