Der Schenckendorff-Platz ist weitläufig. Das Trainingsgelände von Hertha BSC bietet zwei Spielfelder in der Originalgröße des Olympiastadions. Dahinter gibt es zwei weitere kleine Plätze. Friedhelm Funkel stand in der Oktober-Sonne mitten auf dem grünen Areal, der neue Cheftrainer hatte viel Raum für sich. Hinten links hinter dem Absperrnetz trainierten sieben Reservisten mit Cotrainer Christoph John. Die zweite Kleingruppe mit sieben Spielern, die beim 1:3 (1:3) gegen den Hamburger SV gespielt hatten, joggte um das Gelände.
Gleich elf Profis sind für zwölf Tage auf Länderspiel-Reisen, darunter mit Kapitän Arne Friedrich, Pal Dardai, Gojko Kacar und Steve von Bergen fast alle Schlüsselspieler. Funkel hat den Bundesliga-Letzten erst am Sonnabend übernommen. Doch die siebte Niederlage der Blau-Weißen in Folge führt unbarmherzig vor Augen, wie es um Hertha BSC in diesem Herbst bestellt ist.
Das Problem im Tor
Als zu groß hat sich mittlerweile das Risiko herausgestellt, das Manager Michael und Ex-Trainer Lucien Favre im Sommer auf der Torwart-Position eingegangen sind. Für den Tschechen Jaroslav Drobny (29) gibt es keinen gleichwertigen Ersatz im Kader. Jung-Keeper Sascha Burchert (19) hat weder die 0:4-Pleite zu seinem Ligadebüt gegen den SC Freiburg zu verantworten noch das ebenso kuriose wie bittere 1:3 gegen den HSV. Aber er hilft der Mannschaft derzeit nicht. Ebenso wenig wie der nachverpflichtete Timo Ochs, der beim Hamburger Ausgleich gemeinsam mit Manndecker Kaka schlecht aussah. „Da fehlte es an der Kommunikation“, sagte Trainer Funkel. Wie lange diese Achillesferse bestehen bleibt, ist offen. Derzeit fallen Drobny, Ochs und Christopher Gäng, der dritte Torwart, verletzt aus.
Der fehlende Abwehrchef
Nirgends wurde in dieser Saison so viel experimentiert wie in der Abwehr. Gegen den HSV gab es eine neue Variante mit Friedrich auf der rechten Seite. Unter dem Strich ist das Ergebnis stets das gleiche: Die Defensive ist labil und fehleranfällig. 20 Gegentore sind Negativwert der Liga. In 14 Pflichtspielen vermochte Hertha lediglich einmal zu Null zu spielen (1:0 gegen Hannover). Seit dem Abgang von Josip Simunic fehlt der Abwehrchef. Insbesondere Kapitän Friedrich vermochte bisher nicht diese Rolle auszufüllen. Doch der Klassenerhalt wird nur zu erreichen sein, wenn Hertha Stabilität in der Defensive erlangt. So wie es aussieht, werden die Berliner im Winter einen Abwehrchef holen müssen.
Stürmer ohne Tore
Die Bilanz ist Besorgnis erregend. Die als Goalgetter verpflichteten Artur Wichniarek und Adrian Ramos sind nach einem Viertel der Saison ohne Bundesliga-Tor. Außer Raffael (ein Treffer beim 1:5 in Hoffenheim) hat kein Stürmer getroffen. Was nicht nur ein Problem der vordersten Reihe ist. Die Kombinationssicherheit der Vorsaison ist verloren gegangen. Aus dem Mittelfeld werden kaum Chancen erarbeitet. Maximilian Nicu und Cicero sind außer Form, Kacar nach einer Verletzung noch nicht wieder in Form. Pech war, dass der gerade ausgeliehene Florian Kringe nach wenigen Minuten mit einem Fußbruch bis Mitte November ausfällt. Prognose: Im Mittelfeld muss Hertha auf den Faktor Zeit und Gesundung hoffen, dann sollte die Qualität hier für den Klassenerhalt reichen. Hält die Durchschlagsschwäche indessen im Angriff an, müssen die Berliner im Winter nachrüsten.
Viele Aufgaben für Funkel
Funkel (55) ist der neue Trainer von Hertha, aber ein alter Hase im Überlebenskampf. Das oberste Gebot lautet: Realismus bei der Lagebeschreibung und gleichzeitig Selbstvertrauen ausstrahlen. Deshalb formuliert Funkel: „Das Selbstvertrauen in der Mannschaft ist im Moment etwas versteckt.“ Er verspricht dem bisher glücklosen Wichniarek nach einem Einzelgespräch: „Es ist eine schwierige Phase für Artur, aber er wird nicht fallen gelassen.“ Er lobt seinen Vorgänger. „Die Mannschaft ist konditionell in einem guten Zustand. Trotzdem wird es nur in kleinen Schritten aus der Misere gehen: arbeiten, arbeiten, arbeiten.“
Das ist Funkels Job: Zuversicht verbreiten. Selbst unter den Umständen, die ein Arbeiten schwer machen. Etwa die Abwesenheit fast aller Nationalspieler. Also ist um die Ecke denken angesagt. Das sei natürlich schade, parliert Funkel. „Aber einige haben die Chancen, mit Erfolgserlebnissen zurückzukommen.“ Friedrich, Kacar und von Bergen können mit ihren Teams jeweils das Ticket für die WM 2010 lösen. „Wenn sie mit positiven Emotionen zurückkehren, kann das auch uns helfen.“
Was Funkel meint: Die meisten Spieler werden am Donnerstag, zwei Tage vor der Partie beim 1. FC Nürnberg erwartet. Adrian Ramos kehrt erst am Freitag aus Kolumbien zurück. Überhaupt, gegen den Vorletzten Nürnberg muss Hertha dann aber unbedingt gewinnen, oder? Antwort Funkel: „Am achten oder neunten Spieltag bin ich mit dem Wort ‚muss' vorsichtig. Dafür ist die Saison zu lang.“ Auch das ist eine von Funkels Hauptaufgaben: Druck von der Mannschaft nehmen. Es ist schwer genug.


