Für die Fans von Hertha BSC war es ein schaurig-schönes Bild: Arne Friedrich auf Knien, in Jubelpose nach dem 1:0 gegen Ghana, das Deutschland ins Achtelfinale brachte. Dort wartet nun England mit Wayne Rooney, dieser bei der Weltmeisterschaft noch torlose, aber für Friedrich nichtsdestotrotz „zurzeit beste zentrale Stürmer der Welt überhaupt“.

Einerseits darf es die blau-weiße Gemeinde freuen, dass inmitten der starken Fraktion des Beinahe-Triple-Gewinners FC Bayern ausgerechnet ein Herthaner zu den stärksten deutschen Kräften zählt. Andererseits haben die Fans des Hauptstadtklubs nicht die rätselhaft schwachen Leistungen ihres Kapitäns in der Abstiegssaison vergessen. Erst jetzt, im Nationaldress, ist Friedrich wieder der erwartete Führungsspieler – und doch ist es nicht zu spät: Je besser Friedrich in Südafrika für Deutschland verteidigt, desto höher steigt sein Marktwert, desto leichter fällt es Hertha-Manager Michael Preetz, von der Klausel Gebrauch zu machen, die die Gültigkeit von Friedrichs Vertrag auch nach dem Abstieg in Liga zwei über den 30. Juni hinaus erhält. „Anfang nächster Woche“, sagt Preetz, „wird das geschehen.“ Es zu tun, birgt Chancen und Risiken – für alle Beteiligten.

Für Arne Friedrich: Zieht Preetz die Option, hat der Berliner Spitzenverdiener zumindest theoretisch bis 2012 Vertrags- und auch Einnahmesicherheit – und damit ein starkes Argument gegenüber allen Klubs, die ihm weniger Jahressalär als jene bis zu 3,5 Millionen offerieren, die aktuell vereinbart sind. Andererseits hält dann Hertha auch mit Beginn des Monats Juli noch das Heft des Handelns in der Hand und kann entscheiden, welches Kaufangebot für Friedrich genehm ist – so denn solche überhaupt eingehen, und Preetz sagt: „Uns liegt nach wie vor nichts vor.“ Ein Restrisiko, mit Hertha in die Zweite Liga zu müssen, bleibt also – für Friedrich, der dem Vernehmen nach wie auch sein Berater Jörg Neubauer nicht mit einem vereinsseitigen Gebrauch der Option gerechnet hat, wäre es ein empfindlicher Karriereknick.

Für Hertha BSC: „Wir müssen im Laufe der Saison Transfererlöse erwirtschaften“, stellt Preetz klar, dass es Verkäufe geben wird – wenn nicht schon bis 31. August, dann spätestens zur Zeit der zweiten Transferphase in der Winterpause. Neben Friedrich, der sich als einziger des Trios noch auf der großen Bühne der WM präsentieren darf, sind auch Gojko Kacar und Adrian Ramos Ertrag versprechende Verkaufsobjekte. Doch Hertha macht sich durch den Schachzug des Optionsgebrauchs auch erpressbar – jedenfalls dann, wenn der Klub im Fall der Fälle nicht neue Geldquellen erschließt, die Friedrich finanzierbar machen. „Ziehen wir die Option, könnten wir das finanziell auch darstellen“, sagt Preetz mit breiter Brust. Allerdings sind bis jetzt nur 13,3 Millionen Personaletat veranschlagt und gegenüber der Deutschen Fußball-Liga (DFL) im Rahmen des Lizenzprüfungsverfahrens auch kommuniziert worden – dieses Budget reicht inklusive Friedrich keinesfalls aus. Eine Überziehung des Rahmens wird die DFL Hertha mit Blick auf den Schuldenstand von 36 Millionen nicht gestatten.

Für Kaufinteressenten: Herthas Krux ist für aufnehmende Klubs ein Trumpf. Je länger sie mit einem Angebot für Friedrich zögern, desto dringlicher wird die Berliner Not, neue Geldquellen zu erschließen – oder Friedrich doch ablösefrei ziehen zu lassen. Genau darauf spekuliert Dieter Hoeneß, ehemals Manager von Hertha BSC und in derselben Funktion jetzt beim VfL Wolfsburg. Ja, bestätigt Hoeneß, Friedrich gehöre für ihn und den neuen Trainer Steve McClaren „zu den interessanten Kandidaten im Defensivbereich“. Aber die wenigstens zwei bis drei Millionen Euro Ablöse, die Preetz sich für Friedrich erhofft, „wären nur im vergangenen Winter möglich gewesen“, kontert Hoeneß. „Jetzt ist eine solche Summe völlig illusorisch.“ Über alle für Hertha individuellen Risiken hinaus argumentiert er mit dem Fakt „eines typischen Käufermarktes in diesem Sommer: Es werden unglaublich viele Spieler angeboten. Wer sich, wie wir, punktuell verstärken will, muss keine unvernünftigen Dinge tun, sondern nur abwarten.“ Das sei schlecht für Spieler und ihre Berater und ebenso für verkaufswillige Klubs, sagt Hoeneß und zählt als prominente Beispiele Juventus Turin („sie wollen zehn Spieler abgeben“) und FC Liverpool („sie haben 60 Spieler unter Vertrag und wollen 25 abgeben“) auf.

Dieses Verhalten sei zum einen den Ausläufern der globalen Wirtschaftskrise geschuldet, aber auch Vorbote des Ende Mai vom europäischen Fußball-Dachverband Uefa beschlossenen „Financial Fair Play“. Mit diesem Konzept soll gegen das unkontrollierte Schuldenmachen vorgegangen werden. Von der Saison 2012/2013 an sind alle Vereine in Champions- und Europa League dazu verpflichtet, ein Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben zu erzielen.

Für Spieler wie Friedrich wird das zum Problem. Mehr denn je achten Klubs auf den Wiederverkaufswert von Profis. Mit seinen 31 Jahren ist die bei Friedrich kaum mehr gegeben.