Vor einer Woche hatte Jaroslav Drobny einiges loszuwerden zum Thema Mannschaftsgeist bei Hertha BSC. Nach den Worten des tschechischen Torhüters schien Berlins auf Crashkurs befindlicher Bundesligist noch dazu von einem tiefen atmosphärischen Graben durchschnitten, der die europäische von der südamerikanischen Fraktion des Kaders trennte. Und dann das: Nie war bei Hertha mehr funktionierendes Multikulti als gestern beim überraschenden, ja sensationellen 5:1 des abgeschlagenen Tabellenletzten im Stadion des amtierenden Deutschen Meisters VfL Wolfsburg.
Das Harmonieren der Völkergruppen wurde besonders bei den Toren sichtbar. Da legte der Brasilianer Raffael den Ball vor dem 1:0, Herthas schnellstem Saisontreffer, maßgenau zurück auf den Griechen Theofanis Gekas (6. Minute); da bolzte Drobny den Ball über Freund und Feind zum Kolumbianer Adrian Ramos, der humorlos zum 2:0 vollendete (8.); da spielte Gekas vor dem 3:0 mit Cicero, einem weiteren Brasilianer, herrlich Doppelpass (26.); da machte der frühere Torschützenkönig Gekas nach Pass des deutschen Nationalspielers Arne Friedrich das erste Drei-Tore-Spiel seiner Bundesliga-Karriere perfekt (4:1, 63.); da krönte Ramos zum wirklich guten Ende mit einem Schlenzer in den rechten oberen Torwinkel eine Stafette, in deren Verlauf der Schweizer Fabian Lustenberger die vor-finale Station war (5:1, 84.).
Nach dem Spiel schimpft Dieter Hoeneß
Absurd, unwirklich – kaum eine Bezeichnung trifft es richtig, was sich da vor 29.353 Zuschauern in Wolfsburgs Arena abspielte. „Ein solches Ergebnis habe ich nicht für möglich gehalten, erst recht nach einer für uns alle sehr anstrengenden Woche“, sagte Hertha-Trainer Friedhelm Funkel. Dass die Gastgeber nach 120 Kraft raubenden Minuten am Donnerstag in der Europa League gegen Russlands Meister Rubin Kasan müde sein würden – nachvollziehbar. Ebenso, dass Hertha ohne jeden Druck aufspielen konnte. Der vermeintliche Niederschlag gegen Nürnberg (1:2) hatte die Stimmung in der Stadt kippen lassen. Aus „siegt für uns“ war „uns doch egal, was die machen“ geworden.
Unverständlich war nur, wie wehrlos sich die Wolfsburger ergaben. „So ist Fußball, wenn man keine Zweikämpfe gewinnt“, schimpfte VfL-Manager Dieter Hoeneß. Aber in der Brust des über 13 Jahre hinweg starken Mannes bei Hertha BSC schlugen zwei Herzen: „Als ich vor dem Spiel sagte, dass Hertha jeden Gegner schlagen kann, wurde ich belächelt. Heute hat man gesehen, dass sie viele gute Spieler haben. Aus diesem Spiel wird Hertha Hoffnung schöpfen.“
"Dieser Sieg tut gut"
Sein Nachfolger als Hertha-Manager, Michael Preetz, stellte fest: „Dieser Sieg tut gut. Jetzt sind es noch sieben Spiele, wir werden unsere Chance suchen. Bis jetzt haben wir im Jahr 2010 in Heimspielen nie nachgelegt, das muss sich ändern. Die Qualität dazu hat diese Mannschaft.“
Tatsächlich ist Hertha im besten Fall natürlich alles andere als ein klassischer Tabellenletzter. Nur hat diese Mannschaft, von gelegentlichen Offensiv-Explosionen wie den Siegen in Hannover und Freiburg (je 3:0) abgesehen, erhebliche Probleme mit dem Toreschießen. So war es in den vergangenen Wochen zu Niederlagen gegen Hoffenheim (0:2), in Hamburg (0:1) und insbesondere gegen Nürnberg gekommen. Diesmal nun, so Lustenbergers Analyse, „waren die ersten drei Torschüsse drin, da spielt es sich dann viel einfacher“. Vor allem Gekas brachte die Bälle einmal nicht nur aufs, sondern auch ins Tor. Drei Torschüsse genügten ihm zu drei Treffern. „Fanis hat unter der Woche richtig gut trainiert, dafür ist er belohnt worden“, lobte Funkel den Griechen.
Demütigung für den Meister
Ramos stand seinem Sturmpartner nur um ein Tor nach, er erzielte in seiner ersten Bundesliga-Saison seine Tore acht und neun. Und, so aberwitzig es anmutet, es wäre ein noch weit höherer Sieg möglich gewesen. Allein der aufgedrehte Cicero vergab reihenweise beste Möglichkeiten (18., 22., 32., 55., 82.), Raffael schoss am langen Eck vorbei (14.), Levan Kobiashvili drüber (59.).
Und die Wolfsburger? Für sie erzielte Grafite in Minute 36 das Ehrentor – 55 Sekunden nach seiner Einwechslung. Der Rest war Schweigen. Das Ergebnis, eine Demütigung für den Champion in dessen Stadion, nannte Verteidiger Marcel Schäfer „die Quittung für eine desolate Leistung“. Und das gegen Hertha!


















