Worum es geht, bekamen die sechs Neuen von Hertha BSC zu lesen, noch ehe sie das Vereinsgelände erreicht hatten. Auf der Steigung vor dem Trainingsareal hatten treue Fans über 30 Meter riesige Spruchbänder an die Zäune geheftet: „Zeiten ändern sich, Wege trennen sich. Doch etwas ist geblieben – die Liebe zum BSC. Wiederaufstieg 10/11“.

Nach dem bitteren Abstieg in die Zweite Liga stehen die Zeichen beim Hauptstadt-Klub auf Neustart. Da redete auch der neue Trainer, Markus Babbel, nicht drum herum. „Man kann nicht zu Hertha kommen und sagen: Schauen wir mal, wofür es reicht. Die Hauptstadt gehört in die Bundesliga, da wollen wir hin.“

Der Stichtag, um den es geht, ist der 15. Mai 2011. Spätestens nach dem letzten Spieltag will Hertha wieder erstklassig sein. Der Absteiger wird die Saison 2010/11 eröffnen. Am Freitag, dem 20. August, empfangen die Berliner im Olympiastadion Rot-Weiß Oberhausen. Am zweiten Spieltag geht es zu Fortuna Düsseldorf. Bereits in der vierten Runde steht das Lokalderby beim 1. FC Union an. „Ich bin froh, dass wir mit einem Heimspiel starten“, sagte Hertha-Manager Michael Preetz. „Wir haben zum Start interessante Gegner. Da wissen wir nach den ersten vier Spieltagen gleich, wo wir stehen.“

Kaum zu glauben, aber trotz des Debakels der vergangenen Saison herrscht rund um Hertha Aufbruchstimmung. 8000 Dauerkarten sind für das Zweitliga-Jahr verkauft, die Mitgliederzahl ist auf knapp 19.000 gestiegen. Zum Showtraining des neuen Kaders pilgerten rund 2000 Fans ins Amateurstadion.

Sie bekamen fast alle Neuen zu sehen: Maikel Aerts (von Willem II gekommen), Christian Lell (FC Bayern), Andre Mijatovic (Arminia Bielefeld), Sebastian Neumann (eigene Jugend), Ronny (Sporting Lissabon). Nur Pierre-Michel Lasogga (Bayer Leverkusen), der noch Urlaub hat, war nicht dabei.

Höchster Personaletat der Liga

Auf dem Papier ist Hertha in Liga zwei das Maß aller Dinge. Hat die potentesten Sponsoren mit der Bahn und Ausrüster Nike. Sämtliche Exkusivpartner sind trotz Abstieges geblieben, gestern verlängerten Audi und die Top-Radiovermarktung ihre Verträge. Hertha hat den höchsten Personal-Etat (15 Millionen Euro) und den stärksten Kader. „Wir haben alle Spieler gehalten, die wir halten wollten“, sagte Michael Preetz. Da kann man den Hertha-Manager durchaus beim Wort nehmen. 14 Spieler haben den Klub verlassen, aber intern wird selbst dem gerade bei der Weltmeisterschaft in Südafrika für Furore sorgenden Nationalspieler Arne Friedrich (zum VfL Wolfsburg) niemand eine Träne nachweinen.

Trainer Babbel warnt indessen vor trügerischer Sicherheit. „Wir haben die meiste Qualität bei uns. Aber entscheidend in der Zweiten Liga ist die Mentalität.“ Diesen Punkt hat er bereits in der ersten Teambesprechung am Vormittag vor dem obligatorischen Laktattest angesprochen. „Wenn wir uns nur auf unsere fußballerischen Fähigkeiten verlassen, werden wir Probleme bekommen.“ Auch Stürmer Rob Friend, der aus Gladbach sowohl die erste als auch die Zweite Liga kennt, sagte: „In der Bundesliga wird mehr Fußball gespielt, in der Zweiten Liga mehr gekämpft. Darauf müssen wir uns unbedingt einstellen.“

Dennoch strahlt der neue Übungsleiter Selbstbewusstsein aus. Auf die Frage nach den härtesten Konkurrenten im Kampf um die Aufstiegsplätze sagte Babbel: „Schwer zu sagen: der FC Augsburg, der VfL Bochum, Greuther Fürth. Es liegt an uns. Wenn wir unsere Qualität umsetzen, kann es nur heißen: Wer steigt nach Hertha auf?“

Die Fans gaben gestern ihre Sympathiebekundungen bei der Vorstellung der Spieler mit der Lautstärke des Applauses ab. Von den Neuen lagen Torwart Aerts und Torjäger Friend vorn, Publikumslieblinge aber waren Raffael und Fabian Lustenberger.

Wie der erste Trainingstag empfunden wurde, hing jeweils von der Perspektive ab. Christian Lell etwa sagte. „In München war der Trainingsauftakt immer in der AllianzArena, da waren natürlich mehr Leute da. Aber von der Stimmung her ist hier in Berlin mehr los.“ Maikel Aerts hingegen war über die Resonanz bei den Anhängern erstaunt: „Hier in Berlin kommen ja mehr Fans zum Trainingsstart als in Holland Zuschauer zu Zweitliga-Spielen.“

In dieser Woche trainiert Hertha zweimal täglich in Berlin, heute um 10 und 16 Uhr auf dem Schenkendorff-Platz. Kommenden Sonntag geht es für eine Woche und drei Testspiele ins Trainingslager nach Oberstaufen im Allgäu.