Als Hertha BSC vor einem knappen Jahr einen Brasilianer namens André Lima verpflichtete, kannte Trainer Lucien Favre den Brasilianer ausschließlich von Videos. Ein Tor nach dem anderen erzielte der Stürmer darauf, der damalige Führende der brasilianischen Torschützenliste traf mit Links, mit Rechts, mit dem Kopf - wie er gerade wollte. 3,5 Millionen Euro und einen Vierjahresvertrag war den Berlinern der Stürmer wert.
Elf Monate, 16 Lima-Spiele und zwei Tore später steht die Erkenntnis, dass Tore in südamerikanischen Ligen nicht automatisch Aufschluss über Bundesligatauglichkeit geben müssen. Lima ist inzwischen ausgeliehen, Hertha sucht einen Stürmer, ein offensiver Mittelfeldspieler soll überdies verpflichtet werden.
Deshalb hat sich Favre nach Informationen der Morgenpost zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen. Mitten in der Saisonvorbereitung ist der Schweizer nach Rio de Janeiro geflogen, das Training in Berlin leitete sein Assistent Harald Gämperle. Einziger Zweck von Favres Kurztrip: Mögliche Zugänge für nächste Saison beobachten und dann schnell zurück nach Berlin. Gestern beobachtete er das Finalrückspiel der Copa Libertadores, des südamerikanischen Pendants zur Champions League, zwischen Fluminense Rio de Janeiro und LDU Quito.
Schon vier Brasilianer im Kader
Das Hinspiel hatte Quito mit 4:2 gewonnen, den zweiten Treffer von Fluminense erzielte dabei ein gewisser Thiago Neves. Der offensive Mittelfeldspieler passt mit seinen 23 Jahren und seinem technisch versierten Spiel in das Profil von Favre, zudem bewies der Brasilianer mit vier Treffern in zwölf Copa-Spielen seine Torgefährlichkeit. Hoeneß hat Neves schon im Halbfinale persönlich gesehen, ernsthaftes Interesse wegen dessen Marktwert (rund acht Millionen Euro) aber dementiert. Für Verwirrung sorgte vor einem Monat der vereinseigene TV-Sender "canalfluminense". Auf seiner Homepage stand: "Weil Thiago Silva zu Leverkusen und Thiago Neves wohl zu Hertha wechseln, schaut sich die Vereinsführung nach neuen Spielern um." Eher unwahrscheinlich ist, dass der treffsicherste Fluminense-Stürmer für Hertha von Interesse ist: Dodo (vier Tore in acht Spielen) ist 34 Jahre alt.
Doch auch bei Quito stehen mit dem Argentinier Claudio Bieler (24) und dem Ecuadorianer Luis Bolanos (23) so junge wie torgefährliche Spieler unter Vertrag. Bieler erzielte in zehn Spielen drei Tore, Bolanos kam in elf Spielen auf vier Treffer. Auch der argentinische Spielmacher Damian Manso (29) spielt eine starke Saison, er kam in elf Spielen auf drei Tore. Viele andere Kandidaten dürfte Favre, der vier Brasilianer im Kader hat, kaum im Auge haben - bei Fluminense stehen gleich vier 18-jährige Offensivkräfte unter Vertrag, die mangels Einsatzzeit kaum Aufschluss über ihre Qualität erbringen konnten.
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