Bundesliga

Hertha BSC hat ein Endspiel gegen Ex-Trainer Babbel

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Uwe Bremer

Trotz des 0:4 auf Schalke verschiebt sich die Entscheidung im Abstiegskampf dank des Kölner 1:4 in Freiburg auf den letzten Spieltag.

Sie hatten das Spiel verloren. Kein Spieler von Hertha BSC jubelte. Und doch waren die Berliner trotz ihrer eigenen 0:4 (0:1)-Niederlage beim FC Schalke 04 so etwas wie die heimlichen Gewinner dieses 33. und vorletzten Spieltags in der Fußball-Bundesliga. Denn so erstaunlich und Ausdruck von mangelhafter Klasse in dieser Saison es auch sein mag: Durch das gleichzeitige 1:4 des Fernrivalen 1. FC Köln in Freiburg vertagt sich die Entscheidung über den zweiten Absteiger neben dem 1. FC Kaiserslautern auf den letzten Spieltag am kommenden Sonnabend.

Dann hat der Hauptstadtklub im Olympiastadion die TSG 1899 Hoffenheim zu Gast – Hertha hat also ausgerechnet ein Endspiel um den Klassenverbleib gegen Ex-Trainer Markus Babbel. Nur ein Sieg rettet die Berliner. Doch nicht diese pikante Ausgangslage hatte den Spielern samt und sonders die Sprache verschlagen. Patrick Ebert, Felix Bastians und Kollegen – ihr Schweigen erklärte erst Kapitän Christian Lell: „Wir sollen nichts sagen. Das ist eine Anweisung vom Mediendirektor.“ Peter Bohmbach heißt der Mann.

Immerhin Trainer Otto Rehhagel gab sich kämpferisch: „Wir haben noch eine Chance, die nutzen wir. Ich glaube, dass wir erstklassig bleiben.“

Fakt ist aber auch: Wo Heimspiele für Hertha in jüngerer Vergangenheit ohnehin schon kein wirklicher Vorteil waren, wird eine Leistung wie die auf Schalke gezeigte selbst gegen schon im Sommerpausen-Modus befindliche Hoffenheimer nicht zu drei Punkten genügen. Das Trainingslager in Castrop-Rauxel zeitigte keinerlei Wirkung. Im Anschluss an „das unsagbar schlechte Spiel gegen Kaiserslautern“ (O-Ton Rehhagel) hätten sie einmal mehr viele Gespräche geführt, berichtete der Trainer. Seine an sich selbstverständliche Ansage lautete: „Im Abstiegskampf darf man sich nicht nur auf spielerische Qualitäten verlassen. Kampf heißt nun mal: Kampf.“

Rehhagel straft Ottl ab

Was es da nun zu bedeuten habe, dass er in diesem wegweisenden Spiel auf Andreas Ottl verzichtete? „Er ist kein Kämpfer“, sprach Rehhagel ein sportliches Todesurteil über den defensiven Mittelfeldspieler: „Der Ottl ist ein wunderbarer Fußballer, aber im Zweikampf tut er sich schwer.“ Eine bittere Pointe für Ottl war es obendrein, dass Rehhagel stattdessen den nicht für seine Defensivkünste bekannten Ronny für die Startelf nominierte.

Zwei andere Kämpfer bissen auf die Zähne, ihre Rückkehr war höchst willkommen. Roman Hubnik (Bänderanriss im Knöchel) und Christoph Janker (Leistenprobleme) stellten sich zur Verfügung, obwohl sie weit davon entfernt waren, wirklich einsatzfähig zu sein. „Sie sind nicht so fit, wie sie es sein müssten“, sagte denn auch Rehhagel, „aber wir brauchen ihre Erfahrung.“ So gab es in Summe sogar fünf Umstellungen, auch Perdedaj und Ben-Hatira kehrten in die Anfangsformation zurück. Alle elf machten es in der ersten Halbzeit über weite Strecken gut. Mit erkennbarer Entschlossenheit wurden die Zweikämpfe gesucht und auch geführt; insgesamt waren die Schalker an diesem Tag ein recht dankbarer Gegner, denn sie spielten ähnlich wie Hertha: gefällig, aber ohne übertrieben viel offensive Spielfreude. Die erste Chance des Spiels hatten sogar die Berliner. Doch als Ronnys Schuss aus gut 20 Metern Lars Unnerstall schon zu überraschen schien, bekam der Schalker Torwart doch gerade noch so den linken Arm an den Ball (4. Minute).

Danach passierte lange Zeit: nichts. So gelungen die defensive Staffelung der Berliner war – offensiv trauten sie sich in erschreckendem Maße wenig zu. Der gut 25-minütigen Phase der beidseitigen Tatenlosigkeit folgten zwei Chancen von Klaas-Jan Huntelaar binnen 60 Sekunden – von denen eine zum 1:0 für Schalke führte. Gerade hatte Hertha-Torwart Thomas Kraft noch einen Kopfball des Niederländers aus der rechten Ecke gefischt (31.), da tauchte Huntelaar völlig frei und mit dem Ball am Fuß erneut vor ihm auf. Sein 26. Saisontor geriet zum Kinderspiel gegen unzureichend attackierende Berliner Abwehrspieler. Um punkt 16.02 Uhr fehlte nur noch ein Tor des 1. FC Köln in Freiburg, um Hertha in der virtuellen Tabelle zum Abstieg zu verurteilen. Da kam vier Minuten später die Kunde vom Rückstand der Kölner.

Die Achterbahn der Gefühle nahm nach dem Seitenwechsel wieder Fahrt auf. Ausgleich in Freiburg – um 16.34 Uhr lag Hertha drei Punkte hinter den Kölnern, hatte aber immer noch das etwas bessere Torverhältnis. Wer außerdem Fahrt aufnahm: Schalke. Jose Manuel Jurado zielte nach einem Sololauf hauchzart am langen Eck vorbei (47.), drei Minuten später bediente der Spanier Huntelaar, der zentral frei stand und in von ihm kaum gekannter Manier das Tor verfehlte. Übel war die Grätsche von Jermaine Jones, der mit zwei gestreckten Beinen in Änis Ben-Hatira hineinrauschte. Nichts anderes als eine Rote Karte hatte die Aktion an der Seitenlinie verdient – stattdessen sah Schalkes Rüpel nur zum 14. Mal in dieser Saison Gelb.

In diese ungemütliche Phase hinein, um 16.41 Uhr, erzielte Freiburg das 2:1 gegen Köln – und baute diese Führung sogar noch weiter aus. Der Ex-Freiburger Levan Kobiashvili, auf Schalke Rot-gesperrt zum Zuschauen verurteilt, sagte: „Großen Respekt vor Freiburg, dass sie sich so reingehängt und Köln geschlagen haben.“

Eine Entscheidung auf Schalke verhinderte zunächst noch Kraft gegen den enteilten Raul (71.). Aber wie leicht die Schalker dann doch zum 2:0 kamen: Unnerstalls Abschlag verlängerte Bastians unfreiwillig per Kopf, Perdedaj war zu nachlässig gegen Huntelaar und Christoph Janker gegen Torschütze Lewis Holtby. Kraft war entsprechend sauer auf seine Vorderleute – doch das Schlimmste an diesem Nachmittag stand ihm noch bevor. Zum wiederholten Mal in dieser Saison ergab sich die Abwehr in der Schlussphase beinahe widerstandslos. Der eingewechselte Ebert war vor dem 3:0 nur ein Spielball für den umjubelten Torschützen Raul bei dessen letztem Auftritt auf Schalke (84.). Und überhaupt niemand mehr wehrte sich zwei Minuten vor dem Ende gegen Huntelaars 27. Saisontor zum Endstand.

Die Berliner waren in dieser Szene ebenso nur Zuschauer wie nach dem Schlusspfiff beim emotional gestalteten Abschied der nunmehr fix für die Champions League qualifizierten Schalker von Raul. Ihren eigenen Abschied aus der Bundesliga haben die Hertha-Profis zumindest um eine Woche vertagt.