Zweite Liga

Warum Hertha BSC aufsteigen muss

Für kaum ein Team ist der Aufstieg so wichtig, wie für die Berliner. Misslingt das Ziel, droht Hertha BSC zu einer durchschnittlichen Zweitliga-Mannschaft zu werden. Der Druck auf alle Beteiligten wächst.

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Mitunter haben gute Nachrichten es aber auch nicht leicht. Sie können noch so gut sein – es wird sich trotzdem kaum jemand wirklich über sie freuen. Die gute Nachricht in diesem Fall also: Hertha BSC wird in jedem Fall die Lizenz für die Saison 2011/12 erhalten – auch bei einer Teilnahme in Liga zwei. Eine noch nicht konkret zu benennende Geldquelle wird acht Millionen Euro an frischem Kapital in den Verein pumpen. Womit die Zukunft des Klubs unabhängig vom Ausgang der laufenden Saison zumindest auf absehbare Zeit rein faktisch gesichert ist.

Aber ist das allein schon ein Grund, sich zu freuen?

Nein. Denn der Aufwand, den Hertha BSC nach dem bitter beweinten Abstieg in dieser Spielzeit betreibt, lässt sich in dieser Form genau einmal darstellen. Zusätzliche Millionen hin oder her – erfüllt das kickende Personal in der am Montag mit dem Auswärtsspiel in Oberhausen beginnenden Rückrunde nicht die ihm auferlegte „Mission Wiederaufstieg“, hätte zu erfolgen, was Präsident Werner Gegenbauer als „Redimensionierung“ bezeichnet hat: „Es müsste dann Einschnitte in allen Bereichen geben, natürlich auch beim Kader. Hertha wäre dann erst einmal ein normaler Zweitligist.“ Es würde, sagt Gegenbauer zwar auch, „auch dann weitergehen“. Das Wie mag sich indessen niemand so recht vorstellen. Und so lastet gewaltiger Druck auf jenen, die es in letzter Konsequenz zu richten haben: Mannschaft, Trainer, Manager.

Druck auf die Mannschaft: 33 Punkte aus 17 Spielen, Tabellenplatz zwei nach der ersten Saisonhälfte – und doch gilt für fast alle(s) und jeden der Standardsatz von Kapitän Andre Mijatovic: „Es ist noch Luft nach oben.“ Denn obgleich Hertha den reinen Zahlen nach auf Kurs liegt, haben so viele Akteure noch reichlich Steigerungspotenzial. Die Außenverteidiger Christian Lell und Levan Kobiashvili etwa. Lell, weil er nach langer Spielpause in der Hinrunde 17-mal volle 90 Minuten lang Zeit bekam, Defizite aufzuarbeiten. Bei Kobiashvili fand es auch Trainer Markus Babbel „überraschend, dass er nicht sofort die Form gefunden hat“. Aber für den Georgier gelte, was Babbel dem Kollektiv attestiert: „Jetzt sind alle körperlich robuster.“ Fortan wird von den Außenverteidigern erwartet, dass sie mehr anbieten als nur solides Spiel.

Mehr beitragen – das würden gern Ronny und Fabian Lustenberger, zwei, die aus unterschiedlichen Gründen in der Hinrunde kaum zum Einsatz gekommen waren. Ronny, weil er sich bei seinem neuen Verein erst stark übergewichtig vorgestellt hatte und es dann lange Zeit dauerte, ehe er Babbels Fitnessansprüchen genügte. „Jetzt“, sagt der Trainer, „haben wir ihn ungefähr dort, wo wir ihn uns von Anfang an vorgestellt haben.“ Auch Lustenberger werfen ein ums andere Mal körperliche Defizite zurück, den schmalen Mittelfeldspieler allerdings nie in Form zu vieler Pfunde. Stattdessen streiken regelmäßig seine Knochen oder die diese umgebende Muskulatur. Aktuell pausiert er wegen einer vergleichsweise harmlosen Verhärtung im Oberschenkel. Ein austrainierter Ronny hätte ebenso positive Auswirkung auf die Kultur im Spiel von Hertha BSC wie ein dauerhaft verfügbarer Lustenberger der defensiven Ordnung guttut.

Erweitern lässt sich die Liste derer, die mehr leisten müssen, um die beiden teuersten Spieler im Kader. Der Gang in Liga zwei bedeutete für Raffael und Adrian Ramos ein nicht unerhebliches Risiko. Doch wo der Brasilianer Raffael es aus freien Stücken einging, weil er helfen wollte, das angerichtete Unglück wiedergutzumachen, musste der Kolumbianer Ramos dazu per Vertragsklausel gedrängt werden. Als einziger Spieler erhält er auch in der Zweiten Liga sein bisheriges Erstliga-Gehalt; nur so war Ramos zu halten, der Hertha andernfalls ablösefrei verlassen hätte. Nun haben er und Raffael viel zu verlieren. Ihr Selbstverständnis ist es, gute bis sehr gute Bundesliga-Spieler sein zu können. Ehe sie dies wieder nachweisen dürfen, müssen sie eine Liga tiefer den Unterschied ausmachen. Dass sie dazu in der Lage sind, wiesen sie in der Hinrunde allzu selten nach, und so wird die zweite Saisonhälfte auch wesentlich über ihren zukünftigen Marktwert richten.

Druck auf den Trainer: Für niemanden jedoch ist die Ausgangslage so gnadenlos wie für Markus Babbel. Nur beim Aufstieg verlängert sich der zunächst bis Saisonende befristete Vertrag des 38-Jährigen. Andernfalls wäre Babbel, dieses viel versprechende Trainertalent, gescheitert – in Berlin ganz sicher und nach seiner vorausgegangenen Entlassung in Stuttgart womöglich auch schon als Trainer an sich. Wobei er, dieser grenzenlose Optimist, seinen Status quo nach außen hin noch hoffnungsfroh darstellt. „Ich sehe Berlin eher als Chance, mich als Trainer zu etablieren, denn zu scheitern.“ Der ihm und seinen Spielern übertragenen Verantwortung und den Erwartungen von beinahe ganz Berlin gerecht zu werden sei eine große Herausforderung, die zu meistern sein Antrieb sei. Dazu muss Babbel eines liefern: positive Resultate. Siehe Rob Friend, dieser Stürmer in der Dauerkrise – Rücksicht auf Namen kann Babbel nicht nehmen, jedenfalls nicht sehr lange.

Druck auf den Manager: Andernfalls, das weiß Babbel, wird sein Vorgesetzter Michael Preetz sich erst recht keine Sentimentalitäten leisten können. Das für Zweitliga-Verhältnisse meiste Geld hat der Manager nach allseitiger Expertenmeinung zum stärksten Kader der Spielklasse geformt. Dieses Kapital muss zurück in die Bundesliga – wie auch immer. Zur Durchsetzung dieser Vorgabe wird Preetz mit maximaler Verfahrenshärte agieren. Hält das von einem Kreuzbandanriss dauerhaft geschädigte Knie von Torwart Maikel Aerts der Belastung Stand? Beim ersten Anflug von Zweifel aber wird Preetz nicht zögern und Ersatz verpflichten. Verpflichten müssen. Erst recht Babbel: Liefert der Trainer nicht auf Anhieb und regelmäßig positive Resultate, wird Preetz auch an dieser Stelle reagieren. Reagieren müssen.

Zwar betont Preetz, wie harmonisch sich das Miteinander mit Babbel gestalte; wie bemerkenswert hoch im Sommer die Quote ihrer Übereinstimmung in der Beurteilung von Sach- und Personalentscheidungen war und welchen Unterschied er darin im Vergleich etwa zum ewig zaudernden Lucien Favre erkenne. Doch am Ende des Tages ist auch Preetz noch immer nur: ein hoffnungsvolles Managertalent. Den Abstieg in seinem ersten Amtsjahr bekam er verziehen; doch nur, wenn auch seine Arbeit dazu beiträgt, den Schaden zu reparieren, hat der gebildete und eloquente Preetz in seiner Funktion eine Zukunft.

Druck auf den Verein: Mannschaft, Trainer, Manager – und damit der gesamte Verein. Hertha BSC, das einen Kader hat, der den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit nach nicht nicht aufsteigen kann, steht als Gesamtes erheblich unter Druck. Die Unterstützung durch das Publikum findet Trainer Babbel „einmalig“, und das ist sie zumindest europaweit auch tatsächlich. Kein anderer Zweitligist auf dem Kontinent verzeichnet einen vergleichbaren Zuschauerzuspruch wie Hertha, dessen Heimspiele durchschnittlich fast 40000 Fans anziehen. In der Rückrunde wird dieser Zuspruch, das lässt sich annehmen, noch deutlich zunehmen. Gelingt dann die ersehnte Rückkehr in die Bundesliga, wird der Verein Mitte Mai auf eine erfolgreich bewältigte Zäsur zurückblicken dürfen. Intern wäre der Verein in seinen Strukturen verschlankt. Im Bereich Spielerpersonal würden durch fast ein Dutzend in dieser Saison geformter Eigengewächse erhebliche neue Werte geschaffen. Weiter wäre obendrein das ewige Vorurteil entkräftet, die Bewohner dieser Stadt würden sich im Fußball für alles, nur nicht für Hertha BSC interessieren.

Bleibt die Sehnsucht nach dem Aufstieg aber unerfüllt, wird das den Verein vor eine Zerreißprobe stellen, deren Ausmaße sich niemand vorstellen möchte.

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