Herthas Sturmtalent

Bei Forrest Gump kommen Lasogga die Tränen

| Lesedauer: 12 Minuten
Daniel Stolpe

Pierre-Michel Lasogga ist in der Bundesliga angekommen. Mit sechs Treffern hat der 20-Jährige sich zu einer festen Größe in der Mannschaft entwickelt. Mit Morgenpost Online spricht der gebürtige Westfale über das Älterwerden, Tore auf der Playstation und Emotionen im Kino.

Adrian Ramos? Raffael? Nein, Pierre-Michel Lasogga, der Shootingstar der vergangenen Zweitliga-Saison, ist in der Bundesliga bester Torschütze von Hertha BSC – dabei wird der Stürmer heute erst 20 Jahre alt.

Morgenpost Online: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Herr Lasogga. Wie fühlt sie sich an, die Zahl „20“?

Pierre-Michel Lasogga: Ehrlich gesagt, fehlt mir die ‚1' vorne dran schon jetzt. Beim zehnten Geburtstag hatte ich mich richtig auf sie gefreut, jetzt bei der ‚2' ist das schon anders.

Morgenpost Online: Andererseits haben Sie, wenn alles gut läuft und Sie gesund bleiben, 15 oder sogar mehr Jahre als Profi noch vor sich.

Pierre-Michel Lasogga: Ich weiß auch wirklich jeden Tag zu schätzen. Ich bin stolz, dass ich es gepackt habe, mit 18 sofort ins Profigeschäft einzusteigen.

Morgenpost Online: Als Stürmer spielen Sie Fußball, um Tore zu schießen. Beschreiben Sie mal das Gefühl, wie es ist, wenn der Ball im Netz zappelt. Was spüren Sie da, woran denken Sie?

Pierre-Michel Lasogga: Ich denke da an gar nichts. Wenn ich ein Tor geschossen habe, dann explodiere ich innerlich. Dann gehen alle Lichter aus bei mir im Kopf, dann ist das wie ein Gefühl von Freiheit, für das ich die ganze Woche hart gearbeitet habe. Es ist schon ein geiles Gefühl, die 60.000 zu sehen und zu hören, wie sie deinen Namen rufen, weil du das Tor gemacht hast.

Morgenpost Online: Ist der Kick beim Torjubel immer gleich, in der B-Jugend wie in der Bundesliga?

Pierre-Michel Lasogga: Ich habe auch in der Jugend gefeiert, weil die Tore da auch wichtig waren. Aber sicher ist es noch mal was anderes, in ausverkauften Bundesliga-Stadien zu spielen. Entsprechend ist der Adrenalinkick da bei einem Tor um das Doppelte oder sogar noch höher, das ist echt brutal.

Morgenpost Online: Manche Stürmer studieren regelrecht Jubelchoreographien ein. Eine Szene der Hinrunde war, als Sie gegen Köln Ihr erstes Tor im Olympiastadion selber über das Stadionmikrofon ansagen wollten.

Pierre-Michel Lasogga: Der Stadionsprecher war vor dem Spiel zu mir gekommen und sagte: ‚Wenn du triffst, sagst du dein eigenes Tor an.' Wie es kommt, habe ich tatsächlich getroffen. In der Euphorie des Tores habe ich trotzdem schnell gemerkt, dass die Zeit dafür nicht reichen würde. Deshalb ließen wir es sein.

Morgenpost Online: Haben Sie sich für einen zukünftigen Versuch schon mal erkundigt, ob es dafür eine Gelbe Karte geben würde?

Pierre-Michel Lasogga: Es wäre wohl ein Präzedenzfall, denn ich glaube, so oft kamen eigene Ansagen in der Bundesliga noch nicht vor (lacht).

Morgenpost Online: Wenn Sie sich im Nachhinein so jubeln sehen – schmunzeln Sie manchmal über das, was Sie da aus der Emotion heraus so produzieren oder schämen Sie sich sogar?

Pierre-Michel Lasogga: Nein, ich schäme mich gar nicht. So ist der Typ Pierre Lasogga. Ich bin auf dem Platz eben ein bisschen durchgeknallt; dafür spiele ich Fußball: Um mich auszutoben.

Morgenpost Online: Als Mensch sind Sie außerhalb des Platzes erstaunlich kontrolliert.

Pierre-Michel Lasogga: Ich sehe auch gar keinen Grund, wieso ich es nicht sein sollte. Ich weiß, dass ich im Training alles geben muss, um am Wochenende meine Leistung zu bringen. Dafür brauche ich diesen klaren Kopf und die Ruhe, die ich wirklich habe. Deshalb bin ich außerhalb des Platzes bodenständig und konzentriere mich nur auf meinen Job.

Morgenpost Online: Und wenn die gleichaltrigen Freunde zu Feiern einladen?

Pierre-Michel Lasogga: Ich habe schon früh festgestellt, dass Fußball alles ist in meinem Leben. So hat es sich ergeben, dass ich nicht so das Feierbiest bin. Den kleinen Anteil, der daran in mir wohnt, lebe ich in der Sommerpause aus (lacht).

Morgenpost Online: Wie kaputt sind Sie nach 90 Bundesligaminuten nicht nur körperlich, sondern auch emotional?

Pierre-Michel Lasogga: Nehmen wir das Spiel gegen Schalke: Spielbeginn war 20.30 Uhr, da dauert es danach schon bis tief in die Nacht, bis mein Körper runtergefahren ist und er die Spannung und das Adrenalin verarbeitet hat.

Morgenpost Online: Träumen Sie von den Spielen?

Pierre-Michel Lasogga: Eher selten. Aber ich nehme mir die Spiele häufig auf, um daraus zu lernen. Manchmal sind ja auch paar schöne Momente dabei.

Morgenpost Online: Denken Sie dann: ‚Cool, gleich treffe ich!'?

Pierre-Michel Lasogga: Es ist schon noch mal ein geiles Gefühl auf der Couch, weil ich dann auch sehe, wie die Fans in der Kurve explodieren, wenn der Ball im Tor ist, und höre, was der Kommentator dazu sagt. Es ist schon extrem witzig, wenn man das ein paar Tage später noch mal in so einer Form erlebt.

Morgenpost Online: Wie Playstation im echten Leben.

Pierre-Michel Lasogga: Ja, kann man wirklich so sagen – und auch auf der Playstation hasse ich es zu verlieren. Manchmal muss ich dann sofort ausmachen, weil ich sonst durchdrehe. Aber ich hatte auch schon Spiele, da lag ich 0:3 hinten und habe noch 4:3 gewonnen. Dann explodiere ich zu Hause so, als hätte ich gerade im Stadion getroffen. Ich ziehe wirklich einen großen Teil meiner Emotionalität aus dem Fußball.

Morgenpost Online: Spielt Lasogga auf der Playstation auch Lasogga?

Pierre-Michel Lasogga: Anfangs auf jeden Fall. Wenn die jeweils neueste Version erscheint, will ich schon wissen, wie gut ich bin (lacht). Aber wenn man sich in einer Onlineliga hocharbeiten will, muss man irgendwann leider auf die Topteams zurückgreifen.

Morgenpost Online: Haben Sie Lasogga schon nach Barcelona oder Manchester transferiert?

Pierre-Michel Lasogga: Nein, der spielt noch bei Hertha – weil ich sehe, dass er sich dort kontinuierlich verbessert (lacht).

Morgenpost Online: Von der Playstation zurück auf den Rasen. Ihr erstes Halbjahr in der Bundesliga liegt fast hinter Ihnen – wie fällt da Ihr Urteil aus?

Pierre-Michel Lasogga: Ich kann sagen: Mein Traum ist in Erfüllung gegangen. Es gibt nichts Aufregenderes für einen jungen Spieler, als wirklich auf dem Platz stehen und gegen die Spieler spielen zu dürfen, gegen die ich vor zwei, drei Jahren eben nur auf der Playstation gespielt habe. Jetzt erlebe ich sie hautnah – und sehe, dass ich gar kein so Schlechter bin (lächelt).

Morgenpost Online: Wenn Ihnen zu Rundenbeginn jemand angeboten hätte: ‚Du schießt sechs Tore' – hätten Sie eingeschlagen?

Pierre-Michel Lasogga: Als Stürmer will man ja immer das Maximum erreichen – und ich weiß noch nicht, wo das Maximum ist. Nichtsdestotrotz bin ich sehr zufrieden, wie die Hinrunde verlaufen ist, weil ich ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft bin.

Morgenpost Online: Wer war bis jetzt Ihr unangenehmster Gegenspieler?

Pierre-Michel Lasogga: (überlegt lange) Die Frage ist schwer zu beantworten. Ich sehe schon, dass ich gegen jeden Gegner zu Torchancen komme. Das ziehe ich als positive Erkenntnis aus dem bisherigen Saisonverlauf: Ich weiß jetzt, wo die Schwächen meiner Gegenspieler liegen, und wie ich daraus Profit schlagen kann.

Morgenpost Online: Sie spüren, wie Sie mit jedem Spiel hinzulernen?

Pierre-Michel Lasogga: Ja. Was funktioniert gegen wen? Habe ich jemand direkt in meinem Rücken oder lässt mir der Innenverteidiger Platz? In solchen Bereichen sehe ich Woche für Woche eine Verbesserung.

Morgenpost Online: Was löst die Statistik in Ihnen aus, dass von 19-Jährigen in der Fußball-Bundesliga nur ein gewisser Gerd Müller mit sieben Toren mehr Treffer erzielt hat als Sie?

Pierre-Michel Lasogga: Ich gebe zu, dass ich solche Statistiken verfolge. Und natürlich mache ich mit Freunden mal ein Witzchen darüber, dass nur Gerd Müller besser war. Aber schlussendlich will ich ja nicht bei sechs Toren stehen bleiben, sondern noch viele mehr schießen. Wenn ich am Ende meiner Karriere mal sagen kann, dass nur Gerd Müller mehr Tore geschossen hat – dann kann ich behaupten, dass ich eine Menge geschafft habe (lacht).

Morgenpost Online: Sprechen wir über Emotionen abseits des Fußballs, Herr Lasogga. Welcher Typ Autofahrer sind Sie?

Pierre-Michel Lasogga: Jedenfalls kein Schnarcher. Ich fahre schon gerne etwas schneller. Aber trotzdem kontrolliert, dafür sieht man Tat für Tag zu viele Autounfälle, in die man nicht verwickelt sein möchte. Aber ich fluche schon mal beim Fahren; manche Leute fahren wirklich, als ob sie erst übermorgen an ihr Ziel kommen müssten.

Morgenpost Online: Wie oft sind Sie schon geblitzt worden in Berlin?

Pierre-Michel Lasogga: Ein paar Mal – aber nie so, dass ich mit hohen Strafen hätte rechnen müssen.

Morgenpost Online: Welche Stelle im Berliner Straßenverkehr fürchten Sie am meisten?

Pierre-Michel Lasogga: Anfangs hatte ich so meine Probleme mit den Kreisverkehren. Die sind schon alle ein Stück größer und mit den ganzen Abbiegespuren auch unübersichtlicher als sonst in Deutschland. Mittlerweile habe ich aber auch da Erfahrung. Die schlimmste Stelle ist meiner Meinung nach der Rotlichtblitzer unten an der Bismarckstraße. Der ist echt tückisch.

Morgenpost Online: Können Sie auch ganz soft sein – im Kino zum Beispiel?

Pierre-Michel Lasogga: Ja, auch das. Was ich Ihnen alles verrate… – aber ich bin ein regelrecht sentimentaler Typ. Es gibt Filme, die mich berühren, und dann sitze ich auch mal zu Hause und verdrücke die eine oder andere Träne.

Morgenpost Online: Ein Beispiel?

Pierre-Michel Lasogga: Als ich zum ersten Mal „Forrest Gump“ gesehen habe – wenn er da seine Frau verliert, das ist schon traurig, da wurde ich damals von den Emotionen mitgerissen.

Morgenpost Online: Welche Emotion würde es bei Ihnen auslösen, wenn sich am Telefon eine Stimme meldet und sagt: „Hier spricht Joachim Löw“?

Pierre-Michel Lasogga: (zögert) Es ist für jeden deutschen Spieler ein Traum, für sein Land spielen zu dürfen. Ich darf das jetzt in der U21, da ist sicher auch die A-Nationalmannschaft mal das Ziel. Der Weg dorthin führt über die Bundesliga, dort habe ich in den vergangenen Wochen konstant meine Leistung abgeliefert. Darauf will ich mich weiter konzentrieren. Wenn man Leistung bringt und Tore schießt, weiß man nie, was im Fußball passiert. Manchmal geht es schnell…

Morgenpost Online: Bedeutet das, dass Sie insgeheim sogar noch auf eine EM-Teilnahme spekulieren?

Pierre-Michel Lasogga: Sicher, jeder Mensch hat Träume im Leben. Ob sie sich erfüllen, weiß man meist erst, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, an dem sie in Erfüllung gehen können. Solange werde ich träumen – und die Realität leben.

>>> Lesen Sie mehr zum Thema und reden Sie mit - im Hertha BSC Blog Immer Hertha unter www.immerhertha.de