Fußball

Die vielen Baustellen des Krisenklubs Hertha BSC

Herthas Skandalspiel beschäftigt die Sportgerichte. Doch was wird aus den Talenten? Was aus der Mannschaft? Und wer bezahlt die Rechnung?

Foto: Firo

Schicksalstage für Hertha BSC: Am Donnerstabend stellen sich Präsidium und Geschäftsführung den Mitgliedern. Im Palais unterm Funkturm findet „Hertha im Dialog“ statt. Eine Veranstaltung, in der alle Themen diskutiert werden, die die Mitglieder bewegen.

Am Freitag verhandelt das DFB-Sportgericht, ob die Wertung des Relegations-Rückspiels in Düsseldorf (2:2) aufgehoben wird. Hat das Resultat weiter Gültigkeit, ist Hertha abgestiegen in die Zweite Liga.

Am Dienstag nach Pfingsten, dem 29. Mai, stellen die Mitglieder die Weichen für die Zukunft von Hertha BSC. So wird ein neues Präsidium gewählt. Im Mittelpunkt der Diskussion steht bisher die Frage, ob Michael Preetz nach drei Jahren und zwei Abstiegen als Manager noch tragbar ist oder nicht.

Unter anderem haben Ex-Profi Michael Sziedat, der fürs neue Präsidium kandidiert, sowie Präsidiumsmitglieder wie Jörg Thomas und Ingmar Pering gefordert, Preetz müsse entlassen werden. Demgegenüber hat Präsident Werner Gegenbauer sich festgelegt: Er setzte auf Kontinuität, das meint, die Weiterbeschäftigung von Preetz, dessen Vertrag bis Juni 2014 läuft.

Mischung aus Sorge und Verärgerung

Die Kritik von Pering, während parallel die Vereinsspitze um Herthas Bundesliga-Verbleib kämpft, nennt Gegenbauer „nicht verantwortungsbewusst.“ Er hat sein Schicksal als Präsident mit Preetz verknüpft.

Doch intern gibt es auch heftige Kritik an der personellen Zuspitzung im Verein. „Die Fokussierung auf Preetz schadet Hertha“, sagt Norbert Sauer. „Die Zuspitzung lenkt von anderen Schwierigkeiten ab.“

Sauer ist eher untypisch für die Präsidiumsmitglieder. Als einer von wenigen kennt er sich aus in der Führung großer Unternehmen. Als Geschäftsführer der Ufa-Filmproduktion in Potsdam ist ihm auch der Umgang mit großen Geldsummen vertraut.

Sauer war bereits Ende der 1990iger im damaligen Hertha-Aufsichtsrat, mittlerweile sitzt er seit 2008 im Präsidium. Doch er gehört nicht zu den Vertretern, die sich in Kungelrunden bei den Fans anzubiedern versuchen.

Den derzeit laufenden Wahlkampf findet er „Käse“. Seine Stimmungslage ist eine Mischung aus Sorge und Verärgerung.

Das Problem Mannschaft

„Die Mannschaft hat versagt. Sie hat Spiele abgeliefert, in denen es gefehlt hat an Engagement, Leidenschaft und Aggressivität“, nimmt Sauer die Spieler in die Pflicht. Klar ist, dass der Kader 2012/13 ein deutlich anderes Gesicht haben wird.

Beim (mutmaßlichen) Abstieg in Liga zwei werden teure Profis wie Raffael, Adrian Ramos, Patrick Ebert, Christian Lell oder Andreas Ottl nicht zu finanzieren sein. Jos Luhukay, der neue Trainer, wird ein Team um Torwart Thomas Kraft herum aufbauen.

Die Herausforderung besteht darin, eine bessere Struktur zu finden, als im Zweitliga-Anlauf 2010. Das Gerüst um Kapitän Andre Mijatovic, das nach dem Abstieg 2010 zusammengestellt worden war, war nach anderthalb Jahren unrühmlich kollabiert.

Wo bleibt der Nachwuchs?

Ein Klassiker bei Hertha BSC. Sauer fragt: „Haben wir endlich den Mut, die jungen Leute, die wir ausbilden, auch einzusetzen?“

Aktuell wird diskutiert, warum Youngster wie Jerome Kiesewetter (zum VfB Stuttgart) oder Richard Strebinger (zu Werder Bremen II) Berlin verlassen. Die Debatte greift jedoch zu kurz.

Manager Michael Preetz sagt, unter den abwandernden Talenten seien keine Spieler, die als Verstärkung bei den Profis angesehen werden. Für Hertha wird es wichtig, endlich den Talenten zum Durchbruch zu verhelfen, die bereits dabei sind: Alfredo Morales, John Brooks, Nico Schulz, Sebastian Neumann, Fabian Holland, Marco Djuricin.

Die Durchlässigkeit zwischen A-Jugend, U23 und Profis muss besser werden. Dieser Weg, stärker auf die eigenen Kräfte zu setzen, ist ohne Alternative: Hertha kann es sich schlicht nicht leisten, ein neues Team zusammenzukaufen.

Das Problem Finanzen

Die DFL hat Hertha BSC Bedingungen auferlegt, heute gehen die letzten Papiere zur Erfüllung dieser Bedingungen nach Frankfurt. „Wir haben die geforderten Unterlagen vollständig und fristgerecht eingereicht“, sagte Finanzchef Ingo Schiller.

Er bedankt sich bei den Partnern, die Hertha unterstützt haben. Gemeint sind hier die Deutsche Bahn, die dem Klub trotz des wahrscheinlichen Abstiegs als Hauptsponsor erhalten bleibt, sowie das Land Berlin.

Eine Senatssprecherin bestätigte eine Meldung von Morgenpost-Online, dass der Senat dem Verein für das Olympiastadion und den Olympiapark „eine Teilstundung einräume, die angemessen verzinst wird“.

Präsident Werner Gegenbauer sagte: „Wir gehen davon aus, dass die Lizenz sicher ist.“ Darüber hinaus wird Hertha weiter sparen müssen.

Und trotzdem darauf achten, dass der Klub sich künftig entwickeln kann. Sauer: „Haben wir den Mut, mittelfristig zu agieren, statt nur kurzfristig zu reagieren?“

Warum ist Kontinuität so schwer?

Dahinter steht die Sehnsucht nach Beständigkeit. Mehrfach hatten Manager und Präsident Kontinuität als Ziel ausgegeben, aber das Vorhaben war insbesondere auf der Trainer-Position mehrfach an der Realität zerschellt.

Man darf gespannt sein, ob Hertha sich nach der Wahl am Dienstag mit dem neuen Präsidium so aufstellt, dass der Verein zumindest den freien Fall bremsen kann.