Morgenpost Online: Heute kann Hertha BSC Tabellenführer werden. Warum reizt Sie das nicht?
Dieter Hoeneß: Weil es eine Momentaufnahme ohne Bedeutung wäre. Ich verstehe die Euphorie der Fans, aber als Manager ist man manchmal gezwungen, bewusst kein Fan zu sein und rational zu denken. In der Euphorie werden viele Fehler gemacht.
Morgenpost Online: Bundestrainer Joachim Löw sprach vor kurzem von einem Vierkampf um den Titel. Hertha klammerte er aus.
Hoeneß (schmunzelt): Auch der Bundestrainer macht mal einen Fehler. Er hat uns wohl einfach vergessen. Er ist ja auch nicht mehr der Jüngste.
Morgenpost Online: Vor einem Jahr war Hertha nach 18 Spielen 13., diesmal ist die Mannschaft Zweiter. Was sind die Gründe für den Aufschwung?
Hoeneß: Wir wollten nach der Saison 2006/2007 einen Umbruch vornehmen, den Charakter der Mannschaft verändern. Das habe ich im Mai 2007 angekündigt, also noch bevor unser jetziger Trainer Lucien Favre bei uns im Gespräch war. Das wurde konsequent umgesetzt. Mittlerweile erkennt man deutliche Fortschritte. Auf Sicht gesehen wollen wir wieder ganz vorn angreifen.
Morgenpost Online: Das hört sich sehr geplant an.
Hoeneß: Fußball ist keine Mathematik, aber man kann die Basis legen. Dafür braucht man allerdings die finanziellen Mittel. Wir haben Spieler für rund 18 Millionen Euro abgegeben, mit Nike und Sportfive wichtige Verträge verlängert. Dann haben wir Geld in die Mannschaft investiert, was wir zuvor nicht gekonnt haben. Da mussten wir zusehen, wie andere sich am Markt bedient haben. Das war in den vergangenen eineinhalb Jahren anders, und das ist ein wesentlicher Grund, warum wir jetzt wieder oben stehen.
Morgenpost Online: Leidet Hertha unter dem „Standort Hauptstadt“?
Hoeneß: In der Hauptstadt zu spielen, ist eine Hypothek, ja. Wir hatten nur eine Chance: Hausaufgaben machen, den überhöhten Erwartungshaltungen die Stirn bieten und Substanz aufbauen, bis der Standort zum Vorteil für uns wird. Ohne finanzielle Mittel geht es nun einmal nicht. Ein Fußballklub kann nicht gleichzeitig arm und sexy sein – offenbar im Gegensatz zu einer Stadt.
Morgenpost Online: Ist Hertha sexy?
Hoeneß: Noch nicht, aber bald. Hertha hat gute Voraussetzungen.
Morgenpost Online: Der Aufschwung wird oft an der Arbeit von Trainer Favre festgemacht.
Hoeneß: Er hat großen Anteil am Erfolg. Hier herrscht ein Zusammenspiel vieler Kräfte, und jeder versucht, in seinem Bereich das Maximale zu erreichen. Favres große Stärke ist es, auf dem Trainingsplatz der Mannschaft eine Struktur zu geben und ein gutes Klima zu erzeugen. Dafür müssen wir ihm gute Spieler zur Verfügung stellen.
Morgenpost Online: Sie sind noch bis 2010 in der Verantwortung. Danach ist Schluss – oder?
Hoeneß: Ja, und ich habe auch nie einen Zweifel daran gelassen.
Morgenpost Online: Ihr Bruder Uli hat darüber nachgedacht, seinen Abschied beim FC Bayern zu verschieben, wenn es die Finanzkrise erfordert.
Hoeneß: Hertha ist mit dem FC Bayern aber nicht zu vergleichen. In diesem Punkt sind wir besser vorbereitet als die Bayern, denn wir ziehen seit langem Leute heran, die meine Nachfolge antreten werden. Ich habe Michael Preetz und Jochen Sauer über Jahre Verantwortung übertragen und sie in diese Rolle hineinwachsen lassen. Wir sind gut aufgestellt, deshalb ist für mich im Sommer 2010 definitiv Schluss.
Morgenpost Online: Was machen Sie danach?
Hoeneß: Dinge, für die ich lange keine Zeit hatte: Freunde treffen, golfen, reisen, vielleicht mal wieder ein Bild malen. Ein halbes Jahr mindestens werde ich meinen Akku aufladen.
Morgenpost Online: Ist der leer?
Hoeneß: Nein, ich werde bis zum Schluss alles geben. Aber natürlich hat die Aufbauarbeit Spuren hinterlassen. Zwölf Jahre Berlin ist wie 25 Jahre Bremen oder 40 Jahre Freiburg.
Morgenpost Online: Wie wollen Sie Hertha 2010 übergeben?
Hoeneß: In einem sportlich und wirtschaftlich sehr guten Zustand. Als ich den Verein übernommen habe, hatte Berlin Hertha vergessen. Heute ist das Image um ein Vielfaches besser.
Morgenpost Online: Mit Marko Pantelic haben Sie sogar eine Identifikationsfigur. Dennoch ist sein Verhältnis zu Favre gestört.
Hoeneß: Über das Verhältnis zum Trainer werde ich mich nicht äußern. Zunächst einmal ist es mir gelungen, durch ein Gespräch in der Winterpause dafür zu sorgen, dass Marko noch bis zum Sommer bei uns spielt und alles für den Verein gibt. Wie es weitergeht, wird man sehen. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt für Prognosen.
Morgenpost Online: Sie haben einmal den Traum formuliert, mit der Meisterschale durch das Brandenburger Tor zu fahren. Schaffen Sie das noch in Ihrer Amtszeit?
Hoeneß: Diese Aussage habe ich vor der Kirchkrise und vor dem Stadionumbau getätigt. Danach hat sich die wirtschaftliche Situation von Hertha gravierend geändert. Das hat uns 45 Millionen Euro gekostet in einer Phase, in der wir Dinge aufbauen mussten, die andere Klubs längst hatten, zum Beispiel das Trainingsgelände. Die Fahrt mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor war ein Wunschtraum, vielleicht damals etwas voreilig geäußert. Aber man wird ja auch mal Träume formulieren dürfen. Hertha wird diesen Traum irgendwann leben können. Wir haben die Basis dafür gelegt.
Morgenpost Online: Würde Ihnen etwas fehlen, wenn es bis 2010 nicht klappt?
Hoeneß: Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich von diesem Traum verabschiedet, weil es durch die beschriebenen Einschnitte nicht möglich war, ihn zu erreichen. Wir mussten uns ein paar Jahre mit Mittelmaß zufrieden geben, um die Finanzen zu konsolidieren. Ein Gesundungsprozess, der die Grundlage für zukünftige Erfolge sein wird.
Morgenpost Online: Wann wird Hertha reif für die Meisterschaft sein?
Hoeneß: Eine Meisterschaft ist allerdings nicht so konkret planbar. Ich betone, dass die Zukunft von Hertha nicht rosarot ist, wir wissen nicht, wie sich die Finanzkrise auswirken wird. Sie wird vor allem die Vereine treffen, die keine Investoren im Hintergrund haben werden. Die ersten Auswirkungen merken wir ja bereits: Der aktuelle Fernsehvertrag hätte anders ausgesehen, wenn es die Krise nicht geben würde.
Morgenpost Online: In Werner Gegenbauer hat Hertha einen Präsidenten, der ein enger Vertrauter von Ihnen war. Im Dezember jedoch gab es Misstöne, Gegenbauer monierte die „Hoeneß-Festspiele“ bei Hertha. Ist die Freundschaft zerbrochen?
Hoeneß: Zu privaten Dingen werde ich mich nicht äußern. Wir haben uns zusammengesetzt und eine Basis für die weitere Zusammenarbeit gefunden. Die Äußerungen waren für mich nicht nachvollziehbar, das weiß Gegenbauer auch. Wir waren Dritter zu diesem Zeitpunkt, die öffentliche Diskussion war schädlich. Aber ich habe keinen Zirkus gemacht und werde die Sache auch jetzt nicht noch einmal aufwirbeln. Wir werden im Interesse von Hertha an einem Strang ziehen.
Morgenpost Online: Sie haben Hertha zuletzt geprägt wie kein Zweiter. Vollzieht der Klub jetzt eine Art Abnabelungsprozess von Dieter Hoeneß?
Hoeneß: Ich glaube nicht, dass das notwendig ist. Wenn jemand geht, müssen andere den Raum füllen, den er hinterlässt. Und darüber mache ich mir keine Sorgen.





