Die Mail aus Oslo machte Karl-Heinz Granitza sprachlos. Kürzlich schickte Sebastian Brück dem ehemaligen Spieler von Hertha BSC über das Internet Grüße aus der norwegischen Hauptstadt und berichtete in dem Schreiben Beachtenswertes. Der Sohn von Granitzas einstigem Mitspieler Holger Brück betreibt dort ein Fitness- und Wellnessstudio und hatte zufällig die angesehene US-Zeitschrift „Sports Illustrated“ gelesen. In einem Artikel listet das Magazin 25 Dinge auf, die im Sport am meisten vermisst werden. Platz acht belegt die von 1968 bis 1984 betriebene North American Soccer League (NASL), in der Granitza von 1979 bis 1984 spielte. In den 70er-Jahren lief auch die brasilianische Fußball-Legende Pele in der Liga auf, doch in dem Bericht heißt es, Granitza wäre für den US-Fußball wichtiger gewesen. „Als ich das las, habe ich mich sehr gefreut. Es zeigt mir, dass man mich nicht vergessen hat und mit harter Arbeit und Leidenschaft viel erreichen kann“, sagt Granitza.

Der 57-Jährige lebt mit seiner Frau Roswitha in Babelsberg. Hier ist er kein Prominenter. Bei den älteren Fans in den USA hingegen gehört er zu den berühmtesten deutschen Fußballern. Seit 2003 ziert sein Händeabdruck die „Hall of Fame.“ Er ist neben Franz Beckenbauer der einzige Deutsche, dem dies gelungen ist. In 225 Spielen erzielte er für Chicago Sting 141 Tore und bereitete 101 Treffer vor. Hinter dem Italiener Giorgio Chinaglia und dem Engländer Alan Willey ist er bis heute der drittbeste Torschütze.1982 wurde er in Chicago Sportler des Jahres, 1983 wählten ihn Fans zum meistgeachteten Athleten. „Michael Jordan belegte nur Platz zwei. Dass muss man sich mal vorstellen: Ich war beliebter als der legendäre Basketballer Michael Jordan von den Chicago Bulls.“ Der 16. April wurde zum „Granitza-Day“, weil er sich für karitative Zwecke einsetzte.

Dabei hatte er eigentlich nie vor, in die USA zu gehen. 1976 war er vom damaligen Zweitligisten SV Röchling Völklingen aus dem Saarland zu Hertha gewechselt und hatte sich bei den Berlinern schnell zum Leistungsträger entwickelt. In seiner ersten Saison schoss er 15 Tore, in der zweiten sogar 17. Mit der Mannschaft erreichte er 1977 und 1979 das Finale des DFB-Pokals. Ein Titel war ihm nicht vergönnt: Hertha verlor zuerst gegen den 1. FC Köln 0:1 und zwei Jahre später gegen Fortuna Düsseldorf 0:1 nach Verlängerung.

Granitza hätte mit Hertha gern einen neuen Anlauf gestartet, doch der Verein geriet in dieser Zeit wieder einmal in Geldsorgen. „Wenn die Zahlungsmoral des Vereins damals nicht so schlecht gewesen wäre, hätte ich vielleicht noch zehn Jahre für Hertha gespielt. Ich habe mich in Berlin immer sehr wohlgefühlt.“ Granitza verdiente bei Hertha in seiner ersten Saison 6000 Mark brutto. Für den finanzschwachen Klub wurde er zu teuer. Zunächst lieh Hertha ihn für 136.000 Mark an Chicago aus und finanzierte mit diesem Geld zwei Monatsgehälter für die Mannschaft. 1979 verkauften die Berliner Granitza für 660.000 Mark an die Amerikaner. „Das ging alles ganz schnell. Ich kam eines Tages nach Hause und mein Mann war weg“, sagt Roswitha Granitza.

Ihr Mann verdiente fortan 10.000 US-Dollar brutto und gewann 1981 mit Chicago die Meisterschaft. In den Spielen gegen Cosmos New York traf er damals auf Franz Beckenbauer, seine Mitspieler waren unter anderem die ehemaligen Herthaner Hans „Hanne“ Weiner, Arno Steffenhagen und Ingo Peters. „Es war eine wunderbare Zeit“, sagt Granitza.

1990 kehrte er nach Berlin zurück. Sich an das Leben ohne Spiele, ohne den Jubel der Fans zu gewöhnen, fiel ihm schwer. „Das war für mich hart. In den ersten Monaten spürte ich eine große Leere.“ In Berlin kennen ihn viele Fußballer. Im Rest von Deutschland wurde er aber nie so bekannt wie in den USA. „Beim Brötchenholen erkennt mich niemand.“ Etwas mehr Ruhm würde ihn nicht stören. Entscheidend ist es für ihn aber nicht.

Mit Hilfe seiner Familie schaffte er es, sich ein neues Standbein aufzubauen. Er eröffnete sein Restaurant „State Street“ in Charlottenburg, indem auf den Fernsehern meist Fußballspiele liefen. 1995 musste er schließen. Ein Nachbar hatte sich über den Lärm beschwert, jeden Abend stand die Polizei vor der Tür. „Es ging dann leider nicht mehr.“

Granitza zog es zurück in den Fußball. Vor zwei Jahren übernahm er als Trainer für sechs Monate die erste Herrenmannschaft seines ehemaligen Vereins SV Röchling Völklingen. „Die Truppe stand damals vor dem Abstieg aus der Verbandsliga. Das konnten wir dann zum Glück verhindern.“ Trainer wollte er aber nicht bleiben. Stattdessen heuerte er als Scout beim englischen Klub FC Chelsea an. Den Kontakt zum englischen Topklub stellte Rainer Bonhof her, der ehemalige Nationalspieler und Vizepräsident von Borussia Mönchengladbach. Ein Jahr lang sah sich Granitza Jugendspiele in ganz Ost- und Norddeutschland an und empfahl die besten Talente bei Chelsea. „Alle zwei Tage habe ich auf Englisch einen Bericht geschrieben und per Mail nach London geschickt.“ Granitza war in seinem Element. Es traf ihn hart, als im vergangenen Jahr ein Chelsea-Mitarbeiter anrief und ihm mitteilte, dass die Finanzkrise den Klub zu Sparmaßnahmen zwinge. Die Scouting-Abteilung werde drastisch verkleinert, sagte der Mann. Plötzlich war Granitza arbeitslos. Ein Karton mit den Chelsea-Visitenkarten steht immer noch in seiner Wohnung. Es sind mehrere hundert, in nur einem Jahr ließen sich längst nicht alle verteilen. Auch der Trainingsanzug mit dem Vereinsemblem hängt weiterhin im Schrank. „Schade, ich hätte das gern weitergemacht“, sagt Granitza. Für einen Moment blickt der sonst so fröhliche Familienvater traurig. Ihm ist anzumerken, dass die Tätigkeit im Jugendbereich ihm Spaß gemacht hat.

Doch aufgeben ist nicht seine Sache. „Viele Spieler aus meiner Generation nagen am Hungertuch. Für die Zeit nach der Karriere haben die meisten damals in ihrer Laufbahn nichts getan, das ist bei den Spielern heute ja anders.“ Er sei froh und stolz, drei Kinder großgezogen zu haben, glücklich verheiratet und weiter offen für neue Herausforderungen zu sein.

Seit zwei Wochen ist seine Website www.karlheinzgranitza.com online. Hier schreibt er nahezu täglich über den Fußball, besonders gern über Hertha. Dafür nutzt er auch den derzeit so angesagten Online-Dienst „Twitter“ – und schreckt vor Kritik nicht zurück. „Artur Wichniarek trifft keinen Möbelwagen“, hieß es kürzlich in einem seiner Artikel. Leser können die Beiträge kommentieren und so mit Granitza diskutieren. „Das Internet habe ich vor fünf Jahren entdeckt. Seitdem ist es mein Lebenselixier“, sagt Granitza lachend. Derzeit ist er auf der Suche nach Werbepartnern. Wenn er nicht am Computer arbeitet, spielt er in der Altliga-Mannschaft des SC Borsigwalde 1910 und besucht die Heimspiele von Hertha. Er hoffe, dass Talente wie Lennart Hartmann und vor allem Sascha Bigalke künftig öfter zum Einsatz kommen werden. „Dafür werde ich mich in meinen Internet-Berichten einsetzen.“ Auf seiner Website tippt er auch Spiele. Beim Länderspiel Deutschland gegen Aserbaidschan (4:0) vor einer Woche lang er mit seiner Prognose richtig. Und so hofft er, dass auch seine Vorhersage für Hertha zutrifft. „Die Mannschaft hat mit Lucien Favre einen ausgezeichneten Trainer. Ich traue ihr zu, dass sie es in dieser Saison unter die ersten Fünf schafft.“