"Immer Hertha"-Fangespräch

Hertha-Fans geben Trainer Babbel noch eine Chance

Die Vertragsverlängerung von Trainer Babbel ist das alles beherrschende Thema bei Hertha BSC. Vor dem Spiel gegen Schalke hat sich Morgenpost Online mit vier Fans getroffen und über das Thema diskutiert.

Foto: Christian Hahn

Sie kennen sich aus dem Internet: Täglich diskutieren André Polai (52), Gastwirt aus Schöneberg, bekannt als „Apollinaris“, Henry Krüger (39, Angestellter aus Friedrichshain, „Sir Henry“), Daniel Liebke (49, Verwaltungsangesteller aus Spandau, „Dan“), Stefan Wendorf (39, Justizbeamter, „Treat“) und Heribert Stellert (Lehrer aus Kleinmachnow, „pax.klm“) auf immerhertha.de über Hertha BSC. Vor dem Spiel gegen den FC Schalke 04 (Freitag, 20.30 Uhr im Olympiastadion und im Live-Ticker von Morgenpost Online ) sprachen mit Morgenpost Online.

Morgenpost Online: Meine Herren, muss Hertha jetzt schon von Union lernen? Dort hat man es ohne große Aufregung geschafft, den Vertrag mit Trainer Uwe Neuhaus zu verlängern…

Stefan Wendorf: Grundsätzlich wäre das bei Hertha natürlich auch wünschenswert gewesen. Aber: Präsident Werner Gegenbauer hat auf der Mitgliederversammlung doch gesagt: ‚Wir wollen es nicht wie Union machen’. (lacht)

Stellert: Ich glaube schon, dass ein ähnliches Vorgehen angedacht war. Es hieß doch immer: Wir sind uns einig, wir setzen uns in der Winterpause zusammen.

Morgenpost Online: War es naiv zu glauben, das Thema könne so lange ruhen?

André Polai: Nein, das glaube ich nicht. Mein Eindruck ist, dass Michael Preetz wirklich enttäuscht ist, weil er gedacht hat, es hängt an Kleinigkeiten. Wenn jetzt noch grundsätzliche Sachen hinzukommen, fühlt er sich auf den Schlips getreten.

Wendorf: Wenn sich beide Seiten daran gehalten hätten, wäre es nicht naiv.

Henry Krüger: Man muss auch mal auf neue Situationen reagieren können. Jetzt ist ein klares Bekenntnis von Babbel gefordert. Das fehlt. Was dagegen herüber kommt, ist ein Spiel auf Zeit, ein Zieren.

Wendorf: Die Frage ist nur: Wer darf ein solches Bekenntnis von ihm fordern? Die Medien, die Fans? Babbel ist mir am Anfang durch seine Souveränität und Unabhängigkeit aufgefallen, auch im direkten Umgang mit den Spielern. Er hat sich nie in eine Rolle drängen lassen. Ich frage mich: Wo ist die Souveränität geblieben, wenn es um seine eigenen Fehler geht? Ich war wirklich mal ein Babbel-Fan!

Polai: Ich würde ihm das Ganze jetzt auch noch zugestehen, wenn ich den Eindruck hätte, dass alles noch im Schulterschluss mit Michael Preetz passiert.

Morgenpost Online: Sehen Sie einen Bruch?

Wendorf: Ja, und das macht mich ehrlich gesagt traurig. Ich habe den beiden zugetraut, etwas Langfristiges aufzubauen. Ich sah sie schon wie Allofs und Schaaf in Bremen (lacht). Jetzt ist der Bruch da, und Babbel verliert den Überblick.

Daniel Liebke: Man lässt ihn die Kontrolle doch gar nicht mehr zurückgewinnen!

Krüger: Genau, die Frage ist inzwischen vielmehr, ob Preetz sich das noch vorstellen kann. Er trifft die Entscheidung, nicht Babbel. Es müssen so viele Dinge für die kommende Saison geplant werden, an wen soll sich der Manager noch wenden? Die Risse sind nicht zu kitten.

Morgenpost Online: Wenn es gegen Schalke 0:2 stehen sollte – befürchten Sie „Babbel-Raus-Rufe?“

Wendorf: Definitiv, das wird kommen. Die Stimmung verselbständigt sich gerade. Gepfiffen wurde schon beim Spiel gegen Leverkusen. Der Frust muss raus, und er fokussiert sich derzeit recht bequem auf Babbel. Auch, weil er zuletzt Angriffsfläche geboten hat. Mein Eindruck ist, dass er in den letzten Spielen schon abgeschlossen hatte mit Hertha. Er war ja vorher schon jemand, der eher stoisch auf der Bank gesessen hat. Dabei hat er aber nicht so hilflos ausgesehen. Er hat aber vor allem bei den Einwechslungen nicht so unsicher gewirkt. Ich glaube, er weiß wirklich nicht mehr, was er machen soll.

Morgenpost Online: Kann der Trainer nach all dem Zögern überhaupt unbeschadet weiter arbeiten?

Wendorf: Unbeschadet sicher nicht. Es würde zumindest lange dauern, das wieder auszubügeln. Ob er die Zeit noch bekommt, wage ich zu bezweifeln.

Morgenpost Online: Es klingt, als wenn Sie die alleinige Schuld für die Situation beim Trainer sehen?

Polai: Nein. Ich fand auch Preetz’ Ansage auf der Mitgliederversammlung nicht optimal. Wenn ich vor den Mitgliedern spreche, überlege ich mir jedes einzelne Wort. Mit dieser unklaren, neuen Frist bis Rückrundenstart hat er für Verwirrung gesorgt.

Stellert: Für mich stellt sich immer wieder die Frage: Was sind die Gründe für Babbels Zögern? Ich denke nicht, dass er das mit den zwei, drei Tagen Bedenkzeit ohne Grund gesagt hat. Vielleicht hat sich sein Perspektive einfach seitdem verändert, vielleicht wollte er das Ganze wirklich schnell klären. Dann kam etwas dazwischen. Deshalb finde ich es nicht legitim zu sagen, er habe eine Debatte wegen nichts losgetreten.

Polai: Da bin ich komplett anderer Meinung, für mich ist das der springende Punkt…

Wendorf: …es ist unprofessionell…

Polai: …genau. Mit seiner Aussage hat er die Situation komplett verändert und hat jetzt gar nichts mehr im Griff.

Wendorf: Das hätte ihm einfach nicht passieren dürfen. Er war vor 20 Jahren schon bei Bayern, das ist das beste Medientraining, das du haben kannst. Er hätte wissen müssen, was er auslöst.

Liebke: Ich sehe es anders. Die Situation wäre die gleiche, wenn niemand gesprochen hätte. Die beiden hätten das Schweigen niemals sechs Monate durchgehalten. Wir Fans, die Medien – es hätten doch trotzdem alle immer nachgefragt.

Morgenpost Online: Hat Preetz im Sommer verpasst, im Aufstiegsjubel sehr frühzeitig zu verlängern?

Wendorf: Er hat sich damals wohl auf das sehr gute Verhältnis zu Babbel verlassen und hat nicht gedacht, dass er so zögerlich ist. Er ist jetzt überrascht, weil er dachte, er hat einen echten Schulterschluss.

Krüger: Ich finde das verständlich. Was hat sich Preetz nicht alles an Kritik anhören müssen, als er damals mit Lucien Favre verlängert hat und ihn vier Wochen später wieder rausschmeißen musste.

Liebke: Außerdem haben doch ganz viele gesagt: Bloß nicht jetzt verlängern, wartet erst einmal ab, wie sich der Mann in der Bundesliga entwickelt.

Morgenpost Online: Welchen Anteil hat das als schwierig kritisierte Berliner Umfeld an der Situation?

Wendorf: Ich glaube, dass Babbel diesen Punkt eindeutig unterschätzt hat. Oder besser gesagt: Er hat sich an einem bestimmten Punkt selbst überschätzt. Es war ein Plan da. Aber inzwischen glaube ich, dass sein Plan nicht so langfristig angelegt war, wie wir gedacht haben, sondern dass er eher in Richtung Projektmanager à la Klinsmann geht.

Polai: Lasst uns doch mal runterfahren! Schauen wir uns doch mal die Situation vor seiner Zusage an: Babbel wusste nicht, was er vorfindet. Er hat sich vielleicht noch nie zuvor mit Hertha befasst. Dann ruft Preetz an und erzählt etwas von Mannschaft mit Perspektive und vor allem toller Jugendarbeit und so weiter. Jetzt arbeitet er eineinhalb Jahre hier und stellt fest: So toll ist das mit der Jugend gar nicht…

Liebke: …was die letzten drei Trainer alle gesagt haben…

Polai: ….so, und dann stellt sich bei ihm eine Enttäuschung ein. Das ist doch ganz normal. Jetzt fühlt er sich vielleicht ein wenig im Stich gelassen, wenn er hört, es gibt keine neuen Spieler.

Morgenpost Online: Was muss geschehen, damit die Geschichte noch gut ausgeht?

Wendorf: Babbel müsste den ganzen Ablauf auf seine Kappe nehmen und sagen: Das Ding habe ich verbockt, mea culpa. Und da bin ich mir nicht sicher, ob er das Rückgrat dazu hat, oder besser: Ob seine Mentalität es zulässt.

Polai: Wenn Babbel eine Königsidee hat, wie er die letzten Wochen erklären kann, könnte es gehen.

Krüger: Die Erklärung kann aber nicht sein: Ich bin nicht dazu gekommen, darüber nachzudenken.

Stellert: Warum nicht? Für eine solche Entscheidung braucht er Ruhe. Die hat er nicht, der Mann will den Pokal gewinnen. Er sagt sich: Ich muss die Mannschaft so einstellen, dass wir Lautern kurz vor Weihnachten aus dem Stadion schießen! Danach kann ich über mich nachdenken.

Polai: Wenn er das mit so viel Feuer vorträgt wie du gerade, wäre die Sache für mich erledigt.

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