Ein einziges A-Länderspiel ist eine vergleichsweise bescheidene Referenz. Wenn der Gegner dann auch noch Vereinigte Arabische Emirate hieß, sind dereinst nicht einmal leuchtende Enkelkinderaugen gewiss. Also reduziert sich Tobias Weis, Einmal-Auswahlspieler der TSG 1899 Hoffenheim, brav in die Rolle des Zuhörers. Bevorzugt lauscht er Josip Simunic. Über 70 Länderspiele hat der neue Mitspieler bestritten, „man sitzt manchmal da wie ein kleiner Fan, wenn er von einer Weltmeisterschaft erzählt“, gesteht Weis.
Seit dieser Saison profitiert Hoffenheim, die jüngste Mannschaft der Fußball-Bundesliga, von Simunics Erfahrung. Auch Christian Eichner, mit 26 Jahren der nach Simunic (31) zweitälteste Profi, „klebt an seinen Lippen, wenn Joe etwas erzählt“, und Abwehr-Nebenmann Marvin Compper glaubt: „Von ihm kann ich noch viel lernen.“
Für Simunic hat Hoffenheim "viel mehr Qualität"
Zuhören, lernen, staunen – bis vergangene Saison waren solche Vorzüge noch den Profis von Hertha BSC vorbehalten, zufällig einer ähnlich jungen Mannschaft wie der der TSG. Aber Simunic erzählte nicht nur; er war es auch, der die Berliner Sehnsüchte nach der Meisterschale maßgeblich befeuerte. Er regte die Träume der Tausenden vom Titel an, wenn er per Megafon in die Ostkurve rief: „Wenn jeder daran glaubt, können wir das Unmögliche schaffen.“
Glaube allein war zu wenig, das Unmögliche blieb: unmöglich. Inzwischen, so scheint es, kann Simunic selbst kaum mehr glauben, was er noch vor nicht allzu langer Zeit für möglich hielt. Nach wenigen Wochen im neuen Klub sagte Simunic in einem „kicker“-Interview: „Ich will Hertha nicht schlechtreden, aber ich finde, hier gibt es viel, viel mehr Qualität.“ Hoffenheims junge Spieler wüssten noch gar nicht, wie gut sie sind.
Wegen solcher Sätze beklagte Liga-Präsident Reinhard Rauball jüngst, dass er es „nicht mehr sehen kann, wenn Profis ihr Vereinsabzeichen auf dem Trikot küssen“ – eben weil niemals mehr auszuschließen ist, dass der Liebesschwur Wochen später an anderer Stelle ebenso inbrünstig wiederholt wird. Das Thema Glaubwürdigkeit im Profisport muss an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Aber im einen Moment war Hertha für Simunic noch das Nonplusultra, im nächsten lockte die ultimative Herausforderung. Seinen Abschied aus Berlin betrieb er mit einer Hartnäckigkeit, dass sicher spannend zu beobachten gewesen wäre, wie er ihn ohne die in seinem (bis 2011 gültigen) Vertrag festgeschriebene Ausstiegsklausel vollzogen hätte. Auch der Australo-Kroate ist Handelsreisender in Sachen Fußball.
Pantelic wird als "hervorragender Fußballer gelobt"
Nur eine Frage der Zeit ist sicher genauso, bis Marko Pantelic bei Hollands Renommierklub Ajax Amsterdam die Komplimente zurückgibt, die ihm bei seiner Vorstellung vergangene Woche gemacht wurden. Trainer Martin Jol lobte ihn als „hervorragenden Fußballer“, von dem kaum nachzuvollziehen sei, warum er nach erfolgreichen Jahren in Berlin und 45 Toren in 114 Bundesliga-Spielen nicht ein Folge-Engagement in Spanien, Italien oder England erhalten habe.
Dass es überhaupt so lange dauerte, ehe ein gefühlter Weltklasse-Stürmer wie Pantelic einen neuen Klub fand, das, so sagt der 30-Jährige in seiner ureigenen Art, „war nicht ein Problem von mir, sondern ein Problem der Vereine“. Aha.
Doch wie dem auch sei: Diejenigen Hertha-Helden 2008/09, die den Klub nach dem verpassten Triumphzug zum ersten Titelgewinn seit 1931 verließen, haben allesamt eine neue Heimat gefunden. Sofian Chahed, das Eigengewächs aus Zehlendorf, musste allerdings erst die Schattenseiten der Glitzerwelt Profi-Fußball kennen lernen, ehe er bei Hannover 96 unterschreiben durfte. Öffentlich will er nicht darüber sprechen, doch er erfuhr, dass „25 und Deutscher sein alleine nicht genug ist“. Oder lag die lange Zurückhaltung potenziell interessierter Klubs an Chaheds öffentlich gemachtem Unmut über Trainer Lucien Favre und den damaligen Manager Dieter Hoeneß? Diese zwei hätten ihn „verarscht“, weil sie ihm die versprochen geglaubte Vertragsverlängerung in letzter Konsequenz nicht gewährt hatten.
Voronin war angeblich "verliebt in Berlin"
Und dann ist da noch Andrey Voronin. Wieder gelangt man zum Stichwort Glaubwürdigkeit und zu einem eklatanten Mangel hieran. Was hatte der Ukrainer nicht alles erzählt: „Jeder Spieler braucht Vertrauen. Bei Hertha habe ich das vom Trainer und von den Mitspielern. Ich bekomme immer mehr Bälle. Die Jungs suchen mich. Das klappt wunderbar.“ In Berlin als Stadt hatten er und seine possierliche Gattin Yuliya sich obendrein „verliebt“ – wohl vor allem in das Nachtleben. Liverpool, das noch immer die Hälfte seiner vier Millionen Euro Jahresgehalt bezahlte, schien vergessen.
Ob seine zwischenzeitliche Treffsicherheit dort bemerkt würde oder nicht, ätzte Voronin Anfang März, auf dem Höhepunkt seiner Zeit in Berlin, das „interessiert mich nicht“. Mehr noch: „Es ist mir scheißegal, was die auf der Insel über mich denken.“ Am Ende hat Hertha sich Voronin nicht mehr leisten können (oder wollen). Prompt waren die Umzugskisten gepackt. „Dann gehe ich eben zurück“, sagte Voronin lapidar – und kann sich inzwischen wieder kaum etwas Reizvolleres vorstellen, als im tagtäglichen Wettstreit mit Spaniens Europameister Fernando Torres und den niederländischen Nationalspielern Dirk Kuyt und Ryan Babel um die Plätze im Angriff der „Reds“ zu stehen. Dafür nimmt er auch gerne in Kauf, dass er in den ersten vier Ligaspielen zusammengenommen nur 64 Minuten hat spielen dürfen.




