Fußball

Hertha geht unberechenbar und kreativer in die neue Saison

Trainer Jos Luhukay hat der Mannschaft im Trainingslager für die zweite Spielzeit in der Bundesliga höchste Variabilität verordnet. Sein Kader ist mit sieben neuen Spielern auch tiefer besetzt.

Foto: Martin Huber / picture alliance / Martin Huber

Seit sechs Wochen läuft die Vorbereitung von Hertha BSC. Einen Satz gab es in der gesamten Zeit nicht zu hören. Nicht vom Trainer, nicht vom Manager, nicht von den Spielern: „Das zweite Jahr ist immer das schwerste.“ Jene Weisheit, gewachsen in 51 Jahren Fußball-Bundesliga, die Aufsteiger zu hören bekommen, wenn sie das erste Jahr in der deutschen Eliteklasse gemeistert haben. So wie Hertha BSC in der vergangenen Saison, die respektabel als Klassen-Elfter abgeschlossen worden war.

Sieben neue Spieler im Team

Doch Trainer Jos Luhukay hat seiner Mannschaft in diesem Sommer erneut einen derartigen Umbruch verordnet, dass die Spieler vollauf beschäftigt sind, mit den neuen Herausforderungen Schritt zu halten. Luhukay beginnt seine dritte Saison bei Hertha. Und auch im Trainingslager in Schladming zeigt sich wieder das Muster, mit dem Jos Luhukay in eine neue Saison geht.

Bei seinem Amtsantritt in Berlin 2012, Hertha ging als Zweitligist in die Saison, ließ Luhukay Dominanz trainieren. Wieder und wieder. Und dann noch mal. Die Folge war, dass Hertha souverän durch die Liga segelte. Praktisch zwangsläufig wurde das eigentliche Saisonziel, die Rückkehr in die Bundesliga, erfüllt, mal eben mit einer Rekordpunktzahl im Unterhaus.

Im vergangenen Sommer kamen nicht nur sechs Neue. Luhukay verordnete Hertha das Gegenteil von Dominanzfußball, ein gutes Umkehrspiel. Starke Balleroberung, blitzartig das Mittelfeld überbrücken und möglichst rasch abschließen. Vor allem in der Hinrunde setzte die Mannschaft dieses Vorhaben um. Und quasi als Begleitprodukt fuhr der Hauptstadt-Klub vorzeitig die nötigen Punkte ein, um das eigentliche Saisonziel Klassenerhalt frühzeitig zu sichern.

Die Hierarchie ist kein Thema

In diesem Sommer der nächste Umbruch. Aktuell hat Hertha sieben Neue am Start, falls der gesuchte Topstürmer noch kommt, werden es acht Zugänge sein. Nun verlangt Luhukay Variabilität von seiner Mannschaft. Unberechenbar soll sie sein, kreativ. Dafür lässt er zusätzlich zum bisher gespielten System 4-2-3-1 ein 3-4-3 üben, bei dem die Mannschaft bei Ballbesitz zusätzliche Optionen für Überraschungen hat – theoretisch jedenfalls. Dieses System ist ungewohnt. Luhukay verbrachte in der Steiermark viel Zeit damit, zu erklären, wie die Innenverteidiger sich verschieben sollen. Was sich für die defensiven Mittelfeldspieler ändert, was für die Stürmer. Da war volle Konzentration bei jedem Spieler gefragt. „Es ist sehr, sehr intensiv“, sagte Valentin Stocker, der Schweizer Nationalspieler, einer der Neuen.

Die Mannschaft ist vollauf beschäftigt, die Neuerungen umzusetzen wie in den Tests gegen Austria Salzburg (5:0) oder gegen Kasimpasa Istanbul (1:1). Da rücken andere Themen, die sonst in einer Vorbereitung argwöhnisch verfolgt werden, in den Hintergrund. Etwa: Wie ändert sich die Hierarchie durch die Neuen?

Mehr interne Konkurrenz

Klar wird es durch die veränderte Konkurrenzsituation für wichtige Spieler der vorangegangenen Jahre wie Peter Niemeyer oder Ronny oder Änis Ben-Hatira schwieriger, zu Einsatzzeiten zu kommen. „Wenn wir uns in der Bundesliga etablieren wollen, ist es wichtig, nicht auf der Stelle stehen zu bleiben, sondern die Mannschaft Jahr für Jahr durchzuselektieren“, sagt Trainer Luhukay. Doch Gewinner oder Verlierer der Vorbereitung taugen diesmal nicht als Kategorie. Roy Beerens, Flügelflitzer aus Holland, ein anderer Zugang, staunt über die Qualität im Kader: „Du musst gesund und 100 Prozent fit sein, weil jeder der anderen sofort spielen kann.“

Youngster John Brooks, 21, hat aus seiner WM-Erfahrung mit den USA gelernt, wo der Herthaner bei den vier Spielen des US-Teams für eine Halbzeit im Einsatz war (und das 2:1-Siegtor gegen Ghana köpfte): „Wir sind eine Mannschaft. Jeder muss bereit sein für den Moment, in dem er gefordert ist.“

Im Pokal zu Viktoria Köln

Im Moment herrscht im Kader eine gute Stimmung. Was die wert ist, wird sich zeigen, wenn die Pflichtspiele beginnen. Trainer Luhukay wirbt um Professionalität bei seinen Profis: „Wir werden eine Saison nicht mit elf Spieler bestreiten, nicht mit 13 und auch nicht mit 15. Wir brauchen den ganzen Kader.“ Gleichzeitig macht sich nach der langen Vorbereitung Ungeduld breit. Roy Beerens sagt: „Ich bin bereit, wir sind gut vorbereitet. Von mir aus könnte es morgen losgehen.“ Er wird sich ein wenig gedulden müssen. Das erste Pflichtspiel steht am kommenden Sonnabend an mit der Erstrunden-Partie im DFB-Pokal bei Viktoria Köln (16. August, 15.30 Uhr). Am 23. August startet Hertha in die Bundesliga mit einem Heimspiel gegen Werder Bremen.

Die Gelegenheit zu erfahren, dass im deutschen Fußball alles etwas größer ist, als es der eine oder andere Neue kennt, bietet sich bereits heute. Valentin Stocker hat seine bisherige Karriere in der Schweiz verbracht. Er fragte, wie die Saisoneröffnung ablaufe, die Hertha heute ab 12 Uhr auf dem Trainingsgelände im Olympiapark veranstaltet. In den vergangenen Jahren kamen jeweils mehrere zehntausend Hertha-Fans. Weshalb die Antwort von Mediendirektor Peter Bohmbach lautete: „Valentin, das Showtraining im Amateurstation wird ab 14 Uhr ungefähr eine Stunde dauern. Im Anschluss solltest du für die Autogramme mit den Fans zwei bis drei Stunden einplanen.“ Woraufhin Stocker ein ebenso lang gedehntes wie überraschtes „Okayyy“ entfuhr. Auch das ist ein kleiner Schritt auf dem langen Weg, Hertha in der Bundesliga zu etablieren.