Fußball

So sieht Herthas Trainingslager-Bilanz aus

2:0 gegen Zwolle, 2:1 gegen Lüttich – nicht nur von den Ergebnissen war Herthas Trainingslager in Portugal erfolgreich. Morgenpost Online zeigt, welche Erkenntnisse die sieben Tage gebracht haben.

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Die Regie des letzten Abends lag einmal nicht bei Markus Babbel, dem Chef de Mission bei Hertha BSC. Stattdessen hatte Andre Mijatovic, der Kapitän, ein nettes Programm erstellt, und so zogen er und die Kollegen am Samstag gemeinsam durch ihre finale Nacht an der Algarve. Sonntagnachmittag flog der blau-weiße Tross zurück nach Berlin, heute in genau einer Woche beginnt die zweite Hälfte von Herthas Bewerbung um die Rückkehr in die Bundesliga.

Eine Woche lang hat der Zweitligist unter der Sonne im Süden Portugals an seiner Verfassung gearbeitet. Zwei Testspielsiege sind der beste Indikator für eine gute Frühform, doch über ein 2:0 gegen Hollands Zweitligisten Zwolle und das schon deutlich aussagekräftigere 2:1 im Härtetest gegen Belgiens Erstligist Standard Lüttich hinaus, lässt sich ein gelungenes Trainingslager konstatieren.

Maikel Aerts besteht den Test: Die wichtigste Botschaft der sieben Tage von Portimao sandte Maikel Aerts. Das rechte, von einem Kreuzbandanriss seit Mitte Oktober auf gefährliche Weise geschädigte Knie des Holländers hat die Belastung widerstandslos verkraftet. Mit jedem Tag steigerte der 34-Jährige die Intensität seines Trainingsprogramms, gegen Lüttich feierte er nach zehnwöchiger Absenz ein 55-minütiges Comeback im Tor. Weit über Aerts' sportlichen Wert hinaus ist das eine gute Nachricht. Nicht nur als Torwart ist er für diese doch sehr junge Mannschaft von Bedeutung, sondern auch und gerade als Typ. Denn Aerts dient auch als Beispiel dafür, wie sich Schmerzen mit viel Willen ertragen lassen. Diesem Beispiel leisteten die Kollegen brav Folge. „Wir haben ein hartes Programm durchgezogen“, sagt Babbel, aber begeistert durfte Manager Michael Preetz feststellen, „dass sich kein einziger Spieler hat hängen lassen. Niemand hat sich mal eine Auszeit genommen.“ Aerts, dem das Wort Auszeit sogar eine Qual für seine Ohren ist, dirigierte seine Vorderleute gegen Lüttich laut und leidenschaftlich wie eh und je. Er ist ihnen mit seiner markanten Reineisenstimme eine wichtige Orientierung auf dem Platz. Bei Aerts darf die Mannschaft sich gut aufgehoben fühlen. Und für Preetz steht fest: „Das Thema Torwartsuche ist für uns ad acta gelegt.“

Sorgen in der Abwehr: Viel weniger Klarheit herrscht im Abwehrzentrum. Gegen Oberhausen werden beide etatmäßigen Innenverteidiger – Mijatovic und Roman Hubnik – wegen Sperren fehlen; der Kapitän sogar auch noch im folgenden Heimspiel gegen Düsseldorf. Doch kein einziges Mal hat Babbel mit Sebastian Neumann und Fabian Lustenberger bislang jenes Pärchen testen können, von dem auszugehen ist, dass er es kommenden Montag bevorzugt einsetzen würde. Wegen einer Verhärtung der Oberschenkelmuskulatur konnte Lustenberger wieder einmal nur eingeschränkt trainieren und in keinem der beiden Testspiele mitwirken. Stattdessen kam Dauerreservist Kaka zu überraschend vielen Einsatzminuten – aber wies dabei mit einigen groben Patzern nach, weshalb er bei Hertha niemals zu einer ernsthaften Alternative auf einer so sensiblen Position wie der des Innenverteidigers wird avancieren können. Einer finalen Formüberprüfung unterzieht Hertha sich am Mittwoch gegen Drittligist SV Babelsberg. Bei diesem Test unter Ausschluss der Öffentlichkeit hofft Babbel, Neumann und Lustenberger spielen lassen zu können. Und wenn wieder nicht? „Dann holen wir uns die Abstimmung eben im Training“, sagt Lustenberger lapidar. Zusammen gespielt hätten sie sowieso schon einmal, und das durchaus erfolgreich: Mit Herthas U23 gewannen sie in der Regionalliga in Magdeburg mal 2:1.

Zwei Neue für Babbel: Patrick Ebert hatte der Trainer schon früh als einen sehnsüchtig erwarteten Zugang im Winter bezeichnet. Nach seinem während der Sommervorbereitung erlittenen Kreuzbandriss stellte sich der Mittelfeldspieler in Portugal planmäßig nun wieder vollends im Kreise der Kollegen vor – und heimste sogleich das Lob seines Vorgesetzten ein. Es sei „fantastisch, wie Patrick nach fünf, sechs Monaten Pause auf Anhieb keinerlei Probleme hat“, lobte Babbel. Aber nicht nur in Ebert hat der Trainer im ohnehin schon stark besetzten Mittelfeld eine Alternative mehr. Auch Daniel Beichler, jener Österreicher, der gleichfalls erst lange verletzt gewesen war und sich dann durch ein törichtes Interview noch zusätzlich ins Abseits gedribbelt hatte, hat im neuen Jahr die Chance zum Re-Start genutzt. „Zeigt alles, macht alles“ – diese Vorgabe Babbels vor ihrem 35-Minuten Einsatz gegen Lüttich nutzten Ebert und Beichler, aber auch Marvin Knoll eindrucksvoll. In der Kürze der Zeit waren die drei maßgeblich an beiden Berliner Toren beteiligt. Beichler erzielte nach Freistoß-Hereingabe von Ebert per Kopf das 1:0. Vor dem 2:0 flankte Knoll den Ball auf Zuspiel von Ebert derart scharf nach innen, wie das bei einer Flanke idealerweise zu geschehen hat, Beichler brachte ihn per Kopf zu Torschütze Pierre-Michel Lasogga. Zeigt alles, macht alles – „das haben sie klasse gemacht“, stellte Babbel zufrieden fest. Es gibt schlechtere Perspektiven für einen Trainer, als solche Alternativen wie Ebert, Beichler oder Knoll auf der Bank sitzen zu haben.

Freud und Leid der Stürmer: Rob Friend verließ staunend die Anlage des Amendoeira Sports Club in Silves. „Dieser Junge hört einfach nicht auf Tore zu schießen“, sagte der Kanadier, dessen Job an sich eben jenes Schießen von Toren ist. Nur will der erfolgreiche Abschluss ihm derzeit einfach nicht gelingen, dafür umso mehr aber jenem Lasogga, der Friend in der Position als vorderste Spitze mehr und mehr bedrängt. Sowohl gegen Zwolle, als auch gegen Lüttich traf der 19-Jährige je einmal. Das bringt Lasogga auch jene neidfreie Bewunderung durch Friend ein, die dem 29 Jahre alten Platzhirsch wiederum größten Respekt der Kollegen verschafft. In den Tagen des Trainingslagers redete Friend sich in bemerkenswerter Offenheit den Frust von der Seele („Ich kann mich schon gar nicht mehr an meine letzte Torchance erinnern, und das ist das Schlimmste, was einem Stürmer passieren kann“), klagte dabei aber niemanden außer sich selbst an. Sagt aber auch: „Mein Kopf bleibt oben. Ich denke positiv, ich gebe nicht auf.“ Dagegen fallen Lasogga die Tore zum Teil regelrecht in den Schoß, wie jenes aus gut 30 Metern erzielte gegen Zwolle, als er den Ball mehr schlecht als recht gen Tor schaufelte und der dem Torwart einigermaßen unerwartet durch die Hände flutschte. Aber Lasogga erarbeitet sich seine Erfolgserlebnisse auch; durch nimmermüdes Engagement bei jeder Übungseinheit im Training genauso wie in den Spielen, wo er jedem noch so aussichtslos erscheinenden Ball nachsetzt. Fraglich nur, ob Babbel das Risiko eingeht und jetzt voll auf die Karte Lasogga setzt. Für Friends fragile Psyche wäre das ein weiterer Nackenschlag, doch ganz ohne den Königstransfer des Sommers wird Hertha die Mission Aufstieg kaum meistern.

Das Lächeln des Trainers: Viele Besetzungs- oder Taktikfragen muss Babbel jetzt noch nicht beantworten können. Die Mannschaft wirkt insgesamt weiterentwickelt und um einige personelle Alternativen bereichert. Die Malaise in der Innenverteidigung wird zwei Spiele lang zu erdulden sein. Einem wahren Luxusproblem sieht sich der Trainer dagegen in der Offensive ausgesetzt. Mit Raffael, Ronny, Ramos, Rukavytsya, Domovchiyski, Ebert, Beichler, Djuricin und Knoll bewerben sich wenigstens neun hochgradig veranlagte Spieler um maximal vier freie Plätze – und fast alle können sie von links über die Zentrale bis nach rechts auf jeder Position spielen. Das erzeugt ein fast unendliches Potenzial an Variationsmöglichkeiten. Es kann aber auch für Frust bei all jenen sorgen, die (auf Dauer) nicht zum Zuge kommen werden. Daran aber will Babbel nicht denken. Er sagt stattdessen: „Das Trainingslager ist optimal gelaufen. Jeder Spieler, der hier war, drängt in die Mannschaft. Etwas Schöneres kann ich mir als Trainer nicht wünschen.“

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