Einmal noch eine Pressekonferenz, die in zwei Sprachen gehalten wurde. Einmal noch mit den funkelnden Blaulichtern einer Polizei-Eskorte von vier Motorrädern und einem Polizeiwagen mit dem Mannschaftsbus durch den abendlichen Stau auf dem Autobahnring von Lissabon zum Flughafen gesaust. Mit dem 0:4 (0:1) bei Benfica Lissabon, dem Aus in der Europa League, endet für Hertha BSC eine Ära. In den vergangenen elf Jahren waren die Berliner neun Mal international dabei. Jahre mit spektakulären Höhenpunkten.

Wie das Nebel-Spiel im November 1999 im Olympiastadion gegen den von Luis van Gaal trainierten FC Barcelona mit Superstar Luis Figo (1:1). Oder die vielleicht beste Auswärtspartie, die Hertha je auf internationalem Parkett bestritten hat, das unglückliche 1:2 bei Inter Mailand im Dezember 2000 im San Siro. Oder jene unwiderstehlichen elf Minuten zu Beginn dieser Saison im Rückspiel gegen Bröndby Kopenhagen. Als Hertha in Schlussspurt mit drei Toren, davon zwei von Gojko Kacar, ein 0:1 in ein 3:1 drehte.

Es gab bittere Enttäuschungen: 2002 die 0:3-Heimpleite gegen Servette Genf, das von Lucien Favre trainiert wurde. Oder der Erstrunden-K.o. 2003 gegen Groclin Grodzisk (0:1). Das Aus vor 30.400 Zuschauern in Lissabon hatte Elemente von beidem. Berauschende Passagen von druckvollem, schnellem Fußball, den Benfica bot. Die Gäste aus Berlin waren sichtlich beeindruckt. Und am Ende froh, dass Benfica beim Stand von 4:0 die Arbeit einstellte.

Vorbei. Das Ende in Lissabon markiert eine Zäsur. Nicht nur, weil die Berliner Zuschauer Fußball-Europa die kalte Schulter gezeigt haben. Zu Herthas fünf Heimspielen in der Europa League kamen im Schnitt gerade 12.720 Besucher. Internationalen Fußball wird Hertha auf Jahre hinaus nur am Fernseher verfolgen. Vorbei die Zeit der Ära Hoeneß, als der Klub mit vielen, vielen Millionen versucht hat, sich unter den deutschen Top-Fünf-Klubs zu etablieren.

Als Tabellenletzter haben die Berliner andere Sorgen – Existenzsorgen. Bei vier Punkten Abstand in der Liga auf das rettende Ufer ist offen, ob der Abstieg vermieden werden kann. Dementsprechend sagte Trainer Friedhelm Funkel im Estadio da Luz: „Wir konnten die überragenden Offensiv-Qualitäten von Benfica nie stoppen. Aber jetzt können wir uns zu 100 Prozent auf die Bundesliga konzentrieren.“ In der nächsten von elf verbleibenden Begegnungen empfängt Hertha am Sonnabend die TSG Hoffenheim (15.30 Uhr Olympiastadion). Die Spieler geben sich zuversichtlich, dass die Niederlage gegen Benfica dem Selbstbewusstsein der Mannschaft keinen Dämpfer versetzen werde. „Das lassen wir uns nicht einreden. Wir wollen gegen Hoffenheim da weitermachen, wo wir beim 3:0 in Freiburg aufgehört haben“, sagte Kapitän Arne Friedrich.

Ob Trainer Funkel oder Manager Michael Preetz: Der Abstiegskampf bindet derzeit alle Energien. Solange ist auch nicht zu klären, ob die Berliner in der kommenden Saison mit einem Bundesliga-Etat von 70 Millionen Euro (davon 30 Mio. Personalkosten) hantieren – oder mit einem um 40 Prozent reduzierten Zweitliga-Etat (42/18 Mio.).

Selbst wenn es Hertha gelingt, die Klasse zu halten, ist eine neue Strategie gefragt. Die künftigen Herausforderungen lauten: Zu Anfang des Jahrzehnts spielten fünf, sechs Klubs um die internationalen Plätze. Aktuell sind es zehn, elf Vereine, die alle die Nahtstelle anstreben – einen Platz in der Champions League. Hertha wird, mit Blick auf seine Verbindlichkeiten (rund 35 Mio.) weniger Geld haben als acht, neun Konkurrenten. Wie positionieren sich die Blau-Weißen in diesem Umfeld?

Nachwuchs ist bei Hertha nicht in Sicht

Da der Klub sich keine Stars kaufen kann, muss er sie selbst ausbilden. Doch seit zwei Jahren kommt aus der Jugendabteilung kaum etwas für den Profikader nach. Welche Strukturen gilt es da zu verändern? Ist ein strategischer Investor zu finden? Und wie lange dauert es bei diesen Voraussetzungen, bis Hertha wieder international spielt?

Die Geschäftsführer Preetz und Ingo Schiller sowie Präsident Werner Gegenbauer wissen um die Aufgaben. Gegenbauer verweist auf das Naheliegende: „Ab sofort gilt alle Kraft dem kurzfristigen Saisonziel, dem Klassenerhalt.“