Raffael war außer sich vor Wut. Der sonst so introvertierte Brasilianer hatte rote Augen und donnerte eine Plastikflasche auf die Stufen, die in die Katakomben des Olympiastadions führen. 0:1 (0:0) hatte Hertha BSC das „Abstiegs-Endspiel“ gegen den 1. FC Köln verloren. Was hilft es, dass die Berliner die klar bessere Mannschaft waren, zwei Pfostenschüsse hatten und einen Elfmeter nicht bekamen? Unter dem Strich steht die zehnte Niederlage im zwölften Saisonspiel. Damit ist Herthas Abstand auf die Nicht-Abstiegsplätze auf sechs Punkte angewachsen.

„Das war eine sehr, sehr unglückliche Niederlage“, sagte Trainer Friedhelm Funkel, „ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Uns fehlt das Quäntchen Glück, auch mal in Führung zu gehen. Die Situation sieht im Moment nicht gut aus.“

Das waren keine rhetorischen Floskeln. Aus der Statistik lässt sich ablesen, was die 48.623 im Olympiastadion gesehen hatten: 16:2-Torschüsse, 8:1-Ecken, 55 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Der Hauptstadt-Klub hatte viel investiert, stand am Ende aber einmal mehr mit leeren Händen da.

Wenn es ein Sinnbild für Hertha in dieser Saison braucht, ist es Raffael. Der Stürmer, diesmal im offensiven Mittelfeld aufgeboten, führte alle Hertha-Statistiken an: Die meisten Torschüsse (5), die meisten Vorlagen (4), die meisten Ballkontakte (79). Ebenso unfassbar wie die beiden Gegentore, die die Berliner gegen den HSV nach den unbeabsichtigten Vorlagen von Ersatztorwart Sascha Burchert kassiert hatten (Endstand 1:3), war die Doppelchance für Raffael gegen Köln. Der Gegner hatte sich durchgehend vor dem eigenen Tor verschanzt, als es dem 24-Jährigen endlich gelang das Bollwerk zu durchbrechen. Doch der erste Raffael-Schuss aus 17 Metern prallte gegen den rechten Pfosten, der Abpraller landete erneut bei ihm, diesmal traf er den linken Pfosten – zweimal Aluminium binnen sechs Sekunden (40.). Fortuna ist keine Hertha-Freundin.

Dass die Kölner für ihre uninspirierte Leistung am Ende mit drei Punkten belohnt wurden, war sogar Lukas Podolski peinlich: „Das war ein Sechs-Punkte-Spiel. Aber so viel Glück kann man nicht jedes Wochenende haben.“

Zum Kölner Glück gehörte, dass der schwache Schiedsrichter Babak Rafati keinen Elfmeter für Hertha gab, als Kevin Pezzoni eben Raffael im Strafraum von den Beinen holte. Auch der Freistoß, der dem Tor des Abends vorausging, war eine Fehlentscheidung von Rafati. Dass der Ball jedoch im Hertha-Tor landete, müssen sich die Berliner selbst zuschreiben.

Den weiten Freistoß von Podolski – der Nationalspieler war ansonsten im kompletten Spielverlauf nicht zu sehen – köpfte Milivoje Novakovic ein, 0:1 (79.), es war die einzige Chance für den FC in der gesamten Partie. Hier machte dessen Gegenspieler, Artur Wichniarek, keine glückliche Figur.

Nach dem Rückstand brachte Funkel mit dem nicht vollständig genesenen Gojko Kacar seinen letzten Joker. Das Bild blieb gleich: Hertha drängte in dem Geduldsspiel vehement. In der Schlussminute schaltete sich sogar Torwart Drobny im gegnerischen Strafraum in den Sturmlauf ein – allein, der ersehnte Treffer wollte einfach nicht fallen.

Kölns Trainer Zvonimir Soldo sagte, er werde sich nicht entschuldigen für diesen Sieg. „Es war das typische Spiel zweier Mannschaften, die unten stehen.“

Für Hertha steht unter dem Strich: Die Mannschaft hat seit 441 Minuten kein Bundesliga-Tor erzielt. Der letzte Saisonsieg liegt ein Vierteljahr zurück (1:0 gegen Hannover am 8. August). Vier Punkte nach einem Drittel der Saison – das ist die Bilanz eines Absteigers.

Dennoch gaben sich die Verantwortlichen kämpferisch. Trainer Funkel sagte: „Bildlich gesehen liegen wir am Boden. Aber wir stehen auf, davon bin ich nach dieser Leistung überzeugter denn je.“ Auch Manager Michael Preetz sagte: „Das war ein extrem bitterer Abend. Uns fehlt das Glück. Wir haben in den ersten zwölf Spielen alles mitgenommen, aber das wird irgendwann ein Ende haben. Wir kommen wieder.“

Hertha weht ein eisiger Wind ins Gesicht. Das wird mit Blick auf die nächsten Termine – am 21. November geht es nach Stuttgart, am 29. kommt Eintracht Frankfurt, am 30. November steht die Mitgliederversammlung an – so bleiben. Sonntagabend war nur einem warm – dem „Flitzer“, der nach 70 Minuten von drei Ordern niedergerungen wurde. Er sorgte wenigstens für etwas Heiterkeit im kühlen Rund.