Die traditionelle Schonfrist war bereits nach 99 Tagen beendet. Michael Preetz wird die Lektüre des Pressespiegels am Montag wenig Vergnügen bereitet haben. „Hertha im Quartett der Versager“ (Spiegel Online), „Hertha auf dem Hosenboden“ (Morgenpost), „Hertha zu 40 Prozent abgestiegen“ (Bild) „Favre soll zurücktreten“ (BZ). Vier Niederlagen aus fünf Spielen, Platz 17 – die Krise erwischt den Berliner Bundesligisten zu einem ungünstigen Zeitpunkt.
Hertha ist dabei, sich neu aufzustellen. Am Dienstag exakt vor 100 Tagen wurde Preetz von Präsident Werner Gegenbauer zum starken Mann ausgerufen, nachdem die quälende Endphase der Ära Dieter Hoeneß Anfang Juni mit einer vorzeitigen „freundschaftlichen und einvernehmlichen Vertragsauflösung“ (so die offizielle Mitteilung) geendet hatte. Zeit für eine 100-Tage-Bilanz. Dass Preetz so rasch als Krisen-Manager gefragt ist, hat er sich nicht gewünscht. Aber nun schauen alle, wie der neue Geschäftsführer Sport damit zurechtkommt.
100 Tage hat er ohne Vertrag gearbeitet. Preetz: „Dazu sind wir nicht gekommen.“ Nun hat Hertha ihm einen Kontrakt bis 2012 vorgelegt. Die Unterschrift gilt als Formsache.
Begonnen hat es am Sonntag, dem 7. Juni. Nach sechs Jahren Wartezeit als Assistent und als Leiter der Lizenzspieler-Abteilung war der Weg für den heute 42-Jährigen frei.
Preetz pflegt einen neuen Führungsstil
Als erstes galt es, die am Ende unter Hoeneß schwierige oder nicht existierende Kommunikation in Gang zu bringen. Vor allem die Zusammenarbeit mit dem Trainer-Team. Co-Trainer Harald Gämperle beschreibt die Arbeit mit Preetz so: „Der Zugang ist direkter, die Rückmeldungen auf Anliegen unsererseits erfolgen schneller. Hoeneß zu erreichen, war manchmal schwer. Jetzt ist es effizienter geworden. Das erleichtert es uns; etwa bei der Realisierung von Transfers.“
Die Konzentration lag zunächst auf Zusammenstellung des Kaders. Auch wenn die „Süddeutsche Zeitung“ mäkelte, Hertha wirke „wie ein Gemischtwarenladen. Alles muss raus“ – dahinter stand eine Strategie. „Erst die Einnahmen sichern, dann Ausgaben machen“, sagte Präsident Gegenbauer. So brachte der Verkauf von Josip Simunic nach Hoffenheim nicht nur sieben Millionen Euro Ablöse. Das Gehalt des Kroaten aus dessen Vertrag bis 2011 mitgerechnet, war das ein Paket im Wert von zwölf Millionen Euro – zu Gunsten von Hertha.
Wie ein Kader zusammengestellt ist, beweist die Tabelle. Da kann man sagen: Wer Vorletzter ist, hat schlecht gearbeitet. Ziel eines Fußball-Klubs ist es nicht, sich zu Tode zu sparen. Man kann auch sagen: Wer ein finanziell schwaches Erbe bekommt, braucht Zeit zur Entwicklung. Mit Bengtsson (23), Pejcinovic (21) oder Ramos (23) wurden junge Spieler mit Perspektiven geholt. Pech ist, dass die gestandenen Profis nicht helfen. Florian Kringe (27) fällt verletzt aus. Und Artur Wichniarek (32) leidet, um es wohlwollend zu formulieren, an Eingewöhnungsschwierigkeiten.
Doch die Lage ist ernst. Preetz weiß um die Wirkung von Worten. Formulierungen wie „Abstiegsplatz“ oder „Kampf um den Klassenerhalt“ vermeidet er. Gleichwohl will er niemanden für dumm verkaufen. „Wir sind nicht blind. Drei Punkte aus fünf Spielen sind viel zu wenig.“ Preetz hat rasch gelernt, dass es nicht nur darum geht, was man macht. Ebenso wichtig: Wie wirkt es. Während Dieter Hoeneß gern eine Topmotorisierung von Autopartner Audi mit zehn oder zwölf Zylindern bewegte, fährt Preetz auch nach der Beförderung einen Mittelklasse-A6.
Geändert hat sich die Einrichtung im Chef-Büro. Die dunklen Schrankwände, das blaue Ledersofa aus der Hoeneß-Zeit sind verschwunden. Wer will, kann die weißen Büro-Möbel mit Chrom als Signal für den frischen Wind halten, der bei Hertha weht.
Politik der offenen Büro-Tür
Preetz sind solche Äußerlichkeiten nicht wirklich wichtig. Er setzt auf Signale wie seine so gut wie immer offene Büro-Tür. Die war beim Vorgänger zumeist geschlossen. Preetz erwähnt in jedem Gespräch, dass er mit Ingo Schiller, zuständig für Finanzen und Marketing, eine Doppelspitze bildet. Der Finanzchef hat etwas gebraucht, um sich in die neue Rollenverteilung einzufinden. Doch mittlerweile ist Vertrauen gewachsen. Neuerdings ist Schiller bei fast allen Verhandlungen dabei. „Da habe ich einen klugen Kopf mehr am Tisch“, sagt Preetz.
Beide Geschäftsführer leiten ein internes Projekt, mit dem Hertha seine Ressourcen besser nutzen will. Begleitet von der Unternehmensberatung RöverBrönner sollen die Angestellten bis Jahresende erarbeiten: Was macht die Marke Hertha aus? Was ist zu verbessern? „Es geht um Offenheit, Teamgeist, Transparenz. Da wollen wir alle mitnehmen“, sagt Preetz.
Zum Job gehört aber auch schwierige Momente. Etwa die Kündigungsgespräche mit Pressesprecher Hans-Georg Felder und Jurist Jochen Sauer. Preetz: „Das war nicht einfach.“ Insgesamt wird die neue Art der Kommunikation bei den Gremien positiv registriert. „Die Geheimnistuerei und Hektik der Hoeneß-Zeit ist vorbei. Es herrscht ein anderer Führungsstil“, sagt ein Mitglied des Aufsichtsrates.
Aber was hilft der schönste Führungsstil, wenn die Resultate ausbleiben? Sonntag gab es Krisengespräche mit dem Trainer und Führungsspielern. „Meine Aufgabe ist es, Impulse zu setzen“, sagt Preetz. „Ob Trainer, Spieler oder Umfeld: Wir alle sind gefordert, die negative Dynamik zu stoppen. Ich will Vertrauen geben.“
Als Profi hat er diverse Talfahrten erlebt, wie fühlt sich die Krise an, wenn man nun die Verantwortung für das Gesamte hat? Preetz: „Da schläft man schon unruhiger.“





