Wer sich in den vergangenen Monaten von der Leistungsfähigkeit des Ronny Heberson Furtado de Araújo überzeugen wollte, war auf die Dienste des Internets angewiesen. Dort, auf der Seite seiner Beraters Dino Lamberti, findet sich ein rund sechsminütiges Video mit einem Zusammenschnitt der besten Szenen des Angreifers von Hertha BSC . Ronny ist dort zu sehen, wie er im Mittelfeld den Ball erobert und blitzschnell in einen Steilpass in die Spitze verwandelt. Ronny, wie er gefühlvolle, aber dennoch scharfe Flanken auflegt. Oder wie er sich mit einigen schnellen Bewegungen aus der eigenen Abwehr befreit. Und damit ja niemand übersieht, von wem die Aktion ausging, hat Lamberti das Video immer dann kurz angehalten, wenn Ronny an den Ball kommt – und vorsichtshalber noch seinen Namen daneben geschrieben. Zugegeben, der Clip macht Lust auf mehr. Einzig: In der Hinrunde hatte der 25-Jährige so gut wie keine Gelegenheit, sein Können der Fanschar zu zeigen.

Das wird sich am Sonnabend ändern, wenn Hertha in Nürnberg in die Rückrunde der Fußball-Bundesliga startet (15.30 Uhr, Sky live und hier im Live-Ticker von Morgenpost Online ). Ronny wird im Mittelpunkt stehen, die offensiven Hoffnungen der Berliner ruhen zwar nicht allein, aber doch mehrheitlich auf seinen Schultern. Das hat vor allem damit zu tun, dass Ronny im ersten Startelfeinsatz der Saison gleich seinen gesperrten Bruder und Spielmacher Raffael vertreten soll. Auch wenn noch unklar ist, ob er wirklich auf der zentralen Position aufläuft, erhofft sich Trainer Skibbe von ihm Impulse nach vorn. „Er hat ähnliche Fähigkeiten wie sein Bruder“, sagt der Trainer, und hatte sich schon vor Tagen festgelegt: „Wenn nicht noch etwas passiert, wird er ihn vertreten.“ Und das ist angesichts von Ronnys Werdegang schon bemerkenswert.

Ein Neuanfang auch im Team

Seine Geschichte inklusive der Gewichtsprobleme, Aussortierung unter Ex-Trainer Markus Babbel, dem gestrichenen Weihnachsturlaub und seiner nun aufstrebenden Form ist hinlänglich bekannt. Sie zeigt, dass er die Lehren gezogen hat und bereit ist, mehr Verantwortung zu übernehmen. Und damit ist er nicht alleine bei Hertha, vielmehr hat sich ein Gefühl des Aufbruchs breitgemacht. Kein Wunder, dass Manager Michael Preetz vor dem Rückrundestart von einem „Neuanfang“ sprach, und dass die Vergangenheit nun schön ruhen solle.

Das wird sich auch Christoph Janker gesagt haben, jener häufig so glücklose Verteidiger, der sich schon so ein bisschen mit seinem Reservistendasein angefreundet hatte. Weil die Leistungen nicht stimmten, haftete ihm schon so ein wenig das Image des Trainings-Profis an. Durch die Verletzungen von Maik Franz und Kapitän André Mijatovic ist er plötzlich in die Starelf gerückt. Und mehr noch, er fordert diesen Platz inzwischen auch aktiv ein – das hatte es jahrelang nicht gegeben. Mit seiner Kampfansage („Ich will von Anfang an spielen, alles andere ist nicht mein Anspruch. Ich habe Blut geleckt“) hat er die Etablierten unter Druck gesetzt und – ähnlich wie Ronny – dem Trainer zugerufen: Sieh her, ich bin bereit. Gleiches gilt für Fabian Lustenberger, der seit dem Aufstieg nicht viel zu lachen hatte. Auch der Schweizer, zuletzt auf der Sechser-Position nur dritte Wahl hinter Andreas Ottl und Peter Niemeyer, pocht darauf, sich wieder mehr einbringen zu dürfen – und drohte recht unverhohlen sogar mit seinem Abschied. „Wenn ich in der Rückrunde auch nicht spiele, muss man sich zusammensetzen“, sagte er.

Lell geht voran

Klar ist: Alleine am neuen Trainer oder den üblichen Mechanismen eines Wechsels kann das nicht liegen. Vielmehr bestätigt sich der Trend, dass Hertha zuletzt eine gute Adresse war, um Profis mit Karriereproblemen eine zweite Chance zu geben. Christian Lell zum Beispiel kam mit zweifelhaftem Ruf und inmitten einer verbalen Auseinandersetzung mit Michael Ballack nach Berlin. Weil auch die Form zunächst nicht stimmte, zogen viele Fans diesen Transfer in Zweifel und fragten, ob ein Typ wie Lell – laut, exzentrisch, sehr selbstbewusst – überhaupt zu Hertha passe. Heute gehört der Ex-Bayer zu den absoluten Führungsspielern bei Hertha, mit seiner ruhigen, aber bestimmten Art hat er sich den Respekt der Kollegen und Anhänger verdient. Heute läuft er wie zur Bestätigung als Kapitän auf. Und fühlt sich in Berlin so wohl, dass seine Unterschrift unter einen neuen, langfristigen Vertrag wohl nur noch an Details zu hängen scheint.

Und Ronny? Der möchte sich gern einreihen. Nürnbergs Trainer Dieter Hecking jedenfalls warnte sein Team schon einmal, den Ausfall von Raffael nicht auf die leichte Schulter zu nehmen: „Ronny hat auch seine Veranlagung. Ich glaube schon, dass er dem neuen Trainer zeigen will, dass er die richtige Wahl ist.“

In den letzten Tagen zeigte der angesprochene schon einmal verbal, dass er verstanden hat, worauf es ankommt. „Es ist gut, vom Trainer gelobt zu werden. Aber ich weiß, dass ich noch hart arbeiten muss, um meinen Platz in der Mannschaft zu finden.“

Aber, und das ist ja auch irgendwie das liebenswerte an Ronny, komplett verbiegen lässt er sich nicht. So erstand er erst in dieser Woche neue Ohrringe, mit Brillanten besetzt, der Wert soll in etwa 10.000 Euro betragen. Von solchen Klunkern, so berichtete Ronny später, habe er schon immer geträumt. Ein bisschen Exzentrik darf schon sein. Und doch weiß er seine Freude gleich ein wenig einzuschränken: „Ich hoffe, dass ich mehr durch meine Leistung auffallen werde. Sonst habe ich ein Problem.“ Recht hat er. Läuft aber alles nach Plan, wird sein Berater vielleicht eine neue Szene in sein Video einbauen: Von einem genialen Pass oder sogar einem Tor gegen Nürnberg.